Lahrer Kliniklandschaft im Wandel: Das jetzige Krankenhaus soll durch einen Neubau bei Langenwinkel ersetzt werden. Foto: Stadt//Yvonne Born

Der Lahrer Alt-OB Wolfgang G. Müller hat Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha in einem Brief um Unterstützung für den Klinik-Neubau gebeten. Lahr brauche eine medizinische Versorgung auf hohem Niveau.

Als der Lahrer Gemeinderat am Montag vergangener Woche über den Klinik-Neubau diskutierte, war Müller unter den Zuhörern. Tags darauf stimmte er im Kreistag dann auch selbst dafür. Seinen Brief an den Sozialminister hatte der Alt-OB bereits Anfang August versandt, durch die Entscheidungen in Gemeinderat und Kreistag für den Neubau hat er aber nichts an Aktualität eingebüßt, im Gegenteil. Denn Stadt und Kreis sind sich zwar über den Standort für das neue Klinikum einig – am Autobahnzubringer auf Gemarkung von Langenwinkel – aber es fehlt eine Förderzusage aus Stuttgart. Die es aber auch (noch) nicht geben kann ohne feststehende Planung. Die Kostenschätzung für das 330-Betten-Haus beläuft sich auf rund 280 Millionen Euro.

 

Im Gespräch mit unserer Redaktion verweist Müller darauf, dass bereits seine OB-Vorgänger Philipp Brucker und Werner Dietz auch nach ihrer Amtszeit eine „fortgesetzte Verantwortung für das Lahrer Krankenhaus“ verspürt und wahrgenommen hätten. Ihm gehe es genauso, deshalb habe er Manfred Lucha (Grüne) angeschrieben.

Auf die Frage, ob er sich während seiner eigenen, 22 Jahre dauernden Zeit als Rathauschef hätte träumen lassen, dass Lahr einmal eine ganz neue Klinik erhalten würde, erwidert Müller, dass zur damaligen Zeit ein Neubau nie zur Diskussion gestanden habe. Im Gegenteil, man sei stolz auf den Gebäudekomplex mit seiner charakteristischen Architektur der Werkgruppe Lahr gewesen.

„Im Mittelpunkt stand immer das große Anliegen, dass die Qualität des Medizinstandorts Lahr generell erhalten bleibt und ausgebaut wird“, so Müller. Für die Lahrer Politik sei es es darum gegangen, dass sich die Kliniken in Lahr und Offenburg im Gleichklang entwickeln sollten. „Dies wurde immer wieder betont.“ Das sei ihm heute nicht weniger wichtig, gerade weil er eine Gewichtsverlagerung nach Offenburg konstatiert. „Als ehemaliger Oberbürgermeister und aktiver Kreisrat verfolge ich die Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit und – zugegebenermaßen – auch mit einer gewissen Sorge“, schreibt Müller an Lucha.

In seinem Brief nach Stuttgart bringt der Alt-OB zur Sprache, dass 2017 die Apotheke des hiesigen Krankenhauses – „gegen den Willen der Verantwortlichen in Lahr“ – geschlossen und nach Offenburg verlegt wurde. Die Pläne, den Medizinstandort Lahr durch eine Beteiligung am oder durch den Erwerb des Mediclin-Herzzentrums zu stärken, hätten sich bisher nicht realisieren lassen, bedauert Müller außerdem. „Entscheidend ist, dass auch in Zukunft hier in Lahr auf wichtigen Feldern der Medizin auf sehr hohem Niveau gearbeitet wird. Zugegeben etwas überspitzt formuliert, es darf nicht sein, dass nur noch Pflästerchen geklebt werden“, so der Alt-OB.

Der Alt-OB sieht mehrere Vorteile beim Klinik-Neubau

Nach den Voruntersuchungen und Kostenvergleichen steht Müller voll hinter den Neubauplänen und nennt in dem Brief deren Vorteile, wie er sie sieht: „Ein Neustart im Lahrer Westen, in Autobahnnähe, der für Patienten und Mitarbeitende aus dem Süden und Norden der Region zügig erreichbar ist. Auf einer Fläche, die darüber hinaus Platz bietet, um die Ansiedelung weiterer Dienstleistungen, zum Beispiel von Fachärzten, Apotheken, Physiotherapiepraxen oder Übernachtungsmöglichkeiten zuzulassen.“ So könne sich dort „mittelfristig ein modernes Medizincluster entwickeln“. Diese Westorientierung ist laut Müller gedanklich und historisch durchaus mit den Plänen zur Lahrer Stadtentwicklung in Verbindung zu bringen, die Architekt und Stadtplaner Friedrich Weinbrenner 1810 vorgeschlagen hatte.

Für die einstweiligen Sorgen in Langenwinkel habe er Verständnis, sagt der Alt-OB. Der Stadtteil sei 1971 wegen des militärischen Flugbetriebs umgesiedelt worden. Langenwinkel habe mit der erfolgreichen Integration von zahlreichen Spätaussiedlern viel für die Gesamtstadt Lahr getan. Auch die Lahrer Werkstätten seien zu nennen. „Gleichzeitig hat sich Langenwinkel eine gewisse Heimeligkeit bewahrt, die manche nun in Gefahr sehen“, stellt Müller fest. Durch den Klinik-Neubau erhalte der Stadtteil aber „ein neues, wertvolles Prädikat“, das sein Gewicht deutlich steigern werde.

Im Gespräch mit unserer Redaktion betont Müller die stadthistorische Bedeutung des Projekts, das für Lahr so wichtig sei wie einst die Konversion nach dem Abzug der Kanadier oder die Landesgartenschau. Im Falle eines Neubaus werde Lahr auch die Aufgabe der „Medizinkonversion“ zu meistern haben, da das jetzige Klinikgelände dann umgestaltet und neu genutzt werde. Es entstünden neue Chancen. Man werde aber Unterstützung brauchen, in erster Linie die des Landkreises, so der Alt-OB. Die kommunalpolitischen Schwerpunkte für das nächste Jahrzehnt seien damit gesetzt.

Für den Neubau hofft Müller indes nicht nur auf eine kräftige Finanzspritze aus Stuttgart, sondern auch, dass die Architekten eine glückliche Hand beim Entwurf haben werden. Müller erwartet, dass auch das künftige Lahrer Klinikum eine ansprechende architektonische Sprache spreche und kein reiner Zweckbau sein dürfe. „Absolut entscheidend“ sei aber die vor Ort geleistete Qualität der Medizin.

Der Brief

Wolfgang G. Müller hat seinen Brief an Sozialminister Manfred Lucha, den er aus zahlreichen Kontakten persönlich kennt, am 8. August abgeschickt. Das Schreiben hat der Alt-OB auch OB Markus Ibert und den Fraktionen des Gemeinderats zukommen lassen. Eine Antwort aus Stuttgart ist bisher nicht eingetroffen.