Berufstätige über 50 Jahre lassen sich häufiger krankschreiben als jüngere Kollegen. Die Reha-Klinik Bad Sebastiansweiler setzt deshalb auf Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)
Die Mittagspause bedeutet für viele Menschen eine kurze Entspannung während der Arbeit. Ein Durchschnaufen, bevor die zweite Tageshälfte beginnt. Aber: Entspannung kann man unterschiedlich interpretieren. Sitzend das Vesper verspeisen, obwohl man als Bürokraft ohnehin acht Stunden am Schreibtisch sitzt? Für den Körper ist das keine Erholung – und gesund ist es auch nicht. Der Rumpf sackt ein, „dabei sollten 80 Prozent der Menschen ihren Rücken gezielt stärken“, sagt Hannah Arndt.
Also: Statt sitzend vespern, lieber in den Fitnessraum. Die Beschäftigten der Reha-Klinik Bad Sebastiansweiler können die hauseigenen Geräte ab sofort kostenlos nutzen. Von 12 bis 13 Uhr ist der Fitnessraum für ihr Mittagspausen-Workout reserviert – es ist der Auftakt eines neuen, strukturierten Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) im Zentrum für Rehabilitation, Pflege und Therapie in Mössingen.
Gesund heißt motiviert
Das Unternehmen hat die Gesundheit der etwa 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Chefsache erklärt. „Wir brauchen gesunde und gestärkte Beschäftigte“, sagt Geschäftsführer Clemens Miola. „Je gesünder die Menschen sind, desto motivierter sind sie. Es herrscht eine bessere Atmosphäre im Haus, was für geringere Ausfallquoten sorgt – und sich somit direkt auf die Patientinnen und Patienten auswirkt.“
Gesundheitsmanagement als Schlüssel für Zufriedenheit, motivierte Mitarbeiter und somit für ein erfolgreiches Unternehmen. Eigentlich sollte das mittlerweile bekannt sein, und doch wird dieser Aspekt von vielen Firmen als Wirtschaftsfaktor unterschätzt. „Manche Unternehmer setzen eher auf kurzfristige Investitionen. Beim Gesundheitsmanagement sind die Erfolge nicht gleich zu sehen, dafür sind sie aber sehr nachhaltig“, sagt Arndt. Sie koordiniert das Betriebliche Gesundheitsmanagement in Bad Sebastiansweiler. Nicht nebenher, sondern als klar definierte Aufgabe im Unternehmen.
Rundum-Paket für Mitarbeiter
Das Konzept setzt auf drei Grundbausteine: Bewegung, Stressresilienz und Ernährung. Das kostenlose Gerätetraining für die Mitarbeiter wird ab Juni durch zwei Präventionskurse zu Rückenfit und Entspannung pro Woche ergänzt. Ebenfalls ein kostenloses Angebot. Gemeinsam trainieren Kollegen für den Mössinger Stadtlauf am 25. April, Wanderausflüge mit Teambuilding-Stationen sowie Workshops zu Stressmanagement und gesunder Ernährung sind bereits terminiert. Über einen Newsletter erhalten Interessierte Rezepte aus gesunden Zutaten, die nach Feierabend schnell gekocht werden können.
BGM müsse ganzheitlich betrachtet werden, sagt Michael Hallabrin, stellvertretender Geschäftsführer der AOK Neckar-Alb. Ob Umgang mit psychischer Belastung oder ein stabiler Rücken: „Gesunde Arbeitsjahre bedeuten mehr gesunde Lebensjahre“, betont Hallabrin. Zwar hat nicht jeder Betrieb ein eigenes Fitnessstudio im Haus, „aber Übungen zur Stärkung lassen sich auch mit Gegenständen aus dem Büro umsetzen. Oder einfach mit einer Wasserflasche“, sagt Arndt.
Start mit einer Befragung
Start des systematischen Gesundheitsmanagements im Kurort Bad Sebastiansweiler war eine umfassende (anonyme) Befragung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Welche Situationen sind körperlich oder psychisch belastend? Gibt es Optimierungsbedarf bei der Arbeitsplatzergonomie? Welche Bedürfnisse gibt es beim Bewegungsangebot, der Ernährungsberatung und beim Stressmanagement?
Letzteres wird immer wichtiger, da sind sich Hallabrin, Arndt und Miola einig. „Wir leben in einer Gesellschaft, die sich immer gestresst fühlt“, sagt Miola. Der Grund für die psychische Belastung müsse jedoch nicht die Arbeit sein – im Gegenteil: Ein motivierendes Umfeld, ein gesunder Arbeitsplatz könne Stress und Belastung reduzieren.
Mit mehr Energie in den Tag
In Rente gehende Babyboomer, Fachkräftemangel, Dauerstress: „In ein systematisches Gesundheitsmanagement zu investieren bedeutet, in den Erfolg und die Zukunft unseres Unternehmens zu investieren“, betont Miola. Der Start des BGM in Bad Sebastiansweiler wird mit 10.000 Euro von der AOK gefördert; die Trainingseinheit in der Mittagspause gilt für die Beschäftigten nicht als Arbeitszeit. „Das muss jedes Unternehmen selbst entscheiden, ob das im Alltag umsetzbar ist“, sagt AOK-Vizechef Hallabrin.
Als Start könne es definitiv helfen, den Beschäftigten beispielsweise eine Stunde Arbeitszeit für das Training zur Verfügung zu stellen. „Und sobald die Menschen merken, dass sie sich wohler fühlen, kommt die Motivation von allein“, sagt Hannah Arndt. Ein kurzes Krafttraining in der „Mipa“ oder direkt nach Schichtende, und der nächste Arbeitstag beginnt mit mehr Energie.