In Müllheim soll die Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zum April geschlossen werden. Bürgermeister Martin Löffler befürchtet fatale Folgen. Die Entscheidung ist für ihn weder nachvollziehbar noch hinnehmbar.
Es ist Sonntagmorgen, 9.45 Uhr, in der Helios-Klinik im Wartebereich der hausärztlichen Notfallfallpraxis: Drei Patienten haben sich schon vor Sprechstundenbeginn um 10 Uhr eingefunden, um ärztliche Hilfe zu erhalten. „Das ist der Normalfall, dass die Leute schon auf uns warten“, sagt Marion Sänger, medizinische Fachangestellte, die an diesem Sonntag Dienst hat. Vom drohenden Aus der Notfallpraxis sei sie „völlig überrascht“ worden. „Wir dachten, wir bleiben verschont“, verweist sie auf die Auslastung. Zumal die Praxen in Lörrach und Freiburg auch „jetzt schon voll“ seien. Noch längere Wartezeiten seien die Folge.
Mehrbelastung für Notaufnahme befürchtet
Die Entscheidung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) falle zu Lasten der Patienten, aber vor allem auch der Notaufnahme der Klinik, meint die an diesem Sonntag diensthabende Hausärztin Molortsetseg Sutter. „Denn unsere Patienten werden nicht nach Freiburg oder Lörrach fahren“, vermutet Sutter. Sie geht vielmehr davon aus, dass die Patienten künftig auf die Notaufnahme ausweichen werden, die eigentlich für schwere Fälle vorbehalten ist. Das werde sehr belastend für die dortigen Kollegen, ist Dr. Sutter überzeugt, die „noch chaotischere“ Verhältnisse befürchtet.
Wie soll ich dorthin kommen?
Bestätigt wird dies auch durch eine kurze Nachfrage unserer Zeitung bei den wartenden Patienten an diesem Sonntagmorgen. „Ich würde nicht nach Freiburg fahren“, heißt es dort unisono. Der weite Weg sei für sie nicht machbar, meint beispielsweise eine ältere Frau mit Rollator. „Wie soll ich ohne Auto dorthin kommen?“
Die Müllheimer Notfallpraxis befindet sich im ersten Obergeschoss der Helios-Klinik. Sie hat am Samstag und Sonntag sowie feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Niedergelassene Hausärzte aus der Region bieten dort auch außerhalb der regulären Sprechzeiten Hilfe an. Das Spektrum der Erkrankungen reiche vom Harnwegsinfekt über kleine Schnittwunden bis zu Herzschmerzen, heißt es auf Nachfrage.
Im Zuge der „Notbremse“ hatte die KV bereits 2023 die Öffnungszeiten der Praxis reduziert, die zuvor von 9 bis 22 Uhr geöffnet hatte.
Bürgermeister Löffler: „Wird nicht funktionieren“
Für Müllheims Bürgermeister Martin Löffler ist die drohende Schließung, von der bis zu 80 000 Menschen betroffen seien, „eine Katastrophe“. Das Stadtoberhaupt ist auch Kreisvorsitzender des Deutschen Roten Kreuzes. Er kann die Entscheidung weder nachvollziehen, noch ist sie für ihn hinnehmbar.
„Die Entfernung zur nächsten Notfallpraxis ist so groß, dass es nicht funktionieren wird.“ Kaum einer werde eine Fahrzeit von 40 oder 50 Minuten auf sich nehmen und sich für diese lange Strecke krank ins Auto oder in den ÖPNV setzen. Das bedeutet: „Es würde Notfälle geben, die keine sind“, befürchtet Löffler eine eklatante Mehrbelastung der Klinik-Notaufnahme und des DRK-Rettungsdienstes mit Fällen, die dort nicht hingehörten. Die Leidtragenden seien somit nicht nur die Patienten, sondern auch Notaufnahme und Rettungsdienst.
„Wir werden auf allen Ebenen Krach schlagen“, um die Schließung doch noch zu verhindern, kündigt Löffler an. Er will vor allem an das Gesundheits-/Sozialministerium und Gesundheitsminister Manfred Lucha appellieren, der die Rechtsaufsicht über die KV hat. Diese Reform dürfe nicht in Kraft treten, betont Löffler, der in diesem Zusammenhang an die bereits erfolgten Schließungen der Notfallpraxen in Schopfheim und Bad Säckingen erinnert. Insgesamt sollen nun offenbar weitere 17 Notfallpraxen in Baden-Württemberg geschlossen werden – acht Praxen hatte die KVBW bereits im Laufe des Jahres dauerhaft dicht gemacht. Die Kassenärztliche Vereinigung wollte sich zu den geplanten Schließungen zunächst nicht äußern. Für den 21. Oktober ist eine Pressekonferenz angekündigt.
„Die Zusammenarbeit mit der Notfallpraxis war stets sehr gut, daher würden wir ihre Schließung bedauern“, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung bei der Müllheimer Klinikleitung. Da der Klinik bislang jedoch noch keine offizielle Kommunikation der KV vorliege, wolle man sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter äußern.
Weiterer Schlag nach Aus für Geburtsstation
Eine Schließung wäre ein weiterer herber Verlust für Müllheim in der medizinischen Versorgung. Im Juli hatte bereits die Geburtsstation in der Helios-Klinik geschlossen. Seitdem müssen werdende Mütter entweder nach Lörrach oder Freiburg fahren, um zu entbinden. Die Station ist seitdem verwaist, heute erinnert nur noch ein großer Storch im Erdgeschoss der Klinik daran, dass hier in der Spitze um die 500 Babys im Jahr das Licht der Welt erblickten. Die Hoffnung auf eine Wiedereröffnung hat Löffler indes noch nicht ganz aufgegeben: „Aber es wird sehr schwierig.“
„Eine große Chance verpasst“ habe die Klinik mit Blick auf die Schließung der Babyintensivstation am Freiburger St. Josefskrankenhaus. Dies hätte der Müllheimer Klinik sicher einige zusätzliche Geburten beschert, ist Löffler überzeugt, zumal dieses Unterscheidungskriterium dann weggefallen wäre und sich hiesige Eltern sicher vermehrt für die Helios entschieden hätten.
Klinikmitarbeiterin: Zum Heulen
„Es ist zum Heulen“, kommentiert eine Klinikmitarbeiterin, die an diesem Sonntag an anderer Stelle ihren Dienst verrichtet, gegenüber unserer Zeitung die aktuellen Entwicklungen. Sie hofft indes, dass die Schließung der Notfallpraxis noch abzuwenden ist.