Musizieren und sich präsentieren: Hier beim Aktionstag Stuttgarter Musikschule im Pavillon am Schlossplatz. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut

Den Musikschulen im Land droht ein eklatanter Lehrermangel, sie sind dadurch existenziell gefährdet. Eine Studie hat die Gründe für den Lehrermangel untersucht.

Eigentlich ist Tübingen ja eine attraktive Stadt. Doch selbst die Tatsache, dass die Tübinger Musikschule unlängst in einen bestens ausgestatteten Neubau umziehen konnte, hat nicht dazu geführt, dass die ausgeschriebene Stelle als Blockflötenlehrer besetzt werden konnte. Eine Bewerbung habe es zwar gegeben, so der Musikschulleiter Ingo Sadewasser. Doch wäre diese wieder zurückgezogen worden.

 

Das ist kein Einzelfall. Immer mehr Musikschulen in Deutschland mangelt es an Fachpersonal, und das nicht nur im Fach Blockflöte. Auch bei Instrumenten wie Klarinette, Saxofon oder Gitarre, so Sadewasser, sei die Situation „sehr schwierig“. Zwar habe man in Tübingen bisher die meisten frei werdenden Stellen wieder besetzen können. In ländlichen Regionen, so berichtet Sadewasser, der auch Vorsitzender des Landesverbands der Musikschulen Baden-Württemberg ist, sei die Situation noch viel schlimmer.„Da kämpfen die Musikschulleitungen, um überhaupt Leute zu finden“.

Immer mehr Musikschulen mangelt es an Fachpersonal für Blockflöte und anderen Instrumente. Foto: dpa

Das Problem existiert schon länger. Vor allem im Bereich der Elementaren Musikpädagogik, der an Musikschulen in den letzten Jahren stark ausgebaut wurde, ist der Markt an Lehrkräften praktisch leergefegt. Nach der jüngst in Berlin vom Deutschen Musikrat vorgestellten „MiKADO-Musik-Studie“ (die Abkürzung steht für Mangel an Nachwuchs im Künstlerisch-Pädagogischen Bereich an Ausbildungsinstituten in Deutschland und Oesterreich) wird sich der Mangel bis zum Jahr 2035 derart verstärken, dass die Musikschularbeit insgesamt ernsthaft gefährdet ist.

14 700 Musiklehrer gehen in den Ruhestand

Im Zentrum der Studie steht eine Hochrechnung, nach der bis zum Jahr 2035 rund 14 700 Musiklehrer in den Ruhestand gehen werden. Demgegenüber stehen aber nur etwa 4 000 Absolventen musikpädagogischer Studiengänge, was bedeuten würde, dass etwa knapp drei Viertel der frei werdenden Stellen nicht mehr besetzt werden könnten.

Aktuell unterrichten rund 35 000 Musiklehrer etwa 1,5 Millionen Schüler – knapp eine halbe Million Schüler würden dann keinen Musikunterricht mehr erhalten.

Die Ursachen sind vielschichtig. Nach der Ansicht von Friedrich-Koh Dolge, der als Leiter der Stuttgarter Musikschule und Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Musikschulen an der „MiKADO-Studie“ beteiligt ist, liegt das nicht zuletzt am wenig attraktiven Berufsbild des Musikschullehrers, das sich in der tariflichen Einstufung ausdrückt.

Zwar habe, so Dolge, sich der Anspruch an den Beruf in den letzten 25 Jahren massiv verändert. „Nicht zuletzt durch die vielen Bildungskooperationen haben wir vermehrt Gruppenunterricht mit teilweise sehr heterogenen Gruppen. Das Thema Inklusion kommt noch hinzu.“ Dennoch sei die Einstufung seit 37 Jahren nicht angepasst worden. Im Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst sind Musiklehrer mit Hochschulabschluss in die Stufe 9b eingruppiert – andere pädagogische Fachkräfte, etwa angestellte Grundschullehrer, werden mindestens nach Stufe 12 bezahlt.

Ein Faktor: zu geringes Gehalt

In unseren Nachbarländern, so Dolge, sei das anders. In Österreich ständen die Musikschullehrer beim Gehalt zwischen Primar- und Sekundarschullehrern. Noch besser sei es in der Schweiz. „In Zürich verdient ein Musiker des Tonhallenorchesters genauso viel wie der Lehrer an der Musikschule.“ Das zeigt Wirkung. So gibt es in den südlichen Teilen von Baden-Württemberg eine Abwanderung in die Schweiz, in Bayern gehen viele Musiklehrer nach Österreich. Und da es auch an allgemeinbildenden Schulen an Musiklehrern mangelt, verlieren die Musikschulen auch in diese Richtung Lehrkräfte.

Die Vergütung ist aber nur ein Faktor. Ein anderer ist das Image der Musikpädagogik in vielen Bereichen der Musikhochschulen. „Die Besten, die wirklich was können, studieren künstlerisch, die nicht so gut sind, dann halt Instrumentalpädagogik“, so äußerte sich ein Musikstudent im Zusammenhang mit der „MiKADO-Studie“.

Karolin Schmitt-Weidmann, die als Professorin für Instrumental- und Gesangspädagogik an der Stuttgarter Musikhochschule auch Kooperationen mit Musikschulen leitet, bestätigt zwar diese unter Musikstudenten noch weit verbreitete Haltung, betont aber, dass diese nicht von den Professoren vermittelt würde. Freilich: auf der Seite „Preise, Auszeichnungen & Engagements“ der Musikhochschule findet man zwar reichlich Erfolgsmeldungen in Form ergatterter Orchesterstellen. Meldungen über Anstellungen an Musikschulen sucht man dort aber vergeblich.

Bis zur Gleichstellung künstlerischer und pädagogischer Studiengänge dürfte es also noch ein weiter Weg sein, auch wenn der Rektor der Stuttgarter Musikhochschule, Axel Köhler, großen Wert darauf legt, seine Studenten umfassend auszubilden: wer in Stuttgart künstlerisch studiere, so Köhler, könne selbstverständlich parallel einen pädagogischen Studiengang belegen. Möglicherweise wäre das für viele auch eine sinnvolle Option. Denn wie die „MiKADO-Studie“ auch zeigt, werden bis zum Jahr 2035 rund 3 000 Stellen in deutschen Orchestern frei. Die Absolventenzahl aus den künstlerischen Studiengängen der Musikhochschulen ist mehr als fünfmal so hoch.

Mangel an Nachwuchs

Studie
  Die „MiKADO-Musik“-Studie entstand auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft der Leitenden pädagogischer Studiengänge und des Ausschusses Künstlerisch-Pädagogische Studiengänge der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen. Unter Mitwirkung zahlreicher Studieninstitutionen und mit Unterstützung des Deutschen Musikrats und des Verbands deutscher Musikschulen wurde in einem breit angelegten Crowd-Research-Projekt mit über 50 Forschungsgruppen untersucht, wo die Ursachen für den sich schon länger abzeichnenden Mangel an Musikpädagogen liegen und mit welchen Maßnahmen dem begegnet werden kann. Dabei liefert die im November 2025 veröffentlichte Untersuchung erstmals breit empirisch abgesicherte Daten zu Faktoren, die junge Menschen davon abhalten, ein musikpädagogisches Studium aufzunehmen.