Tabea Zimmermann (links) mit dem Vokalensemble Exaudis – und einer außergewöhnlichen Komposition bei den Donaueschinger Musiktagen. Foto: Franka Zweydinger

Unsere Reporterin ist erstmals bei den Donaueschinger Musiktagen zu Gast. Eine Expertin führt sie in diese besondere Welt der Musik ein.

Hier geht es durchaus schräg zu: Die Donaueschinger Musiktage sind kein gewöhnliches Festival, sondern das älteste für zeitgenössische Musik weltweit. Hier treffen Klangforscher, Musiker, Musikwissenschaftler, Komponisten und neugierige Zuhörer aufeinander, um zu lauschen, was entsteht, wenn Musik und Experimentierfreude aufeinandertreffen.

 

Das Ergebnis ist selten ein melodisches Hörerlebnis, sondern eine wilde Aneinanderreihung von Geräuschen, Tönen, Lauten – wie auch unsere Reporterin nun zum ersten Mal feststellt. Glücklicherweise wird sie bei dieser ersten Musiktage-Erfahrung an die Hand genommen.

Mit einem neuen Schnupperprogramm, initiiert von der künstlerischen Leiterin der Musiktage, Lydia Rilling, möchten die Organisatoren die Donaueschinger Musiktage zugänglich und nahbar gestalten. Das Konzept ist einfach: Ein erfahrener Musiktage-Gast fungiert als Pate und nimmt einen Musiktage-Neuling in ein Konzert mit.

1978 erstmals zu Gast

Und unsere Autorin hätte sich kaum eine bessere und erfahrenere Patin wünschen können: nämlich die Musikwissenschaftlerin Renate Liesmann-Baum, die viele Jahre als Musikreferentin in Köln tätig war und dort die Musikkultur der Stadt maßgeblich mitprägte. Die 82-Jährige war 1978 zum ersten Mal bei den Donaueschinger Musiktagen und gehört nunmehr zum Inventar des Festivals. Was sie daran begeistert? „Die neue Musik ist schon immer meine Leidenschaft. Und die Musiktage sind ein Abenteuer, auf das man sich mit Haut und Haar einlassen muss. Auf das Neue, das Ungewohnte, das Nicht-Alltägliche.“

Auch gesellschaftspolitisch sei diese Musik wichtiger denn je: „Überall dort, wo Diktatoren herrschen, werden diese Arten von Kulturereignissen eingeschränkt oder verboten.“ Auch ihren im Februar dieses Jahres verstorbenen Mann, den ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum, konnte sie für die Donaueschinger Musiktage begeistern.

Musikwissenschaftlerin Renate Liesmann-Baum (links) nimmt unsere Autorin Denise Kley bei ihren ersten Musiktagen mit in ein besonderes Konzert. Foto: Franka Zweydinger

„Er musste 1992 mit mir zum ersten Mal zu den Donaueschinger Musiktagen gehen, da hatte er gar keine andere Wahl“, erinnert sie sich lachend zurück. „Es war absolutes Neuland für ihn. Doch er war sofort fasziniert von der Atmosphäre in der Stadt, der kreativen Energie und den Gesprächen mit den Musikern.“ Dieses Jahr besucht Liesmann-Baum zum ersten Mal seit 1992 ohne ihren verstorbenen Mann die Donaueschinger Musiktage.

Mit offenem Herzen zuhören

Gemeinsam mit Liesmann-Baum geht es also am Samstag, 18. Oktober, in ein Konzert des griechischen Komponisten Georges Aperghis. „Tell Tales“ nennt sich das Stück, welches er für ein sechsköpfiges Vokalensemble und eine Viola komponierte. Es wird mit der Bratschistin Tabea Zimmermann und dem Londoner Vokalensemble Exaudi im Strawinsky-Saal uraufgeführt. Die 82-jährige Musikwissenschaftlerin hat noch einen letzten Tipp für ihr Patenkind: „Mit offenem Herz zuhören und spüren, was die Musik mit einem macht.“

Liesmann-Baum reist seit knapp 50 Jahren jedes Jahr von Köln nach Donaueschingen, um bei den Musiktagen mit dabei zu sein. Foto: Franka Zweydinger

Und das, was dem Publikum präsentiert wird, ist schwierig in Worte zu fassen. Was die Sänger und Sängerinnen von sich geben, ist ein Kauderwelsch-Singsang, das einer Improvisation gleicht. Ab und an sind ein paar englische Worte zu verstehen. Zimmermann entlockt der Bratsche solche Töne, von welcher der Musiklaie nicht einmal weiß, dass sie existieren, geschweige denn auf einem Streichinstrument zu spielen sind.

Konzert ähnelt Theaterstück

Das Konzert mutet an wie ein Theaterstück, unterteilt in verschiedene Akte, die eine ganze Bandbreite an Emotionen hervorrufen: Aufregung, Stress und innere Unruhe wechseln sich ab mit Erstaunen über die ausdauernde Leistung der Musiker, die über 50 Minuten hinweg und ohne Pause performen. Das Publikum applaudiert am Ende frenetisch. Die Musiker und der Komponist heimsen stehende Ovationen ein.

Der Komponist Georges Aperghis bekommt stehende Ovationen und viel Applaus für sein Werk, welches im Strawinsky-Saal uraufgeführt wurde. Foto: Franka Zweydinger

Renate Liesmann-Baum selbst ist ausgebildete Geigerin. Sie lobt die Leistung des Ensembles in den höchsten Tönen. „Das war ein instrumentales Klangtheater, wie man es selten erlebt.“ Besonders das Dargebotene von Tabea Zimmermann sei hervorragend gewesen. „Das war eine unglaublich anspruchsvolle Partitur. Jeder Ton ist komponiert und muss sitzen – besonders bei dieser exponierten Spielweise.“

Es gibt auch mal Buhrufe

Dass auf den Musiktagen das Publikum auch mal mit Tomaten wirft oder die Komponisten Buhrufe für ihre Werke kassieren, ist keine Seltenheit. An eine besondere Musiktage-Begebenheit erinnert sich Liesmann-Baum: „1980 hat der Komponist Helmut Lachenmann ein Werk komponiert – doch das Orchester hat gestreikt und sich geweigert, die Partitur zu spielen, das war ein regelrechter Skandal“, erinnert sie sich zurück.

Grenzen verschieben, Ohren öffnen, das Ungewohnte feiern – darum geht es. Und so enden die Donaueschinger Musiktage für die Autorin mit der Erkenntnis, dass Musik nicht immer schön und melodisch sein muss, um Eindruck zu hinterlassen. Manchmal reicht es, wenn sie zum Nachdenken und Staunen anregt.

Baums Engagement

Förderung
Renate Liesmann-Baums Mann Gerhart Baum war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister. Zuvor war er von 1972 bis 1978 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Die Förderung der Kultur war Baum ein besonderes Anliegen: Als in den 90er-Jahren diskutiert wurde, ob die Donaueschinger Musiktage nur noch alle zwei Jahre in reduzierter Form stattfinden, hat sich Gerhart Baum auf politischer Ebene für ein jährliches Festival eingesetzt. Gemeinsam mit Renate Liesmann-Baum gründete er die Gerhart-und-Renate-Baum-Stiftung, die sich der Verteidigung von Freiheit, Menschenrechten und Kultur verschreibt. Er starb im Februar 2025.