Nach sechs Monaten Sanierung öffnet das Schwenninger Uhrenindustriemuseum wieder seine Türen – und macht mit einer ganz ungewöhnlichen Ausstellung auf sich aufmerksam.
Gleich mehrfachen Grund zum Feiern gab es am Dienstagabend im Uhrenindustriemuseum: Da war die „Wiederbelebung“ – so formulierte es Museumsleiterin Martina Baleva – der Museumsräume, die wegen Sanierung und Einbau einer neuen Heizung rund sechs Monate geschlossen waren. Während dieser Zeit musste also auch die Dauerausstellung ausgelagert werden und war für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
Und da war das 30-jährige Bestehen des Museums am Standort in der Württembergischen Uhrenfabrik, das eigentlich schon im Dezember vergangenen Jahres hätte gefeiert werden sollen. Es wurde am 12. Dezember 1994 eröffnet und 2003 als bestes technisches Museum Europas ausgezeichnet.
Da war aber vor allem die neue Sonderausstellung, zu deren Eröffnung viele neugierige Besucher gekommen waren: „Ehrenmenschen“ lautet ihr Titel und lässt sofort vermuten: Hier geht es nicht in erster Linie um Ausstellungsgegenstände.
Die Entstehung
Wobei es genau mit diesen begonnen hätte, erläutert Kuratorin Martina Baleva die Entstehung und Idee zur Sonderschau. Denn eigentlich sollten der Museumswecker, der bekannterweise in der Museumswerkstatt von Ehrenamtlichen gefertigt wird, sowie all die teils 100 Jahre alten Maschinen, mit denen dort gearbeitet wird und die vorgeführt werden, im Fokus einer Filmdokumentation stehen.
Das sei ein langgehegter Wunsch ebendieser Ehrenamtlichen gewesen, die dieses Museum aufgebaut und in den vergangenen 30 Jahren am Leben gehalten hätten, so Martina Baleva. Dabei sollte es „keine gewöhnliche Dokumentation für die Schublade, sondern ein Film mit nachhaltiger Wirkung werden“.
Aber es hätte sich schnell gezeigt, dass vielmehr die Menschen in den Vordergrund gestellt werden sollten als die Geräte. Denn: „Ohne sie stünden die Maschinen still, ohne sie würden sich die Uhrenzeiger nicht drehen.“
Vier Ehrenamtliche im Fokus
Was die Besucher also ab sofort in der Sonderausstellung sehen und erleben können, sind neben dem rund 15-minütigen Film „Erwachen der Zeit“ mitunter Fotoporträts und kurze Statements von den vier Ehrenamtlichen des Uhrenindustriemuseums – Annette Hirt, Helmut Erchinger, Werner Lemke sowie Matthias Mahler – , die sich für diesen anschaulichen Mix aus Dokumentation und Porträtierung zur Verfügung gestellt haben. Dabei werde auch das „harmonische Zusammenspiel von Mensch und Maschine“ veranschaulicht, macht Martina Baleva Geschmack auf die Ausstellung.
Doch diese Gesichter seien weit mehr als nur die des Uhrenindustriemuseums, sie stünden für das allgemeine Ehrenamt in der Stadt. Ehrenamtliche seien Menschen, die sich mit Herz für andere einsetzten – also ebenso für die Stadt, findet auch Oberbürgermeister Jürgen Roth. „Ehre ist nicht nur ein Wert, sondern auch eine Haltung“, beschreibt er.
Unbezahlbar und sinnstiftend
Ehrenamtliche seien oft das stille Rückgrat, engagierten sich im Hintergrund und ohne große Worte – aber mit einer Überzeugung, die unbezahlbar und sinnstiftend sei. So mache die neue Ausstellung dieses Ehrenamt sichtbar und werde damit selber zum Zeichen der Wertschätzung.
Die Bescheidenheit der Ehrenamtlichen macht derweil Rainer Russ, Vorsitzender des Förderkreises Lebendiges Uhrenindustriemuseum, deutlich: „Wir sind keine Ehrenmenschen, wir sind Arbeiter“, sei die Reaktion der Betreffenden gewesen, die sich nur schwer dazu hätten überreden lassen, in den Fokus der Ausstellung gerückt zu werden.
Ein Ehrengast
Ein wahrer Ehrengast ist an diesem Abend der Einladung zur Ausstellungseröffnung gefolgt: Jörg Weisbrod, ein Mann der ersten Stunde, der damals die vorhandenen Maschinen „aus den Trümmern der Uhrenindustrie“ gerettet hatte, so die Kuratorin.
Dieser zeigt sich wenig später im Gespräch mit unserer Redaktion nicht ohne Stolz über die Einladung – und erfreut über das Thema der neuen Sonderschau. Zudem erzählt der einstige Unternehmer und Vorsitzende des Schwenninger Heimatvereins, der mit Ehefrau, Enkelin und Urenkel aus Offenburg angereist ist, dass er dem Uhrenindustriemuseum vor Kurzem all seine Dokumentationen in Form von Schriften und Fotografien vor allem vom Maschinenausbau zur Verfügung gestellt habe – bedauerlicherweise aber zu spät, um diese noch in die Ausstellung zu integrieren.
Das wiedereröffnete Uhrenindustriemuseum
„Ehrenmenschen“
Die neue Sonderausstellung ist ab sofort bis zum 26. April 2026 im Uhrenindustriemuseum, Bürkstraße 39, zu den gewohnten Öffnungszeiten (Dienstag bis Samstag 13 bis 17 Uhr, Sonntag 11 bis 17 Uhr) zu erleben. Parallel ist die Dauerausstellung geöffnet. Zudem gibt es ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Führungen, „Work after Work-Workshops“, Offener Werkstatt oder Diskussionen. Details sind der Homepage https://www.uhrenindustriemuseum.de/ zu entnehmen.
Der Film
Für den Film und die daraus entstandene Sonderausstellung konnte Museumsleiterin Baleva von ihrer Mitarbeit in der Arbeitsgruppe Zukunft Innenstadt Schwenningen, die vom GVO und der WIR VS initiiert wurde, profitieren. Dort ist auch der Villinger Filmemacher Daniel Hofmeier aktiv, den die Museumsleiterin für die Produktion von „Erwachen der Zeit“ gewonnen hat. Im 15-minütigen Film, der im Frühjahr dieses Jahres gedreht wurde, wird das Thema Zeit in Szene gesetzt und mit der ehrenamtlichen Arbeit im Uhrenindustriemuseum verknüpft.