Eine klare Mehrheit für Sommerspiele: Vom Bürgerentscheid in München geht nach Meinung unseres Autors Jochen Klingovsky ein starkes Signal aus – aber auch nicht mehr.
Wer im Sport erfolgreich sein will, muss das Momentum nutzen. Also stellte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Sonntagabend vor die TV-Kameras und fabulierte über die wunderbare Zeit, die München bevorstehe: erst Olympische Spiele, dann die Paralympics und das Oktoberfest – ganz Bayern dürfe sich auf ein zweimonatiges Sommermärchen freuen. Was er vergaß: dass es im Sport nichts bringt, übers Ziel hinauszuschießen.
Klar ist: Wer auch immer die Sommerspiele nach Los Angeles (2028) und Brisbane (2032) ausrichten will, benötigt vor allem eines: einen langen Atem. München ist in diesen Marathonlauf gut gestartet. Mehr aber auch nicht.
Das Abstimmungsergebnis zu Olympischen Spielen ist ein starkes Signal
Das Konzept von München ist zweifelsohne medaillenreif. 90 Prozent der Sportstätten in einem Umkreis von 30 Kilometern, die Erweiterung des Olympiaparks von 1972, ein großes Olympisches Dorf, das neuen Wohnraum schafft, Investitionen in den Nahverkehr – das passt. Auch aus Sicht der Bevölkerung: Dass sich am Sonntag beim Bürgerentscheid 66,4 Prozent der Münchner für Olympische Spiele in ihrer Stadt ausgesprochen haben, ist ein starkes Signal. Und alles andere als selbstverständlich.
Zuletzt waren sieben Versuche, das Sport-Spektakel erstmals seit 1972 wieder nach Deutschland zu holen, erfolglos geblieben. Zweimal scheiterten mögliche Bewerbungen am Votum der Bürger (Hamburg/Sommer, München/Winter), und weil gesellschaftlich schwierige Zeiten dazu verleiten, vor allem zu kritisieren, zu nörgeln und abzulehnen, ist dieses „OlympiJA“ umso bemerkenswerter. Denn es drückt nicht nur Zustimmung zu einem vielversprechenden Konzept aus, sondern auch die Lust, etwas bewegen zu wollen. Die Zuversicht, eine große Herausforderung bewältigen zu können. Und den Mut, diese auch anzugehen.
Paris 2024 als Olympia-Vorbild – auch für München
Eine Rolle gespielt hat bei dieser Entscheidung sicherlich Paris 2024. In der französischen Hauptstadt fanden Olympische Spiele statt, die unvergessen bleiben werden. Wegen der Atmosphäre, den Sportstätten, den Emotionen. Aber natürlich auch, weil die Organisationen bewiesen haben, dass das Ringe-Großereignis – trotz aller finanzieller Risiken – in einem demokratischen Staat funktionieren kann. Das kam an, offenbar auch in München. Ob dort jemals wieder um olympische Medaillen gekämpft wird, bleibt dennoch fraglich.
Im Duell mit den anderen deutschen Interessenten Berlin, Hamburg und der Region Rhein-Ruhr hat München ein Zeichen und sich selbst an die Spitze gesetzt. Bleibt es bei den Plänen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), soll der Sieger allerdings erst im Herbst 2026 gekürt werden – nach Kriterien, die noch nicht bekannt sind. Diese Langatmigkeit passt zu einem Verband, der nur selten durch Innovationskraft auffällt und dem es an charismatischen Führungspersönlichkeiten fehlt, deren Wort in der internationalen Sportpolitik Gewicht hat. Dazu kommt die Konkurrenz.
Namhafte Sport-Großstädte gehen ebenfalls ins Rennen
Katar und Indien haben sich für 2036 und 2040 perfekt positioniert, Ägypten will die Spiele erstmals nach Afrika holen, wogegen Kirsty Coventry, die neue IOC-Präsidentin aus Simbabwe, sicher nichts einzuwenden hätte. Und wenn Europa irgendwann wieder dran ist, wollen auch Metropolen wie London, Rom, Madrid und Istanbul ins Rennen gehen. Was zeigt, wie realitätsfern ein weiterer Satz war, den Markus Söder in die Fernsehkameras sprach. „Wenn München will“, meinte der bayerische Sonnenkönig mit strahlendem Lächeln, „dann hat München sehr gute Chancen.“ In der Wirklichkeit? Hat der harte Wettbewerb gerade erst begonnen.