Neue Ausstellung im Museum Art.Plus in Donaueschingen hat das Zeug zum Publikumsmagneten. Sammlerin Margit Biedermann schöpft aus umfangreicher Sammlung.
Mit Superlativen sollte man im Donaueschinger Museum Art.Plus vorsichtig umgehen. Was heute noch gilt, kann bei der nächsten Ausstellung schon wieder überboten werden. Was aber im Umkehrschluss bedeutet, dass jede neue Jahresausstellung für Attraktivität und Qualität steht. Die am Wochenende eröffnete Präsentation hat aufgrund des niederschwelligen Vermittlungsangebots zudem das Potenzial, ein Publikumsmagnet zu werden.
Dafür hat die Sammlerin Margit Biedermann aus ihrer umfangreichen Sammlung aus dem Vollen geschöpft und den Fokus gezielt auf italienische Kunst gerichtet. Das Resultat ist ein „Spaziergang durch Italien“. Oder wie Biedermann in ihrer Begrüßung sagte, ein Eintauchen in das Alltagsleben, das mit vielerlei Assoziationen verbunden sei.
Wenn man an Italien denke, dann komme einem Espresso, Sonne, Dolce Vita und knatternde Motorengeräusche der Vespa in den Sinn. Eindrücke, die man bei der vielschichtigen Reise durch die zeitgenössische Kunst Italiens durchaus in Verbindung bringen kann. Der Parcours folgt dabei keiner streng chronologischen oder kunsthistorischen Ordnung, sondern entfaltet sich als imaginäre Bewegung durch unterschiedliche Orte, Atmosphären und künstlerische Haltungen.
Von Rom bis nach Bozen
Von Rom über Florenz, Turin und Varese bis nach Bozen – ergänzt durch einen überraschenden Abstecher nach Trier – entsteht ein offenes Geflecht aus Eindrücken, das sich zwischen sinnlicher Wahrnehmung und analytischer Betrachtung bewegt. Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler macht die Vielfalt der italienischen Gegenwartskunst sichtbar.
Arbeiten von Pizzi Cannella wie seine raumfüllenden Kronleuchter, Bilder, seine gemalten Kleider oder seine schlichten Vasen-Bilder und von Giuseppe Gallo mit seinem „musikalischen Kosmos“ verweisen auf eine poetische, oft symbolisch aufgeladene Bildsprache, aber offen für gegenwärtige Einflüsse bleibend. Demgegenüber stehen die streng konstruierten, optisch präzisen Arbeiten von Marcello Morandini, die mit ihren schwarz-weißen Mustern und räumlichen Irritationen eine ganz andere Form der Wahrnehmung herausfordern.
„Die Formulierungen seiner Gebrauchsobjekte, seine Bildwerke und Skulpturen oder architektonischen Bauten behaupten sich eigenständig im visuellen Erlebnis durch strenge Linearität und Ausgewogenheit“, so Wendelin Renn in seiner Einführung. Streng sind die benutzbaren Arbeiten sicherlich, aber nicht frei von unverwechselbarer Sinnlichkeit als optisches Ereignis. „Meine Idee ist ein Alphabet aus Schwarz und Weiß, das mir unendlich viele Möglichkeiten für die Darstellung von Emotionen bietet und mit dem ich die unterschiedlichsten Resultate erzielen kann“, sagt Morandini.
Darstellung von Emotionen
Bleiben wir im skulpturalen Bereich, der in sämtlichen Räumen ein breites Spektrum entfaltet. Luigi Mainolfi und Nunzio arbeiten mit organischen Formen und Materialien, die zwischen Naturbezug und künstlerischer Setzung oszillieren. Ihre Werke wirken zugleich archaisch und zeitgenössisch und öffnen einen Raum für Assoziationen, der sich nicht eindeutig festlegen lässt.
Im Kontrast dazu stehen Positionen wie Fabio Viale, der mit seinen Marmorskulpturen klassische Bildhauerei zitiert und zugleich in die Gegenwart überführt. Der Turiner Bildhauer überrascht in der Ausstellung mit hyperrealistischen vermeintlichen Papierfliegern und ineinander verschränkten, täuschend echt wirkenden Reifen aus Marmor. Echt und im früheren Leben auch ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand auf Italiens Straßen ist die Vespa, die sich im Anbau gegen die Sportwagenklassiker behaupten kann. Nach der künstlerischen, Geschwindigkeit thematisierenden Transformation durch den Stuttgarter Bildhauer Stefan Rohrer, dient sie nun dem Publikum als willkommenes Fotomotiv.
Kunst und Design
Weiter geht es ins Obergeschoss, vorbei an René Stauds Fotografie eines Riva-Boots, die sich mit Inszenierung und Oberflächen beschäftigt und Alessandro Mendini, der die Grenze zwischen Kunst und Design bewusst auflöst.
Seine Arbeiten zeigen, wie sehr Gestaltung als kulturelle Praxis verstanden werden kann, die über das einzelne Objekt hinausweist. Auch im Obergeschoss rollt Marzia Migliora einem legendären italienischen Rennradfahrer den Teppich aus. Die Leiden eines Radfahrers beim Berganstieg können wortwörtlich übergangen werden, und man gelangt in Gabriela Oberkoflers wundervollen Kosmos.
Die aus Südtirol stammende Künstlerin hat aus Naturmaterialien ihrer Heimat die begehbare Installation „In between“ gebaut. Eine markante Arbeit, die Fragen von Erinnerung, Identität und Umwelt anstößt und dem Besucher ein weites Feld von Interpretationsmöglichkeiten bietet.