Ein volles Haus mit bestens gelauntem Publikum – was kann sich eine Schauspielerin mehr wünschen? Özlem Öner führte ihr drittes Solostück im Nagolder Kubus auf.
Eine kuschelige Wohn-Bettlandschaft, neben der sich Teddy, Tischchen mit Nachtlektüre, ein Kleiderständer und ein Schminktisch versammeln: Das ist das Ambiente, in dem Özlem Öner das Monodrama von „Liebe Und Leid“ ihrer Protagonistin Aysegül entwickelt.
Diese hat offenbar ein spannendes Date vor sich, denn am Schminktisch bewegt sie ebenso das Thema, welches Outfit sie wählen soll, wie auch das Kaschieren möglicher Pölsterchen, während sie über ihr Leben sinniert.
Als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern hat sie schon länger nicht nur wirtschaftlich zu kämpfen: Der eine Mann machte sich schon während der ersten Schwangerschaft aus dem Staub, der zweite entdeckte Neigungen für die Stieftochter, weswegen Aysegül mit den Kindern ins Frauenhaus floh und seither trotz langer Therapie immer wieder unter Atemnot und Panikattacken leidet.
Beide Männer drücken sich vor Zahlungen
Beide Männer haben Insolvenz angemeldet, um sich vor dem Unterhalt zu drücken, und Aysegül fragt sich: Was wäre, wenn Frauen ebenso Insolvenz anmeldeten, statt weiter zu funktionieren?
Aysegül, stolz darauf, dass sie die kleine Familie trotz knapper Kasse allein versorgen kann, hat gerade die Töchter bei der Oma untergebracht, der sie vorflunkert, auf einem Seminar in Frankfurt, ähem, eher Köln zu sein - und deshalb am Telefon weiter fabulieren muss. Doch die wichtigsten Anrufe während der Vorbereitung aufs Date und den immer wieder kreisenden Gedanken sind natürlich jene des „Geliebten“.
Aus ihrer Anspannung rettet sich Aysegül mit Atemübungen und Tanzen – oder fordert das Publikum zum Mitsingen auf: „Los, Sie sind nicht zum Sitzen da!“ Und alle machen mit. Schließlich gesteht sie, dass sie eine Fernbeziehung zu einem verheirateten Mann hat: „Ich bin also eine Schlampe, doch wenn ein Mann Ähnliches macht, ist es nicht der Rede wert, oder?“ Aysegül wettert und weint, fühlt sich beschummelt, verletzt und vielleicht doch wieder begehrt, will entschlossen die Beziehung zu „diesem A…“ beenden – und lässt sich trotz allem weiter lächelnd auf ein Hin und Her – zumindest am Telefon – ein.I
Künstlerin schreibt etwa fünf Jahre an dem Stück
m Wechselbad der Gefühle zwischen emotionaler Abhängigkeit, Erwartungen, Fremd- und Selbstbestimmung nimmt Özlem Öner das Publikum mit auf eine Achterbahn wechselnder Gemütslagen ihrer Protagonistin. Etwa fünf Jahre schrieb die 48-Jährige an dem rund zweistündigen Stück, in das persönliche Erlebnisse, aber auch Erfahrungen aus Zufallsbegegnungen mit anderen Frauen einflossen. Das lebendige Monodrama gewährt in vielen Facetten Einblick in einen sich entwickelnden Prozess, dessen Ausgang am Ende aber offen bleibt.
Das Publikum im Nagolder Kubus feierte diese mitreißende Aufführung mit anhaltend herzlichstem Beifall, ehe Özlem Öner den Sponsoren dankte und zahlreiche Mitarbeitende auf die Bühne holte, ohne die – von Organisation über Bewirtung bis zur Technik – der Abend nicht möglich gewesen wäre. Vielleicht gibt es bald eine weitere Aufführung des noch länger nachklingenden Monodramas?