Tag zwei im Mordprozess vor dem Rottweiler Landgericht. Im Vorfeld des Mordes an seiner 57-jährigen Ehefrau kam es offenbar im gemeinsamen Mietshaus in der Tannstraße zu einem Suizidversuch, bei dem sich der Angeklagte mit dem Kabel eines Ventilators erhängen wollte.
Der Verteidiger des 50-Jährigen erklärt anhand von Fotos, wo und wie sein Mandant den Versuch gestartet haben soll.
Der Angeklagte selbst sagt nichts zu der konstruiert wirkenden Geschichte, die mehr Fragen aufwirft als sie klärt. Daran kann auch der erste Zeuge an diesem Tag nichts ändern. Der Nachbar und Hausarzt der beiden kann sich nicht daran erinnern, dass der Angeklagte mit Striemen am Hals oder Beschwerden durch einen schweren Sturz vorstellig geworden ist. Schließlich endete der Selbstmordversuch des Angeklagten an der Treppe damit, dass er bewusstlos im Keller gelegen habe. So schildert es sein Anwalt Benjamin Waldmüller. Mit dem selben Stromkabel soll er später seine Frau erdrosselt haben.
Das sagt der Arzt und Nachbar
Ebenso nichts gemerkt habe der von seiner Schweigepflicht befreite Mediziner von einem vermeintlichen Alkoholmissbrauch des Angeklagten. Nur die ermordete Ehefrau sei einmal während der Pandemiebeschränkungen zu ihm gekommen, weil sie fürchtete in die Alkoholabhängigkeit abzurutschen. Als Grund habe sie die schwierigen Arbeitsbedingungen im Pflegeheim angegeben. Das sei dann aber kein Thema mehr gewesen.
Das nachbarschaftliche Verhältnis beschreibt der Mediziner als gut. Er habe das Ehepaar als ruhig und hilfsbereit kennengelernt. Auch von den Eheproblemen hatte ihm die Tote berichtet. Es habe aber eine Aussprache gegeben, und man wolle es noch einmal miteinander versuchen, lautete sein Kenntnisstand. Das deckt sich mit Angaben weiterer Bekannter und Freunde der Getöteten, die im Zeugenstand befragt werden. Eine Arbeitskollegin kann berichten, dass sich die Freundin von ihrem Mann scheiden lassen wollte.
Den Angeklagten beschreibt der Mediziner als entwicklungsretardiert. Vom Verschwinden der Nachbarin habe er erst erfahren, als die Kriminalpolizei vor Ort war. „Das war ein Schock“, erinnert sich der Mann
Die Schilderungen verfolgt der Angeklagte mit einer gewissen Unruhe. Nur selten blickt er auf.
Ein zuverlässiger Mitarbeiter
Das Bild eines einfachen, aber zuverlässigen Mitarbeiters zeichnete der direkte Vorgesetzte des Angeklagten.
Der Maurer arbeitete die vergangenen sieben Jahre mit dem 50-jährigen Hilfsarbeiter zusammen. Der Angeklagte holte ihn jeden Morgen mit dem Bus des Bauunternehmens, bei dem beide angestellt sind, ab. Nie habe er ihn als alkoholisiert erlebt, auch nicht am Montag nach der Tatnacht, dem 5. Dezember 2022.
Außergewöhnlich sei nur gewesen, dass der Angeklagte ihm in der Nacht drei Whatsapp-Nachrichten geschrieben habe. Der Wortlaut soll in etwa folgender gewesen sein: „Ich kann nicht kommen, habe Blut im Stuhlgang“; „Ich habe einen Arzttermin bekommen“; „Ich komme morgen doch“. An jenem Montag sei dann aber alles wie immer gewesen, ebenso die Tage danach. Und auch von den Nachwehen eines Suizidversuchs habe der Zeuge nichts mitbekommen.
Liebhaber wartet vergebens
Der Liebhaber der Getöteten wohnte in der Nähe. Mit ihm, so wird in der Verhandlung deutlich, konnte sie ausleben, was in ihrer Ehe offenbar nicht möglich war. Was auffällt: Auch in dieser Beziehung war die 57-Jährige Lebensretterin.
Nachdem man sich beim Ausführen des Hundes kennengelernt hatte, vertiefte sich die Beziehung nach einem Herzinfarkt des neuen Mannes. Sie belebte ihn wieder, aus Freundschaft wurde Liebe. Dem nächsten Schritt, einem gemeinsamen Leben, stand der Gatte im Weg. Für ihn fühlte sie sich verantwortlich und wollte von ihrem alten Leben nicht loslassen, so schildert es der Liebhaber.
Am Abend vor ihrem Tod habe sie ihn besuchen wollen. Sie telefonierten zwei Mal, doch die 57-Jährige kam nicht. Stattdessen herrschte Funkstille. Auf Anrufe reagierte sie nicht. Als der Freund am nächsten Morgen bei ihr zu Hause klingelte, machte niemand auf. Die Klingel war abgestellt, und auch der geliebte Hund – „ihr Kind“ – schlug nicht an. Zwei Wochen später die Gewissheit: „Sie haben sie tot im Garten gefunden.“