Trainer Mustafa Ünal freut sich mit Innenverteidiger Denis Zagaria über den DFB-Pokal-Erfolg gegen die SpVgg Greuther Fürth – am Samstag geht es in der Oberliga bei Null los. Foto: Baumann/Julia Rahn

Unter Trainer Mustafa Ünal hat die Mannschaft der Stuttgarter Kickers eine positive Entwicklung genommen. Vor dem Oberligastart verrät er, wie ihn sein Werdegang geprägt hat, wie er unzufriedene Spieler bei Laune hält und was ihn mit Cacau verbindet.

Als Nobody stieg Mustafa Ünal Ende September 2021 zum Cheftrainer des Fußball-Oberligisten Stuttgarter Kickers auf. Mit seiner konsequenten Art hat der 38-Jährige seitdem viele Pluspunkte gesammelt. Vor dem Punktspielstart an diesem Samstag (15.30 Uhr) bei Aufsteiger FC Holzhausen gibt der Schaffertyp Einblicke, was ihn in seiner Entwicklung beeinflusst hat.

 

Herr Ünal, wie genießen Sie persönlich eigentlich einen solchen Triumph wie das 2:0 am Samstag im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten Greuther Fürth?

Ich bin stolz auf das Erreichte. Das ist toll für die Spieler, toll für die Finanzen und die Strahlkraft des Vereins. Aber ich bin jetzt nicht der Typ, der das gefühlsmäßig ganz weit oben ansiedelt, dafür war unsere emotionale Achterbahnfahrt in der vergangenen Saison viel zu rasant. Ich kann das schon einordnen und weiß, wie unser Ziel heißt.

Gibt der Pokalsieg im Kampf um den Aufstieg Rückenwind oder kann er auch im Unterbewusstsein zu Leichtsinn führen?

Nein, Leichtsinn kann ich mir absolut nicht vorstellen, da mache ich mir bei dieser Mannschaft gar keine Sorgen. Da wird es keinen Einzigen geben, der auch nur daran denkt, ein Prozent weniger zu geben.

Was macht Sie da so sicher?

Zum einen der Charakter der Spieler. Zum anderen lässt meine Art, die Mannschaft zu führen, keinen Spielraum für eine derartige Lockerheit. Das haben wir abgeschafft. Die volle Hingabe auf dem Platz ist immer da.

Haben Sie sich eine solche Entwicklung bei Ihrem Amtsantritt Ende September 2021 erträumt?

Ich muss schon sagen, was ich seitdem alles erlebt habe, erleben manche ihr ganzes Trainerleben nicht. Die gefühlte Meisterschaft in Dorfmerkingen, das Drama in Trier, die Pokalerfolge gegen Ulm und Fürth. Das war schon intensiv, das war Wahnsinn! Ich bin dankbar für jedes Erlebnis, auch negativer Art, auch wenn’s immer noch wehtut, aber auf Dauer wächst man daran.

Sie stiegen als Nobody ins Profigeschäft ein. Gibt es Menschen, Mentoren, mit denen Sie sich austauschen?

Mit Ex-VfB-Profi Cacau bin ich seit unserem gemeinsamen Trainerlehrgang vor gut drei Jahren in Köln befreundet, wir tauschen uns immer wieder aus. Er gibt mir schon ab und zu mal einen guten Rat, über den wir dann sprechen. Auch unser ehemaliger Sportlicher Leiter Lutz Siebrecht war ein wichtiger Ansprechpartner, schon zu Zeiten, als ich noch die U 19 trainierte.

„Mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe“

Sie sind in einer Arbeiterfamilie mit fünf Geschwistern groß geworden und haben Ihren Vater im Alter von sieben Jahren verloren. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Mein Werdegang hilft mir enorm in der täglichen Arbeit mit der Mannschaft – auf dem und außerhalb des Platzes. Mich bringt nichts so schnell aus der Ruhe, weil ich oft genug Stress und Probleme hatte, die ich selbst lösen musste.

Zum Beispiel?

Ich bin mit unterschiedlichsten Typen aufgewachsen. In meinem Freundeskreis waren die verrücktesten Typen dabei, schwierige Familien, bodenständige Menschen, ganz arme, ganz reiche, von allem etwas. Ich kam mit allen klar. Das hilft mir, auch bei den Spielern immer wieder, den richtigen Ton zu treffen. Zudem habe ich gelernt, mit Druck umzugehen – und: Ich weiß, was harte Arbeit bedeutet.

Sie haben Schlosser gelernt und haben dann auf Lehrer umgeschult, um den Beruf besser mit dem Fußball vereinbaren zu können.

Genau, ich wollte mein Ziel, Trainer zu werden, besser verfolgen können. Das ist auch das, was ich am besten kann. Deshalb habe ich mir gesagt: Ich mach’, ich tu’, ich packe das an, dann muss ich hinterher auch nichts nachtrauern. Das versuche ich, auch immer den Spielern zu vermitteln, denn in der Regel werden Wille und Fleiß belohnt.

Der DFB-Fußball-Lehrer fehlt Ihnen noch.

Ich habe zweimal die Aufnahmeprüfung bestanden, aber dennoch keinen Platz bekommen. Ich bin überzeugt, dass es irgendwann klappt. Ich muss jeden Tag weiter Gas geben, mich reflektieren, der Rest kommt von alleine.

„Spieler wollen fair behandelt werden“

Nicht von alleine kommt der Aufstieg. Wie schwer wird es bei Ihrem sehr ausgeglichenen Kader, die unzufriedenen Spieler bei Laune zu halten?

Das ist nicht schwer zu moderieren. Die Spieler wollen, dass man fair und ehrlich mit ihnen umgeht. Sie sehen es vielleicht einen Tick anders als ich, aber jeder Spieler ist dankbar, wenn er eine offene Rückmeldung erhält, warum er nicht spielt, obwohl er im Training Gas gibt. Mit David Braig hatte ich vergangenen Winter ein solches Gespräch, das war das härteste von allen – am Samstag hat er im Pokal das 2:0 geschossen. Er konnte damit umgehen und hat sich gesagt, ich mach weiter und zeige es dem Trainer.

Wie wollen Sie sich im Ligaalltag als Topfavorit gegen das Umschaltspiel der tief stehenden Gegner wappnen?

Wir haben eine mutige Spielweise, an der wir festhalten werden. Dieses Umschaltspiel des Gegners, wenn wir den Ball verlieren, ist eines der Dinge, mit denen uns der Gegner wehtun kann. Aber wir trainieren das und werden dies mit einer gut sortierten Restverteidigung in den Griff bekommen.

„Wir holen keinen auf Teufel komm raus“

Sehen Sie nach dem DFB-Pokal-Erfolg die Gefahr, dass jemand auf die Idee, die Kickers brauchen keinen Stürmer mehr?

Wir lassen uns nicht blenden. Wir haben Vertrauen in unser Team, aber es ist ja kein Geheimnis, dass uns ein Strafraumstürmer als Tunjic-Ersatz noch gut zu Gesicht stehen würde. Aber: nicht um jeden Preis und auch nicht auf Teufel komm raus. Überzogene Gehälter oder Ablösesummen würden das intakte Mannschaftsgefüge in Gefahr bringen. Wir müssen in erster Linie unsere eigenen Spieler zufriedenstellen. Wir werden nicht Spieler von extern für die tolle Leistung der eigenen Mannschaft belohnen.

Haben Sie inzwischen denn einen Wunschgegner für die zweite Runde?

Für viele Spieler und Fans wäre ein Pflichtspiel gegen den VfB das Größte. Ich bleibe dabei, dass ich jeden Gegner dankend annehme – aber jetzt freue ich mich erst einmal auf unseren Oberliga-Auftaktgegner FC Holzhausen.

Schaffer-Typ und Lehrer

Vita
Mustafa Ünal wurde am 7. September 1983 in Laichingen geboren und wuchs in Wiesensteig (Kreis Göppingen) auf. Er spielte beim TSV Bad Boll und beim TSV Obere Fils und war dort auch Jugendtrainer. Von 2013 bis 2017 trainierte er Nachwuchsteams beim SSV Ulm 1846, ehe er ins Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Kickers wechselte. Dort führte er in der Saison 2020/21 die U19 in die Bundesliga. Seit dem 27. September 2021 trainiert er als Chefcoach die Oberligamannschaft.

Privates
Ünal ist Lehrer an der Körschtalschule Plieningen für die Fächer Informatik, Wirtschaftslehre, Sport und Technik. Er unterrichtet an dieser Gemeinschaftsschule im kommenden Schuljahr an dreieinhalb Tagen 16 Stunden in der Woche. Er wohnt mit seiner Familie in Birkach, ist verheiratet mit Esra. Das Paar hat zwei Söhne – Ömer (drei Jahre) und Mert (sieben Monate). (jüf)