Gruppenbild mit Dame: Ursula Müller-Wiese, flankiert von den Mey-Stiftungsräten Martin Mey, Harald Pfost, Markus Mey und Wolfgang Haug Foto: Martin Kistner

Das Lautlinger Nähmaschinenmuseum Mey ist um eine Vielzahl von Exponaten reicher geworden. Sie beherbergt neuerdings die Nähutensiliensammlung von Ursula Müller-Wiese aus Reutlingen.

Durch die Zeitungslektüre waren Martin und Adrian Mey, Sohn und Enkel von Museumsgründer Albrecht Mey, Anfang des Jahres darauf aufmerksam geworden, dass die Reutlingerin Ursula Müller-Wiese in 45 Jahren eine Sammlung von Handarbeitsutensilien aufgebaut hatte und dass sie, mittlerweile bejahrt, wenngleich rüstig, eine neue Heimat und dauerhafte Bleibe für ihre Preziosen sucht.

 

Dass ein Gleichgesinnter sie ihr geschlossen abkaufen würde, erschien ihr schon aufgrund des Werts der Sammlung illusorisch; ihr Wunsch, dem sie öffentlich Ausdruck gab, war, dass eine seriöse und vertrauenswürdige Institution sie übernehmen könnte.

Der Dame konnte geholfen werden: Die Meys nahmen Kontakt zu ihr auf, man traf sich und war sich sogleich sympathisch – und auch die Vorstellung, dass ihre Sammlung im Hause Mey unterkommen könnte, überzeugte Ursula Müller-Wiese, Tochter einer Schneidermeisterin, beim Ortstermin in Lautlingen augenblicklich. Im Mai ging der Transport über die Bühne; nächst der Eingangstür zum großen Nähmaschinensaal wurde Platz für die sieben Vitrinentürme freigeräumt. Am Freitag wurde sie in Gegenwart der Sammlerin erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Manches muss ins Exil im Depot

Nicht alles konnte präsentiert werden, von 800 Fingerhüten aus vielen Jahrhunderten und Weltgegenden wird knapp die Hälfte fürs Erste ein Schattendasein im Depot führen.

Fingerhut ist nicht gleich Fingerhut, das Spektrum der Ausstellung reicht von der 1700 Jahre alten Fingerhutkappe aus dem römischen Legionsstützpunkt Carnuntum bei Wien über Produkte aus dem Haus des Schorndorfer Fast-Monopolisten Gabler, der in den besten Zeiten bis zu 700 000 Stück monatlich nach Russland lieferte, bis zu winzigen „Good-Girl“-Fingerhütchen für kleine Mädchen.

Wahlwerbung auf dem Fingerhut

Nicht zu vergessen: die Miniatur-Litfaßsäulen, die vor Jahrzehnten für Kaiser-Kaffee oder Weleda-Suppe, aber auch für den Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß warben. Ein Exemplar aus der Zeit des ersten Weltkriegs trägt die Aufschrift „Gott strafe Italien.“ Wie die Ausstellungsgäste von Müller-Wiese erfuhren, waren „Fingerhüter“ begehrte Handwerker, deren Know-how sich Städte wie Nürnberg durch Ausreiseverbote zu sichern suchten und die von der Konkurrenz notfalls im Heuwagen außer Landes geschmuggelt wurden. Die Auswahl der Materialien ist unübersehbar: Ob Aluminium, Elfenbein, Porzellan Holz, Bein Silber oder Gold – die Sammlung Müller-Wiese bietet alles.

Das Sandelholz duftet noch Jahrhunderte später

Mit Fingerhüten hatte alles begonnen, doch später wandte Ursula Müller-Wiese sich auch anderen Objekten zu. Nähkästen zum Beispiel – ihr Favorit ist aus Sandelholz, das noch immer duftet, wenn man den Deckel öffnet, und mit Horn verkleidet. Ein Schloss war Standard, denn im Nähkasten wurde nicht selten der Notgroschen aufbewahrt. Junge Herren pflegten „Nähtempel“ an ihre Angebetete zu verschenken; das Medaillon auf der Kuppel des Exemplars von Ursula Müller-Wiese ziert ein kleiner Amor.

Napoleon hat Nähnadeln im Bauch

Und weiter: Da sind die Nadelbüchsen mit geschnitztem Figurenschmuck, eine hat die Gestalt eines Mönchs, eine andere aus Elfenbein die des Kaisers Napoleon. Spitze „Nail Guards“ aus dem alten China signalisieren: „Ich bin reich und muss nicht arbeiten“. Auch Nadelkissen und Stopfei kommen in der Sammlung Müller-Wiese zu ihrem Recht – von letzterem gab es übrigens nicht nur die Exemplare für Socken, sondern auch für Handschuhe.

Diesen zugleich winzigen und gigantischen Kosmos können Besucher des Nähmaschinenmuseums Mey künftig in Augenschein nehmen, zur Freude und Genugtuung von Ursula Müller-Wiese, die ihre Schätze im Nähmaschinenmuseum Mey in guten Händen weiß. „Ich bin angekommen!“, erklärte sie am Freitag – es klang ein wenig wie ein Seufzer der Erleichterung.