Muslimische Menschen kämpfen oft gegen rassistische Vorurteile. Zehra Alkışoğlu lebt in Albstadt und weiß aus erster Hand, welche Folgen das hat.
Die Frage am Telefon kam nicht unverhofft, und doch scheint die Suche nach einer passenden Antwort zäh. Zehra Alkisoglu überlegt und wühlt in ihren Erinnerungen. Es könnte ein gutes Zeichen sein, dass sie so lange nach rassistischen Übergriffen ihrer Vergangenheit sucht. Oder waren es so viele, dass Alkisoglu damit beginnen musste, sie zu verdrängen? Die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Alkisoglu ist Informatikerin, Albstädterin und auch: Muslimin. Letzteres spielt deswegen eine Rolle, weil es in diesem Text um antimuslimischen Rassismus gehen soll – einer Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die sich gegen all jene richtet, die als Muslime wahrgenommen werden. Alkisoglu etwa trägt Kopftuch. Am Telefon findet sie dafür zwei Begriffe: „selbstbestimmte Entscheidung“ einerseits – „Outing als Muslima“ andererseits.
Kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz
Als sie volljährig wurde und sich für das Kopftuch entschieden hatte, hieß es zum Beispiel: „So haben Sie kaum Chancen auf einen Ausbildungsplatz.“ Dass Deutsch ihre Muttersprache war und Alkisoglu auch sonst allerlei Talente mitbrachte, wurde zweitrangig. Sie als Mensch wurde nicht mehr danach bewertet, was sie konnte – sondern danach, wie sie aussah und woher ihre Eltern kamen.
Inzwischen engagiert sich Alkisoglu bereits seit über 20 Jahren im interkulturellen und interreligiösen Bereich. „Ich merke gerade bei älteren Leuten, dass sie Angst vor Fremden haben, weil kaum Begegnungen stattfinden“, sagt sie. Und das, obwohl die Leute oftmals dieselben Probleme und Wünsche teilten. „Aber bei muslimischen Menschen heißt es dann mitunter: Sie können ja zurück in die Türkei.“
Ein Satz, der Alkisoglu innehalten ließ. Sie habe erstmal schlucken müssen. In solchen Momenten, sagt Alkisoglu, fühle sie sich nicht mehr wie ein Teil der Gesellschaft, sondern vielmehr wie ein Fremdkörper. „Obwohl wir alles versuchen.“ Etwa beim gemeinsamen Fastenbrechen, bei Leseabenden, beim gemeinsamen Kaffee am Nachmittag – ein Versuch, Brücken zu bauen, wo keine sind. Vorurteilen zu begegnen, bevor sie zu Hass werden. Wie dieser Hass klingt, erlebte Alkisoglu vor drei Jahren, als in der Albstädter Hartmannstraße eine Unterkunft für Geflüchtete im Gespräch war. „Der Ton ist inzwischen anders“, sagt sie, man könne es fühlen. Da sei mehr Ablehnung in der Stimme der Menschen. Und das wiederum führt zu Ausgrenzung. Alkisoglu kann aus erster Hand berichten.
Viele Telefonate für Geflüchtete
Da wären etwa all die Telefonate, die sie für Geflüchtete führte, weil die eine Wohnung suchten und ihr Deutsch noch nicht gut genug war. Viele Vermieter haben im Vorfeld abgesagt, wenn sie hörten, dass der Nachname nicht deutsch ist. So zumindest vermutet es Alkisoglu – und vor dem Gesetz wäre das illegal: Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz, oft nur „Antidiskriminierungsgesetz“ genannt, verbietet die Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, Religion und Weltanschauung, ihrer Erkrankungen, ihres Alters oder ihrer sexuellen Identität. Verstöße dagegen können vor Gericht geltend gemacht werden. Der schwierige Part ist, sie nachzuweisen.
Zehra Alkisoglu spricht von „gläsernen Decken“, die nicht nur muslimische Menschen betreffen. Sie habe einen Kollegen, der 600 Bewerbungen verschickt und keine einzige Zusage bekommen habe. „Wenn der Name nicht passt, ist man unten durch“, resümiert Alkisoglu. Wie erhält man sich da den Optimismus?
Aufklärung und das Interkulturelle als Hoffnung
Wohl in erster Linie dadurch, dass man einfach weitermacht. „Religion ist Privatsache“, sagt die gebürtige Mannheimerin. Auch dann, wenn sie Kopftuch trage. „Es ist völlig in Ordnung, dass man mit dem Kopftuch nicht einverstanden ist“, so Alkisoglu, „aber ich habe diese Entscheidung bewusst getroffen. Natürlich wäre mein Leben einfacher, wenn ich kein Kopftuch tragen würde“. Doch das wäre keine Entscheidung mehr, die ihrer Lebensvorstellung entspricht.
Ihre Hoffnung ist die Aufklärung, das Interkulturelle. Der Abbau von Pauschalisierungen, das gesellschaftliche Miteinander. „Mir wäre wichtig, dass wir interkulturelle Kompetenzen an systemischen Stellen stärken“, konstatiert die Albstädterin. Etwa in Schulen. Es fange alles vor der eigenen Tür an, in der Nachbarschaft. „Damit wir nicht nur nebeneinander leben“, so Alkisoglu, „sondern füreinander offen sind“.