Nach der Obduktion von Michael Riecher durch Frank Wehner in der Uni-Klinik Tübingen war klar: Der Immobilienunternehmer wurde ermordet. Danach sicherte die Polizei mit großem Aufgebot die Spuren vor und im Haus. Foto: Lück

Das war wohl nichts mit Entlastung für den Angeklagten Omran A. Der Rechtsmediziner Sven Anders sagt: Der Zeitpunkt, in dem Michael Riecher (57, †) ermordet wurde, wird immer ungenauer.

Mit Spannung erwarten die Prozessbeteiligten im Schwurgerichtssaal den Auftritt von Sven Anders – Oberarzt für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg.

Doch Omrans Verteidiger Alexander Hamburg und sein Kollege Kubick haben Pech. Was er sagt, kann ihren Mandanten – den syrischen Flüchtling Omran A. – in keinem Fall entlasten. Beide hatten aufgrund der Beweise in der Hauptverhandlung argumentiert: Riecher sei frühestens um 19.30 Uhr gestorben. Um 19.28 Uhr war Omran A. im oder vor dem Haus – so die WLAN-Daten des Mordopfers Michael Riecher nahelegen. Zweites Indiz zu diesem Zeitpunkt: Die Wegdrückbarkeit von Leichenflecken. Legte den Todeszeitpunkt auf 19.30 Uhr fest.

Deshalb hatten Hamburg und Kubick darauf bestanden, den Pathologen Sven Anders aus Hamburg zu laden. Der hatte 121 Leichen genau auf die Wegdrückbarkeit dieser Flecken untersucht.

Neuer Gutachter mit der aktuellsten Forschung

Anders. Oberarzt der Gerichtsmedizin im Universitätsklinikum Eppendorf. Erklärt jetzt im Gerichtssaal das genaue Ergebnis seiner Studien von 2019: "Die Wegdrückbarkeit von Leichenflecken im oberen Körperbereich beträgt 20 Stunden. Im Beckenbereich – wo das auch bei Michael Riecher untersucht wurde – beträgt diese Zeit maximal 24 Stunden."

Der Gutachter schaut sich das Foto an, welches die Ermittler vom Kriminaldauerdienst (KDD) am 3. November 2018 um 15.45 Uhr gemacht haben. Der Oberarzt der Gerichtsmedizin im Universitätsklinikum Eppendorf: "Auf dem Formular ist "noch wegdrückbar" angekreuzt. Die komplette Wegdrückbarkeit besteht laut Definition nur dann, wenn die Farbe genau der Partie drumherum ohne Leichenflecken entspricht. Das ist hier nicht der Fall!"

Was sagt das Foto vom Opfer?

Anders betont: "Wir waren erstaunlicherweise die ersten, die diese Studie so gemacht haben. Wir haben festgestellt, dass das Kriterium der vollständigen Wegdrückbarkeit in den bisherigen Studien nicht genau definiert wurde – außer bei uns." Klartext: Die vollständige Wegdrückzeit ist deshalb ein Grenzwert für den Todeszeitpunkt, weil das Blut sich nach dem Tod in den Gefäßen staut. Und irgendwann – bis zu 24 Stunden – ist das Blut nur noch "so flüssig", dass man es vollständig mit dem Daumen wegdrücken könne.

Und das Foto des Leichenflecks stimme damit nicht überein. Das sagt auch der Polizist, der damals die Untersuchung gemacht hat.

Gutachter: Nur Thermometer bestimmt Todeszeitpunkt

Anders: "Das heißt: Wir können für die Bestimmung des Todeszeitpunktes beim Opfer nur die Temperatur-Methode anwenden. Dadurch ergibt sich ein möglicher Todespunkt-Zeitraum von 14.06 bis 23.06 Uhr."

Der Vorsitzende Richter Thomas Geiger holt aus seinem Zimmer noch die Akte aus der Hauptverhandlung – da spielte das Thermometer schon mal eine Rolle. Fakt ist, so der KDD-Ermittler: Bei der Temperaturmessung bei Riecher wurde mit einer Sonde sowohl die Körpertemperatur als auch die Außentemperatur im Raum gemessen.

Hat das Thermometer falsch gemessen?

Anders: "Das ist ein Testo-Gerät. Ein Hersteller aus Lenzkirch – ganz hier in der Nähe. Bei uns benutzen wir diese Geräte auch. Wir haben allerdings zwei Sonden – eine für die rektale Messung, eine zweite Sonde für die Außentemperatur. Rufen sie da doch an, ob die Sonde für die Körpertemperatur auch genauso exakt die Außentemperatur messen kann. Das müssten die Ingenieure dort wissen."

Nächste Frage: Wurden Türen und Fenster in der Zeit zwischen dem Mord, Auffinden, Leichenschau und der ersten Untersuchung durch die Ermittler vom Kriminaldauerdienst aufgemacht? Was spielt das für eine Rolle für den Todeszeitpunkt? Pathologe Anders: "Das kann man zwar messen lassen. Man kann dann für die Bestimmung des Todeszeitpunktes einen hypothetischen Mittelwert nehmen." Relevanter sei aber die Frage, ob die Messsonde korrekt die Außentemperatur (Messwert des KDD: 18,8 Grad) damals gemessen habe.

Welchen Einfluss haben offene Fenster und Türen?

Der Vorsitzende Richter Thomas Geiger bittet den Sachverständigen, mal nachzurechnen, was 1 oder 2 Grad Abweichungen nach oben und unten ausmachen würden. Zehn Minuten Rechenpause.

Rechtsmediziner Anders: "Bei einer kühleren Raumtemperatur um 1 Grad wäre der frühestmögliche Todeszeitpunkt 15.31 Uhr, 2 Grad 16.36 Uhr. Ein Grad wärmer wäre 12.31 Uhr, zwei Grad wärmer 10.31 Uhr." Klartext: Laut Iyads Aussage und den Handy-Daten waren beide unzweifelhaft zwischen kurz nach 19 Uhr bis 19.28 Uhr in der Wohnung von Riecher gewesen. Bringt der Verteidigung also – in ihrer früheren Argumentations-Linie – nichts.

Richter Geiger: "Unsererseits sind wir mit dem Beweisprogramm soweit fast durch. Die Frage der Messsonde versuche ich zunächst über die Polizei zu klären."

Derzeit noch auf dem Rest-Programm: Verlesung von Urkunden. Ein Telekom-Experte. Die Polizei-Dolmetscher.

Auf Hamburgs Antrag musste Pathologe aus Hamburg kommen

Die Verteidigungslinie der beiden Verteidiger von Omran wurde Mitte Juni durch die überraschende Aussage von Frank Wehner, Leiter der Rechtsmedizin Tübingen, erschüttert. Die lautete in der Hauptverhandlung: Laut Wehner sei der frühestmögliche Todeszeitpunkt des Opfers um 19.30 Uhr. Indiz: Die Wegdrückbarkeit der Leichenflecken. Omran habe laut Riechers Router Riechers Wohnung um 19.28 Uhr verlassen.

Mitte Juni sprach der Rechtsmediziner Frank Wehner auf einmal von Unsicherheiten. sagte: "Das von mir verwendete Programm geht von 20 Stunden aus. Dabei hat der Autor des Programms schon 1984 in einem Aufsatz geschrieben, dass diese Wegdrückbarkeit nach 36 Stunden erlischt. Ich selbst erzähle meinen Studenten seit 20 Jahren, dass diese Zeitspanne so lang sein kann. Wenn man diesen Grenzwert bei 23 Stunden anlegt, kann das Opfer auch schon um 16.48 Uhr gestorben sein."

Omrans Verteidiger Alexander Hamburg hatte mit seinem Kollegen Alexander Kubick deshalb den Hamburger Pathologen als Sachverständigen beantragt. In der Hoffnung, das er Wehners neue Aussage korrigiert. Wohl vergeblich.