Die Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut hat am Wochenende behauptet, sie sei angegriffen, rassistisch beleidigt und sexuell belästigt worden. Doch es gibt erhebliche Zweifel an ihrer Darstellung.
Die Vorwürfe der Bundestagsabgeordneten wiegen schwer: Sie sei, schreibt Gökay Akbulut, am vergangenen Samstag im „überfüllten“ Intercity von „Rechtsextremisten beleidigt und angegriffen“ worden. So schrieb sie es auf der Plattform „Instagram“ – und deutschlandweit griffen Medien den Bericht der Linken-Parlamentarierin auf. In Heidelberg sei sie in den Zug gestiegen, der Mainz und Stuttgart miteinander verbindet, und dort auf Fans vom VfB Stuttgart getroffen, die sich auf dem Rückweg vom Fußballspiel in Mainz befanden.
Ihr Zug, so schreibt die Abgeordnete, „war voll von männlichen Fußballfans“. Sie habe sich mit Rucksack und Koffer durch die überfüllten Wagen drängen müssen. Dabei sei sie „wiederholt sexuell belästigt und rassistisch beleidigt“ geworden. Hinter ihr habe dann eine Gruppe Männer gesessen, „die ständig AfD-Parolen riefen, sangen und grölten“. Als sie die Gruppe fotografiert habe, „warf ein Mann mit Brille eine Bierflasche gegen meinen Kopf“. Akbulut habe unter Schock gestanden, geschrien und nach der Polizei gerufen.
Zeugen wenden sich an Redaktion
Reporter unserer Zeitung haben seitdem mit zahlreichen Zeugen des Vorfalls gesprochen. Deren Schilderungen zeichnen ein anderes Bild der Geschehnisse. Sie nähren Zweifel, dass es im IC Mainz – Stuttgart so zuging, wie Akbulut es schildert.
Eine Frau Mitte vierzig, selbst mit Migrationshintergrund, schildert, dass sie in unmittelbarer Nähe zu der Abgeordneten in einem 1.-Klasse-Waggon saß. Zunächst habe sich Akbulut auf den dritten Einzelplatz nahe der Glastür zur 2. Klasse gesetzt. Fans des VfB hätten Fußballlieder gesungen, ein Zugbegleiter habe über die Lautsprecheranlage sogar zeitweise Lieder eingespielt. Es sei eine „laute, aber friedliche, trotz der Niederlage entspannte Atmosphäre“ im Zug gewesen. Akbulut – so berichten es auch andere Zeugen – habe auf sie verärgert gewirkt, als sie in Heidelberg in den IC 2048 gestiegen sei. Mehrfach habe die Politikerin ihren Platz verlassen und sei durch die Glastüre in das 2. Klasse-Abteil gegangen. Schließlich habe sie sich auf einen direkt an diese Türe mit der Rückenlehne angrenzenden Sitz gesetzt. Die Auslastung des IC gibt die Deutsche Bahn mit „gering“ an. Das widerspricht Akbuluts Darstellung, die von „überfüllten Wagen“ schreibt.
Gesprächspartner unserer Zeitung beschreiben, dass die Abgeordnete sich von Beginn an „fast schon aggressiv und provozierend“ an die Fußballfans gewandt habe, die im Mittelgang an den Sitzen anderer Mitreisender standen. Akbulut habe die Fans beleidigt, sie hätten „nichts im Hirn“, seien „dumm“, man könne nichts anderes von ihnen erwarten, als dass sie grölten. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Fans die Abgeordnete jedoch noch ignoriert. Die Politikerin beteuert, sich „über Fußballfans im Allgemeinen nicht abwertend geäußert“ zu haben. Was allerdings nichts darüber sagt, ob sie sich über die mitreisenden VfB-Fans im Speziellen negativ äußerte.
Akbulut wirkte auf einige ihrer Mitreisenden alkoholisiert. Sie habe im Zug zudem eine kleine Flasche Rotwein getrunken, sagen Zeugen. Akbulut sagt auf unsere Frage zu diesem Thema nichts. Die Gesprächspartner unserer Zeitung waren in beiden Zugabteilen. Nur ein Teil von ihnen gehört zu den Fans des VfB Stuttgart.
„Drecksnazis“ und „Schlampe“
Während der weiteren Fahrt habe die Parlamentarierin Mitreisende als „Drecksnazis“, „Nazis“, „Faschos“ beschimpft, die sich „ficken“ sollten. Daraufhin sei Akbulut auch von den VfB-Fans verbal angegangen worden. So will ein Mitreisender gehört haben, dass die Politikerin als „Schlampe“ beleidigt wurde, die „mal anständig durchgevögelt gehört“. Auf Nachfrage sagt Akbulut, sie sei „nicht nur betatscht, sondern auch mit sexistischen und rassistischen Sprüchen beleidigt“ worden, während sie drei Waggons passiert habe. Einige Männer hätten anzügliche Bemerkungen wie „Hey Kleine, komm doch zu uns“, andere „Ausländer raus“ skandiert.Akbulut sagt weiter, dass „in dem Wagen, in dem ich schließlich einen Platz fand“ hinter ihr eine Reihe von Männern gesessen habe, „die während der gesamten Fahrt laut AfD-Slogans grölten, etwa‚ nur die AfD, jetzt kommt die AfD.‘“ Von diesen Rufen berichtet uns auf mehrfache Nachfrage keiner unserer Gesprächspartner. Wie auch nicht davon, dass eine Frau aufgestanden sei und die Männer aufgefordert habe, ruhiger zu sein.
Polizei sucht Zeugen des Vorfalls
Unterschiedlich sind auch die Darstellungen über die geworfene Bierflasche, von der die Abgeordnete getroffen worden sein will: Zeugen berichten, sie hätten im 2. -Klasse-Abteil bei Akbulut eine Wurfbewegung mit dem rechten Arm wahrgenommen. Zwei berichten, die Parlamentarierin habe das leere Rotweinfläschchen in Richtung der VfB-Fans geworfen. Daraufhin sei ein Gegenstand zurückgeflogen, möglicherweise ein Hartplastikbecher oder eine Bierdose.
Eine Sprecherin des für das Bundesligaspiel verantwortlichen Präsidiums Mainz sagt, dass die Polizei in Mainz im Zusammenhang mit der Begegnung „keine extremistisch einzuordnenden Gruppierungen“ bei den Fans beider Vereine feststellte. Auch seien keine „rassistischen Parolen im Umfeld des Spiels“ gerufen worden, ansonsten hätte die Polizei eingegriffen. Es sei eine normale Fußballbegegnung gewesen.
Die Ermittlungen zu dem Vorfall führen inzwischen die Staatsanwaltschaft sowie das Polizeipräsidium in Stuttgart. Die Gesprächspartner unserer Zeitung wurden teilweise bereits von Ermittlern befragt, andere wollen sich als Zeugen bei der Polizei melden. Diese prüft die sich widersprechenden Aussagen. Mögliche weitere Zeugen können sich unter der Rufnummer 0711 – 899 05 778 bei der Kriminalpolizei melden.