Der Angeklagte im Mordfall Tobias verdeckt vor Gericht sein Gesicht mit einem Aktenordner Foto: dpa

Die Eltern des vor fast zwölf Jahren ermordeten Jungen aus Weil im Schönbuch treten in den Zeugenstand.

Stuttgart - Es war ein schwerer Gang, sie haben ihn mit Haltung und Würde gemeistert: Am Donnerstag traten die Eltern des vor fast zwölf Jahren in Weil im Schönbuch (Kreis Böblingen) ermordeten Tobias in den Zeugenstand. „Ich möchte Ihnen das aufrichtige Mitgefühl des Gerichts aussprechen“, so Regina Rieker-Müller, Vorsitzende Richterin der 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Stuttgart.

„Tobi hat sich sein Rad geschnappt und ist vom Hof gefahren. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe“, sagt Petra D. Die Mutter des ermordeten Elfjährigen erinnert sich noch genau an den 30. Oktober 2000. „Es war der erste Tag der Herbstferien. Ich habe ihn nicht gern allein gehen lassen“, sagt die tapfere 51-Jährige. Eigentlich wollte Tobias mit Freunden zum Fischweiher im Gebiet Dörschach radeln. Ein Freund war krank, ein anderer verreist, Tobias fuhr allein zum Weiher, um zu angeln. „Und dann war es dunkel und kein Tobi da“, erinnert sich seine Mutter.

An dem versteckt gelegenen Fischteich fünf Radminuten von seinem Elternhaus in Weil im Schönbuch entfernt ist der Fünftklässler auf seinen Mörder gestoßen. Rolf H. war selbst mit dem Rad unterwegs gewesen, hatte den Jungen gesehen – und hatte seinem krankhaften Trieb nachgegeben.

Ein freundlicher, aufgeschlossener Wildfang

Der gelernte Bäcker aus Filderstadt hat am ersten Prozesstag gestanden, den Jungen hinter die Fischerhütte gelockt zu haben, um ihn sexuell zu missbrauchen. Tobias habe zu schreien begonnen, woraufhin der 48-Jährige zustach – 38-mal. Ehe er den Tatort verließ, habe er den Jungen noch verstümmelt, so Rolf H. vor Gericht. Erst elf Jahre nach der Bluttat konnte der Mann ermittelt und dingfest gemacht werden.

An jenem Abend im Oktober 2000 begann die Mutter des Jungen, Freunde abzutelefonieren und dann zum See zu fahren – nichts, keine Spur von Tobi. Später sind Willi und Petra D. erneut zum See gefahren. Mit Unterstützung zweier Polizisten suchten sie erneut. „Dann hat mein Mann gerufen: Ich habe ihn. Der Tobi ist tot“, sagt die Mutter und wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Sie habe über all die Jahre nie die Hoffnung aufgeben, dass der grausame Tod ihres Sohnes aufgeklärt werde.

Das Schreckliche habe die Familie zusammengeschweißt. Die tiefe Wunde sei zur Narbe geworden, die aber immer wieder aufreiße, so Petra D. Vor drei Tagen wäre ihr Sohn 23 geworden. „Aber unser Tobi feiert keinen Geburtstag mehr“, sagt die Mutter. Der mutmaßliche Mörder des Buben sitzt im Saal links von ihr und hat den Kopf tief gesenkt.

Ein Wunschkind sei er gewesen, ihr Tobias, sagt Petra D. Ein freundlicher, aufgeschlossener Wildfang, sehr lebhaft und naturverbunden. „Wenn er da war, war immer was los“, sagt die 51-Jährige. Sie sei mit ihm immer zum Handball gefahren, der Vater war fürs Radfahren zuständig. Willi D., selbst passionierter Radler, hat seine beiden Söhne trainiert. „Tobi war zäh und kräftig, ein überdurchschnittlich talentierter Radfahrer“, sagt Willi D., und man hört noch heute heraus, wie stolz er auf seinen Buben ist.

Im Prozess kommt wieder alles hoch

Im Februar 2001 habe sein Sohn sogar eine Einladung vom Württembergischen Radsportverband zu einem Lehrgang bekommen. „Da war er aber schon tot“, sagt der Vater. Der Verband habe sich tausendmal entschuldigt.

Radeln, angeln, Handball spielen, basteln werkeln, reparieren, dazu freundlich und lebhaft, so sei ihr Junge gewesen, sagen die Eltern. Jetzt, im Prozess, komme alles wieder hoch, die ganze Erinnerung. „Es ist schon schwer. Wie ich ihn gefunden habe, das läuft wieder wie ein Film vor mir ab“, sagt der Vater. Der 54-Jährige ist sich sicher, dass es einen Kampf gegeben haben müsse, damals hinter der Fischerhütte. Er sagt, sein Sohn habe sich bestimmt heftig gewehrt. Darauf deute auch hin, dass der Junge seine Sportbrille verloren habe. Man fand sie nahe dem Tatort im Gras.

Die Familie, Mutter, Vater und Bruder von Tobias, ist bis heute in psychiatrischer Behandlung. Nur so hätten sie die schwere Zeit überstehen können, sagt Vater Willi D. „Ohne die Betreuung wären wir untergegangen.“

Der Prozess vor der 1. Schwurgerichtskammer wird am kommenden Montag fortgesetzt.

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