Der Erdrutsch am Rossberg bei Öschingen aus der Luft: Alle 29 Bewohner mussten zur Sicherheit ihre Häuser verlassen. Foto: Grohe

Drei Häuser im Juni total zerstört. Die Bewohner dürfen noch immer nicht in ihre Wohnungen zurück.

Mössingen - Drei Monate ist es nun her, dass sich die Erde bei Mössingen (Landkreis Tübingen) nach dem starken Regen des Frühjahrs in Bewegung gesetzt hat. Doch erst jetzt wird das wahre Ausmaß der Katastrophe sichtbar.

Als Walter und Margrit Klopfer diesen Sommer auf Radtour gingen, läutete eines Abends das Telefon: Es hieß, der Berg komme runter. "Wir haben uns vorgestellt, das Haus wird überrollt", sagt Margrit Klopfer. Während sie und ihr Mann sich irgendwo zwischen Wien und Budapest befanden, ereignete sich in ihrer Heimat ein gewaltiger Erdrutsch.

"Uns hat es wirklich aus dem Nichts ereilt"

"Ich dachte erst, es ist ein Witz", sagt Hilde Hahn, eine Nachbarin der Klopfers. Seit über fünfzig Jahren lebt sie in der kleinen Landhaussiedlung von Öschingen. Gerade hatte der Sonntags-"Tatort" begonnen, als ein Feuerwehrmann vor der Tür stand und befahl, sofort das Haus zu räumen. Der Strom war ausgefallen, das Wohnzimmer lag im Düstern, das schmutzige Geschirr von der Lasagne in der Spüle. Zehn Minuten hatten die Hahns Zeit, das Ihrige zusammenzupacken. "Uns hat es wirklich aus dem Nichts ereilt", sagt Brigitte Hahn.

Über ihnen rauschte der Wald. Unruhig geworden, liefen die Kühe zum Stall. Ein Nachbar meinte, ein Jäger habe geschossen: Zuhauf zerkrachten Birken und Tannen und stürzten den Hang hinab. Vor den Gartenzäunen türmten sich Humus und Schutt, in die Keller fraß sich modriges Wasser.

Für die Hahns folgte eine schlaflose Nacht. Tochter Floriana versäumte den Unterrricht in der Schule. "Es herrschte innerer Ausnahmezustand", sagt Brigitte Hahn. "Alle standen da und waren neben sich."

In den nächsten Wochen durfte die Familie nur unter strenger Aufsicht in ihr früheres Heim zurück. Die Feuerwehr riegelte alles ab. Es wurde jemand beauftragt, Wertgegenstände und Kleidung abzuholen. Später wurden Umzugswagen in der Siedlung zugelassen.

Eine halbe Million Kubikmeter Boden- und Felsmassen

Seit Ende Juni ist der Stadtrand von Öschingen Sperrgebiet. Die meisten der 29 Bewohner kamen bei Freunden oder Verwandten unter und warten bis heute darauf, heimkehren zu dürfen. Zwar besitzen sie eine Sondergenehmigung und dürfen das Sperrgebiet betreten. Wohnen dürfen sie hier offiziell aber noch nicht.

Fast drei Monate ist der Erdrutsch nun her: "Wir können nach wie vor keine Entwarnung geben", sagt der Mössinger Oberbürgermeister Michael Bulander. Geologen wurden beauftragt, die aktuelle Lage einzuschätzen: "Am Anfang war es sehr chaotisch. Jetzt läuft es ganz gut organisiert", sagt Brigitte Hahn. Durch die Bohrungen und Messungen weiß man mittlerweile, dass sich die Erde seit dem 7. Juni nicht mehr bewegt hat. "Wir stellen ein stabiles Gleichgewicht fest", sagt Klaus Kleinert vom Baugrundinstitut Vees und Partner. Allerdings besteht immer noch Gefahr, dass es zu weiteren Erdrutschen kommt – vor allem bei einem feuchten Winter.

In der Nähe vom Haus der Klopfers ist ein Kanal zu sehen: Es plätschert hier ununterbrochen. "Die Siedlung liegt auf einem Wasserbett", sagt Bulander. Durch den starken Regen müssen sich im Schömberg ungeheuere Wassermassen angesammelt haben: "Wenn der Boden aufweicht, ist irgendwann Schluss, und es kommt zum Erdrutsch", sagt Theodoros Triantafyllidis, Leiter des Instituts für Bodenmechanik und Felsmechanik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). "Der Fall Öschingen ist ein klassischer Böschungsbruch." Durch das Wasser im Boden wurde der Hang immer schwerer. Es entstand wohl ein unterirdischer Strom, der nicht abfließen konnte und sich dann einen Weg Richtung Siedlung bahnte. Insgesamt bewegten sich rund eine halbe Million Kubikmeter Boden- und Felsmassen.

"Auch aus der Ferne hatten wir ein mulmiges Gefühl", sagt Elektroingenieur Klopfer, der mittlerweile pensioniert ist. Als er mit seiner Frau aus dem Urlaub heimkehrte, stellte er bei seinem Haus Totalschaden fest. Vor allem der Keller ist seither ruiniert: Meterlange Risse, mitunter zwei Zentimeter dick, durchziehen die Wände. Der Flur hat sich ein wenig gesenkt, eine Wand steht schief – wie bei vielen Häusern.

Zukunft ist noch ungewiss

Insgesamt gab es in Öschingen drei Totalschäden. Doch an manchen Häusern ging der Erdrutsch, im buchstäblichen Sinne, völlig vorbei: Wie ein Pfeil zog er sich durch die Siedlung. Wer weit genug entfernt wohnte, war nicht betroffen. Die Klopfers kostet der Erdrutsch mindestens 160.000 Euro – nach aktuellem Stand. Die Schäden stehen noch nicht genau fest. "Täglich finden sich neue Risse in den Häusern", sagt der Mössinger Bürgermeister. Glücklicherweise sind die meisten Gebäude gegen Elementarschaden versichert, was Erdrutsche mit einschließt. "Momentan erhalten die Betroffenen Mietwertersatz", sagt Sylvia Knittel von der Sparkassenversicherung.

"Wir wollen bis Mitte September eine Aussage darüber, wie es weitergeht", fordert Brigitte Hahn. Noch ist ungewiss, wann die Öschinger in ihr Heim zurückkehren können: "Im allerbesten Fall diesen Herbst", sagt Geotechniker Kleinert. Bürgermeister Bulander äußert sich hierüber vorsichtiger: "Nach den Geologen wird es wohl erst Frühjahr 2014 so weit sein."

Bereits 1983 ein ähnlicher Vorfall

Geotechniker Kleinert sagt, dass Erdrutsche nichts Ungewöhnliches seien. Sein Unternehmen wird deshalb zwei- bis dreimal im Jahr beauftragt. Auch im Gebiet von Mössingen gab es schon mehrere Erdrutsche, 1983 sogar einen besonders schlimmen.

Wenn dem so ist, hätte man eigentlich vorgewarnt sein müssen, meint Triantafyllidis vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT): "Diesen Bergfuß in Öschingen hätte man als Gefahrenbereich erkennen können. Ich verstehe nicht, dass vorher nichts getan wurde. Da ist die Politik gefragt."

Was entgegnet der Mössinger Bürgermeister auf diese Kritik? "Im gesamten Albtrauf besteht Erdrutschgefahr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dieses Gebiet absichern kann", sagt Bulander. Er wolle diese Frage aber einem Geologen überlassen. "Ich glaube schon, dass man sich für ein paar Millionen Euro gegen Erdrutsche absichern kann. Das sind Nullachtfünfzehn-Verfahren. Es wäre sicherlich bezahlbar", so Triantafyllidis. Dazu müssten Expertenteams genau bestimmen, in welchen Gebieten um den Albtrauf Erdrutsche möglich und Menschenleben gefährdet seien.

"Es muss jetzt jeder für sich entscheiden, ob er wieder auf einem erdrutschgefährdeten Gebiet wohnen möchte", sagt Hilde Hahn. Doch wie die meisten ihrer Nachbarn ist für sie klar: Öschingen ist ihre Heimat.
 

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