Vor 40 Jahren sorgte Gerhard Schröder durch einen Auftritt ohne Krawatte für Aufregung. Inzwischen verzichten auch seriöse Herren immer öfter auf den Schlips. Warum eigentlich?
Stuttgart - Die Aufregung war groß im Deutschen Bundestag: Vor 40 Jahren wagte ein junger Abgeordneter den Tabubruch und trat als erster Redner überhaupt ohne Krawatte ans Pult des Hohen Hauses. Der als Zwischenrufer berüchtigte Lothar Haase aus der CDU/CSU-Fraktion polterte unverzüglich: „Da können Sie ja gleich nackt kommen.“ Der Karriere des aufmüpfigen Jungspunds gab der Auftritt keinen Knacks – der damals 37-jährige Gerhard Schröder brachte es bis zum Kanzler und passte sich dabei auch den modischen Konventionen schrittweise an.
Sogar Bosch hat die Krawattenpflicht abgeschafft
Heute aber würde Schröders Krawattenverzicht längst nicht mehr zur Provokation taugen, vor allem in jüngster Zeit ging es steil bergab mit dem einst unverzichtbaren Halsschmuckaus der Herrengarderobe. Dem Statistischen Bundesamt zufolge hat sich die Einfuhr von Krawatten aus dem Ausland im zurückliegenden Jahrzehnt mehr als halbiert von 21 Millionen Stück jährlich auf nicht einmal mehr neun Millionen.
Wohl am augenfälligsten vollzog sich der Wandel in der Geschäftswelt, wo etliche Firmen zuletzt die Vorschriften lockerten. Selbst der ansonsten überaus traditionsbewusste Stuttgarter Bosch-Konzern ging vor einigen Jahren neue Wege und verkündete offiziell eine Oben-ohne-Kultur.
Der modische Wandel von Jürgen Klopp
Auch andernorts geht der Trend hin zum lässigen Look. Im Sport beispielsweise: Jahrelang galten Anzug und Krawatte für Fußballtrainer bei Spielen der Champions League als modischer Imperativ – bis Jürgen Klopp 2014 im Kapuzenpulli an der Seitenlinie stand und damit schnell Nachahmer fand.
Während Klopp das Ganze nicht groß thematisierte, machen andere Personen des öffentlichen Lebens inzwischen keinen Hehl mehr aus ihrer Aversion gegenüber der Krawatte: Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck hat bereits mehrfach kategorisch ausgeschlossen, jemals zum Schlips greifen zu wollen.
„Eigentlich ist diese Entwicklung schade“, sagt Carl Tillessen, der Chef-Analyst des Deutschen Mode-Instituts. „Die Krawatte ist für Männer eine schöne Möglichkeit, sich zu schmücken. Quasi als Äquivalent zur Kette oder Brosche.“ Mit der passenden farblichen Abstimmung könne man Stil beweisen und glänzen: „Es geht um die Kunst des Dreiklangs mit Hemd und Sakko. Wenn der gelingt, entsteht eine Harmonie über die Summe der Einzelteile hinaus.“ Die Möglichkeiten seien zahlreich, die Fettnäpfchen aber leider auch.
Aufregung um Jan Hofers Krawatte
Selbst eine an sich unverdächtige Farbwahl kann schnell polarisieren: 2014 erreichten den damaligen „Tagesschau“-Chefsprecher Jan Hofer zahlreiche Beschwerden, als er direkt vor dem WM-Finale der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Argentinien eine hellblaue Krawatte trug. Die ähnelte dem Blauton in der Flagge der Südamerikaner derart, dass sie von aufgebrachten Fans vielfach als implizite Sympathiebekundung mit dem deutschen Gegner gedeutet wurde.
Hofer reagierte prompt – und moderierte in der Halbzeitpause mit einer rot gestreiften Krawatte um den Hals. Immerhin sind Nachrichtenformate eine der wenigen Fernsehdomänen geblieben, in denen der Schlips bis heute zur Grundausstattung gehört.
Warum die Krawatte vielfach ausgedient hat
Wann und weshalb der Bedeutungsverlust der Krawatte einsetzte, ist nicht so leicht zu beantworten. Aus Sicht von Tillessen war die Finanzkrise von 2008 daran nicht unschuldig: „Damals ist die Krawatte von einem Markenzeichen für Erfolg zu einem Symbol für gierige Banker geworden.“ Inzwischen hätten sich die Vorbilder geändert: „Mit Kleidung inszeniert man sich ja immer auch. Und heute wollen viele eben Frische, Tempo und Flexibilität vermitteln.“
Nach der Finanzkrise kam die Coronakrise, die der Krawatte ebenfalls nicht besonders gutgetan hat. Große Feste wie Hochzeiten – eine der letzten Bastionen der festlichen Kleidung im privaten Kreis – fielen den Kontaktbeschränkungen zum Opfer, auch das Homeoffice verstärkte den Trend zum legeren Auftritt.
Erstmals seit 50 Jahren kein „Krawattenmann des Jahres“
So kam es im Coronajahr 2020 zu einem absoluten Novum: Erstmals seit über fünf Jahrzehnten verzichtete das Deutsche Mode-Institut auf die Auszeichnung zum Krawattenmann des Jahres, die zuvor Prominente wie Moderator Günther Jauch oder Schauspieler Jan Josef Liefers erhalten hatten. „Wir haben uns bewusst dazu entschieden, damit auszusetzen“, sagt Tillessen. „Es fühlt sich derzeit einfach unzeitgemäß an.“
Inzwischen setzen sich immer mehr Alternativen durch. Mitten in einer Umorientierung ist etwa Ascot, einer der traditionsreichsten Krawatten-Händler Deutschlands. Dort hat der Absatz an Schals und Ziertüchern zuletzt stark angezogen. „Das könnte sich als neuer Halsschmuck etablieren“, sagt Barbara Pauen von der Geschäftsführung.
Strick-Krawatten als neuer Trend
An ein Comeback der Krawatte glaubt sie dagegen nicht: „Nach der Coronapandemie haben wir zwar ziemlich sicher wieder Lust, uns chic zu machen; die Krawatte wird da aber nur noch ein Element von mehreren sein.“ Und das vermutlich in neuem Look: Ascot beliefert immer mehr Geschäfte mit Krawatten im Vintage-Style, Woll- oder Strickexemplare etwa. „Das ist vor allem in Japan schon sehr angesagt“, sagt Pauen.
Ein wenig Hoffnung besteht aus Sicht von Carl Tillessen aber auch für den klassischen Schlips: In seinem Bekanntenkreis würden wieder mehr Personen Krawatte tragen, die es laut Konvention gar nicht müssten. „Es ist ein bisschen wie mit der Pflichtlektüre im Deutschunterricht“, sagt Tillessen.
Auf Anordnung konsumiere man sie missmutig, um sie Jahre später auf Basis der Freiwilligkeit mit Begeisterung wieder zu entdecken: „Niemand möchte in dem Verdacht stehen, nicht selbst entscheiden zu dürfen, was er trägt.“ Vielleicht also ermöglicht gerade das Ende der Krawattenpflicht eine Rückkehr. Ein bisschen zumindest.