Die Sachen für den Schulunterricht zu packen, bleibt für manche weiter ein Wunsch. Foto: dpa

Sämtliche Betroffene in Quarantäne. Weitere Nachweise mutierter Coronaviren gemeldet.

Freiburg/Stuttgart - Gerade wollen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mit dem Beschluss für die Öffnung von Grundschulen und Kitas im Land vor die Öffentlichkeit treten, da wirbelt eine Freiburger Kita die Planung durcheinander. Das Auftreten der neuen, mutmaßlich um ein Drittel ansteckenderen Corona-Variante in der Notbetreuung einer Freiburger Kindertagesstätte sorgt dafür, dass das Land seine ambitionierten Pläne erst einmal auf Eis legen muss.

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Um kurz vor 14 Uhr, eine halbe Stunde vor ­Kretsch- manns geplantem Corona-Statement zur Kita- und Schulöffnung also, erreicht die Meldung des Landesgesundheitsamts die Landesregierung: Bei zwei Kindern in einer Freiburger Kita wurde das mutierte Coronavirus festgestellt, die Variante N501Y. Mindestens acht weitere Kinder und 14 Erzieherinnen der Kita "Immergrün" seien zudem infiziert. Ob und welche mutierte Corona-Variante sie in sich tragen, werde man erst in den kommenden Tagen wissen, erklärt Regierungssprecher Rudi Hoogvliet am frühen Mittwochnachmittag.

Auch die Diakonie Baden bestätigt den Verdacht auf eine Infektion mit einer mutierten Variante des Coronavirus in der Einrichtung. Vier der sechs Gruppen sind daher in Quarantäne. Die Kita "Immergrün" im Stadtteil Vauban ist eine von zehn Kindertagesstätten des Diakonischen Werkes Freiburg. Einem Sprecher zufolge sieht das Hygienekonzept der Kita vor, dass die sechs Gruppen konsequent voneinander abgeschottet sind und sich nie begegnen. Daher würden die zwei nicht betroffenen Gruppen zunächst auch weiter wie gewohnt betreut. "Die gute Nachricht ist, dass das Hygienekonzept funktioniert hat", erklärt der Sprecher. Am Abend teilt die Diakonie mit: Der Ausbruch gehe auf einen Erzieher zurück, der zunächst keine Symptome gehabt habe. "Als er unter Geschmacksverlust litt und sich sofort testen ließ, hatte er das Virus schon weitergegeben", sagt eine Sprecherin. Alles spreche dafür, dass über Kontakte im Privaten dann das Virus auch auf Mitglieder anderer Gruppen übertragen worden sei, heißt es weiter. "Die Krankheitsverläufe waren allesamt moderat."

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Hoogvliet hält sich dagegen zurück: Weder über den betroffenen Freiburger Stadtteil noch über die mögliche Rückverfolgung der Infektionen in Freiburg könne man derzeit etwas sagen. Klar sei aber: Einen vergleichbar "geballten Ausbruch" hätten die baden-württembergischen Gesundheitsämter noch in keiner Kindertagesstätte erlebt.

Kretschmann kündigt am Abend an, die Entscheidung über die Schul- und Kita-Öffnung nun vom Ausgang der Untersuchungen in Freiburg abhängig zu machen – und zwar "faktenbasiert und sorgfältig". "Sollte sich der Mutant schon jetzt bei uns breitmachen, müssten wir uns dieser neuen Lage stellen", erklärt der Ministerpräsident. In so einem Fall müsste die Entscheidung über die Öffnung von Grundschulen und Kindertagesstätten "neu bewertet und getroffen werden". Große Aufregung verursacht das Bekanntwerden der zahlreichen Corona-Fälle auch im Freiburger Rathaus: Zunächst sei unklar gewesen, ob eine städtische Einrichtung betroffen sei, erklärt Rathaussprecherin Martina Schickle. Man werde die Öffentlichkeit informieren, sobald man mehr wisse. OB Martin Horn (parteilos) sagt am Mittwochabend, er sei "sehr betroffen", dass die mutierte Corona-Variante in Freiburg und dort auch noch bei Kindern aufgetreten sei. Der Krisenstab der Stadt will an diesem Donnerstag das weitere Vorgehen beraten. Man werde "mit großer Aufmerksamkeit und Sorge" die Entwicklung verfolgen, verspricht Horn.

Bald wird am Mittwoch klar: Betroffen ist keine städtische Einrichtung, sondern die Kita "Immergrün" der Diakonie im Öko-Stadtteil Vauban. Am 17. Januar habe man die erste Krankmeldung eines Mitarbeiters wegen Corona bekommen, erklärt Kita-Leiter Dominik Krakutsch. Zu diesem Zeitpunkt seien etwa 50 der mehr als 100 Kita-Kinder in der Notbetreuung gewesen. Man habe eng mit dem Gesundheitsamt kooperiert und das Übergreifen des Virus von der betroffenen Kita-Gruppe auf weitere Gruppen verhindern können, berichtet Krakutsch. Innerhalb der Gruppe gelang dies aber nicht: Dort würden "aus pädagogischen Gründen" auch keine Masken getragen, sagt Krakutsch.

Sämtliche Betroffene in Quarantäne

Das zuständige Gesundheitsamt in Freiburg teilt am Mittwoch zudem mit, dass es neben den beiden Kita-Kindern in Freiburg bisher vier und im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald zwei weitere Corona-Mutationsfälle gebe. Sämtliche Betroffenen aus der Kita seien in Quarantäne, die Kontakte würden nachverfolgt, erklärt Behördensprecher Matthias Fetterer.

Für die Landesregierung ist der Freiburger Fall ein Debakel größten Ausmaßes. Es sei zwar klar gewesen, dass der Ministerpräsident die Öffnung der Schulen und Kitas immer unter dem Vorbehalt der Entwicklung der Corona-Pandemie angestrebt habe. Nun aber sei erst einmal vollkommen unklar, wann dies möglich sein werde, räumt Hoogvliet ein. Auf die Frage, ob Baden-Württemberg hier einen Sonderweg gehe, komme es nun nicht mehr an. Der Freiburger Fall müsse "sehr nachdenklich stimmen und untersucht werden", betont Kretschmanns Sprecher. Grund: Die mutierten Corona-Viren stünden im Verdacht, bei kleinen Kindern "leichter andocken" zu können, wissenschaftlich geklärt sei dies aber noch nicht.

Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) erklärt am Mittwochabend, der Fall in Freiburg sei der erste von mutierten Viren in einer Kita im Südwesten. Insgesamt seien am Mittwoch landesweit 13 weitere Fälle mit den neuen Virusvarianten bekannt geworden, sagt ein Ministeriumssprecher. Auf Bitten des Bundes haben Labore positive Covid-19-Tests gezielt auf Corona-Mutationen untersucht, antwortet am Abend ein Vertreter des Landessozialministeriums unserer Zeitung auf Nachfrage.

Weitere Nachweise mutierter Coronaviren

Am Mittwoch werden noch weitere Nachweise mutierter Coronaviren im Südwesten bekannt: in zwei Fällen im Kreis Lörrach die Variante N501Y. Um welche Mutation es sich handelt – um die sogenannte britische, die südafrikanische oder die brasilianische Variante –, wird derzeit noch untersucht. Eine Verbindung zwischen den beiden Infektionen gibt es nach bisherigen Erkenntnissen nicht. Dem Gesundheitsamt des Landkreises Waldshut werden fünf Proben gemeldet, bei denen Variationen des Coronavirus nachgewiesen wurden. Auch hier ist die Form der Mutation noch offen.

Wie geht es mit Kitas und Grundschulen weiter? Der baden-württembergische Städtetag hatte bereits am Vormittag erklärt, die Zeit für eine Öffnung von Kitas und Grundschulen ab Montag sei zu knapp. Grünen-Landtags-Fraktionschef Andreas Schwarz sagt nun: "Ich rate dazu, von einer Öffnung in der nächsten Woche abzusehen." Es könnte aber auch sein, dass man sich im Südwesten wie in Bayern an den bis zum 14. Februar vorgeschriebenen Lockdown hält.

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