Die Lahrerin Veronika Möller hat ihre Tochter am 16. August drei Monate zu früh zur Welt gebracht. Das Neugeborene musste bis Anfang Dezember im Offenburger Klinikum bleiben.
Liana schreit, sie möchte zu ihrer Mutter. Veronika Möller legt ihre Tochter auf den Arm, jetzt ist das Kind zufrieden. Dieses normale, alltägliche Szenario in der Wohnung der 29-jährigen Altenpflegerin aus Lahr war lange Zeit undenkbar: „Liana kam bereits in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt.“ Bei der Geburt wog das Frühchen gerade mal 545 Gramm. Zum Vergleich: „Normale“ Babys wiegen bei der Geburt durchschnittlich 3500 Gramm.
Bis zur 23. Schwangerschaftswoche sei alles in Ordnung gewesen, erinnert sich Möller. Am 9. August 2025 sei sie jedoch mit Blutungen ins Krankenhaus gekommen. Dabei fanden die Ärzte heraus, dass ihre Fruchtblase kleine Risse hatte und Fruchtwasser abging. Dadurch war klar, dass das Baby bald kommen werde, so die 29-Jährige. Dabei sei jede Woche, die das Ungeborene im Mutterleib verbringt, entscheidend für die Entwicklung. Gespräche mit Ärzten der Neonatologie-Station, auf der Frühgeburten behandelt werden, bereiteten sie im Vorfeld auf alle Szenarien vor, ob positiv oder negativ.
Das Leben von Liana hing am seidenen Faden
Am 16. August um 22.34 Uhr war es dann so weit: Liana kam zur Welt. Sie wurde umgehend auf die Neonatologiestation gebracht und intensivmedizinisch versorgt. „Die Lunge ist das letzte Organ, das ausgebildet wird. Daher konnte Liana nicht selbst atmen“, erklärt Möller. Dazu setzten die Ärzte eine sogenannte CPAP-Maske zur Intubation und Beatmung ein. Damit sollte das geschwächte Immunsystem unterstützt werden.
Dennoch verschlimmerte sich die Lage zwei Wochen nach der Geburt, wie die 29-Jährige emotional beschreibt: „Lia bekam eine Sepsis und ihre Nieren haben versagt. Mein Mann und ich haben oft gedacht, dass sie es nicht schaffen wird.“ Ständig gab es im September schlechte Nachrichten mit neuen Diagnosen, doch Liana kämpfte um ihr Leben.
„Jeder Tag war ein Auf und Ab. Dass sie überlebt hat, ist ein großes Wunder“, blickt Möller auf die Zeit zurück, die eine „sehr schlimme Erfahrung“ gewesen sei. Angst und Unsicherheit waren ihr täglicher Begleiter, Freude sei anfangs ein Fremdwort gewesen.
Ab Oktober ging es Liana Schritt für Schritt besser
Jeden Tag besuchte sie ihre Tochter auf der Station, auch ihr vierjähriger Sohn Lian sei oft dabei gewesen. „Er hat sehr viel durchgemacht, aber auch Verständnis gezeigt, dass Mama oft nicht da war“, lobte die 29-Jährige. Ihr Mann („Er hatte keine Wahl, als stark zu sein“) habe sich in dieser Zeit am meisten um Lian gekümmert. Denn die Mutter konnte nur abends für ihren Sohn da sein, da sie tagsüber meistens im Klinikum war.
Ab Oktober verbesserte sich Lianas Zustand, sie wurde ab dem 15. November auf die sogenannte Päppelstation verlegt. Dort lernte sie das Trinken und wurde langsam darauf vorbereitet, die Klinik zu verlassen. Sie machte große Fortschritte: „Innerhalb von ein oder zwei Tagen hat sie selbstständig wieder geatmet, das ging alles so schnell“, so Veronika Möller. Sie habe befürchtet, dass Liana auch daheim beatmet werden müsse.
Es war surreal, nach vier Monaten heimzugehen
Vor der Entlassung durfte die 29-jährige Lahrerin ein Wochenende im Elternzimmer auf der Station verbringen, um die Eingewöhnung zu erleichtern. „Dies hat mir sehr geholfen. Vorher konnte ich mir nicht vorstellen, alleine mit ihr nach Hause zu gehe“, gibt Möller zu.
Der Entlasstag stand am 9. Dezember an, exakt vier Monate nach der Aufnahme ins Krankenhaus. „Ich war so aufgeregt beim Abschied. Es war sehr emotional, auch für die Pflegekräfte“, betont die Altenpflegerin. Die zunächst unvorstellbare Situation, als Familie gemeinsam nach Hause zu gehen, wurde Realität.
„Die Normalität kehrt langsam zurück.“ Das sagt Veronika Möller einen Monat, nachdem Liana zu Hause angekommen ist. Aktuell wiegt sie 3400 Gramm. Es stehen regelmäßig Nachsorgetermine im Offenburger Klinikum an, die Hebamme kommt oft zu Besuch. Am 4. Dezember hat Liana noch eine Augen-Operation überstanden. Natürlich könne sie nicht wissen, wie sich ihre Tochter in Zukunft entwickeln und ob sie mit Einschränkungen leben werde. „Aber wir sind dankbar, dass wir überhaupt so weit gekommen sind und werden Lia unterstützen, wo wir können“, sagt die Mutter.
Die Mitarbeiter haben eine tolle Arbeit geleistet
Die vier Monate im Klinikum seien eine quälende Zeit gewesen, bei der sie kaum Kontakt mit der Außenwelt hatte. „Ich hatte gar nichts mehr vom Leben, auf einmal wurde mir alles genommen.“ Sie habe nur mit ihrer Familie und dem Personal der Neonatologie-Station gesprochen.
Letzteres sei eine enorme Unterstützung gewesen: „Ich habe in Krankenhäusern noch nie so etwas Positives erlebt“, ist Möller überzeugt. Die Mitarbeiter seien menschlich und auf Augenhöhe gewesen. Die Oberärzte Moritz Rohrbach und Alexander Braun haben sie von Anfang an begleitet. Dafür verspüre sie „unglaubliche Dankbarkeit“.
Was ist Neonatologie?
Die Neonatologie ist ein Bereich der Kinderheilkunde, der sich mit der intensivmedizinischen Versorgung von Frühgeborenen, Neugeborenen mit Erkrankungen oder angeborenen Fehlbildungen befasst. Die Station der Neonatologie im Offenburger Klinikum behandelt jährlich etwa 300 bis 400 Früh-und Neugeborene. Dabei steht eine familienzentrierte, entwicklungsfördernde Betreuung im Mittelpunkt.