Da geht’s Richtung Regionalliga: Mustafa Ünal will die Stuttgarter Kickers zum Aufstieg führen – klappt’s hätte der 38-Jährige einen Platz in den Geschichtsbüchern sicher. In unserer Bildergalerie haben wir Fotos von seinen Vorgängern zusammengestellt. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Mustafa Ünal war ein Nobody als ihn die Stuttgarter Kickers im Oktober zum Cheftrainer machten. Nun kann er sich mit dem Aufstieg einen Namen machen. Was ist der 38-Jährige für ein Mensch, der sich aus einfachen Verhältnis nach oben gearbeitet hat?

Stuttgart - Ob es eine Lebenschance für ihn ist, die Stuttgarter Kickers nach vier Jahren Oberliga in dieser Saison zum Aufstieg in die Fußball-Regionalliga zu führen? „Was den Sport betrifft vielleicht schon, aber ich nehme mich nicht wichtiger als ich bin, es liegt nicht nur an mir, egal wie es am Ende ausgeht“, sagt Mustafa Ünal. Am 27. September 2021 hatte der bisherige U-19-Trainer Ramon Gehrmann als Chefcoach der ersten Mannschaft abgelöst. Und der 38-Jährige brachte die Blauen in die Erfolgsspur – seither gab es in 14 Pflichtspielen nur eine Niederlage. Vor dem Wiederbeginn an diesem Samstag (14 Uhr) beim FC Astoria Walldorf II liegen die Kickers zwei Punkte hinter Spitzenreiter SGV Freiberg in Lauerstellung. „Der Glaube, der Wille, das Potenzial ist groß, dass wir es schaffen“, ist sich Ünal sicher.

 

Gelingt es, hätte er sich einen Platz in der Geschichtsbüchern der Blauen gesichert. Hört man sich in seinem Umfeld um, was ihn besonders auszeichnet, dann fallen auffallend häufig die Worte teamorientiert, hart, konsequent. Beispiele dafür gibt es viele. Eines davon datiert vom 27. November letzten Jahres, als Ünal an Stelle des ausgefallenen Spiels gegen die SF Dorfmerkingen an jenem Samstag ein Training ansetzte. Eine Handvoll Spieler trottete zwei Minuten zu spät aus der Kabine Richtung Trainingsplatz. Nach der Einheit verkündete der Coach die Botschaft: Statt des eigentlich freien Sonntags ist für alle Training. Eine Woche zuvor, als es beim 4:3 (nach 4:0-Führung) in Oberachern noch einmal eng wurde, bäffte Keeper Ramon Castellucci in der Hektik etwas zum Trainer zurück – der ließ sofort Ersatzmann Alexander Otto warmlaufen. Ünal lässt sich nichts bieten, er behandelt aber alle gleich, egal ob Starspieler oder Nachwuchstalent. Egal ob Sportdirektor oder Zeugwart.

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Keiner aber würde ein böses Wort über Ünal verlieren. Weil er die Spieler auch mal in den Arm nimmt und fragt, ob in der Schule oder daheim alles okay ist. Weil er alle – auch bei seinem Matchplan – mit einbezieht und auch auffordert, den Mund aufmachen. Und vor allem, weil der Fleiß und Disziplin vorlebt. „Wir wollen die beste Mannschaft der Liga sein, also müssen wir auch am meisten dafür tun“, lautet sein Motto.

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Auch in seinem Leben außerhalb des Fußballs hat sich der ehemalige Jugendtrainer des SSV Ulm 1846 alles hart erarbeitet. Er wuchs in sehr einfachen Verhältnissen in Wiesensteig (Kreis Göppingen) auf, gemeinsam mit vier Brüdern und einer Schwester. Seinen Vater, der in den 1980er Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, verlor er mit sieben Jahren. Der Papa hatte im Straßenbau gearbeitet und auch Mustafa Ünal fing mit körperlicher Arbeit als Schlosser an, machte seinen Handwerksmeister und sattelte dann um als Lehrer. „Ich wollte einen Beruf, den ich besser mit dem Fußball verbinden konnte“, sagt der frühere Spielmacher, der in der Jugend für den SC Geislingen spielte und es bei den Aktiven des TSV Bad Boll bis in die Landesliga brachte.

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Auch heute arbeitet er noch in der Körschtalschule in Plieningen. Er unterrichtet in dieser Gemeinschaftsschule Informatik, Wirtschaftslehre, Sport und Technik. 18 Stunden in der Woche. Im kommenden Schuljahr reduziert er sein Debutat um drei Stunden, durch Umschichtungen kommt er auf einen freien Tag mehr. Den nutzt er für die Arbeit bei den Blauen – und fürs Familienleben mit Ehefrau Esra und den Söhnen Ömer (2) und Mert (zwei Monate).

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Irgendwann will Ünal komplett auf die Karte Fußball setzen. Doch die Teilnahme am DFB-Fußball-Lehrer-Lehrgang ist frühestens im März 2023 möglich. Darauf arbeitet er hin. Ünal will immer das Maximale. Funktioniert einmal nicht alles nach Plan, kann er schon mal – sagen wir es so – emotional reagieren. Ob das auf seine türkischen Wurzeln zurückgeht? Ünal überlegt: „Eher auf meine Arbeiterwurzeln. Ich bin ein Schaffer-Typ und möchte, dass alle mitziehen.“ Das hört sich nach den so genannten deutschen Tugenden an. „Fleiß gehört für mich immer dazu. Aber klar, in mir brodelt es schon, ich will Feuer reinbringen, das Team pushen ohne zu überdrehen.“

Damit er am Saisonende seine sportliche Lebenschance nutzt, es zum Aufstieg und einem Platz in den Geschichtsbüchern reicht.