Direkt hinter der Ladentür von Schwarzwald Couture hängen Kleider an einer Stange. Es sind kunstvoll verarbeitete Dirndl, Röcke mit Rüschen und Stickereien, ein Bolero und liebevolle Accessoires. Das Bild passt allerdings nur bedingt: Denn bei Kim Schimpfle in Freiburg gibt es eigentlich nichts von der Stange.
Drei Stufen zwischen zwei schmalen Schaufenstern, darüber ein schlichtes frei schwingendes Schild – der kleine Laden in der innenstadtnahen Straße ist nicht auffällig, eher zurückhaltend. Der Eindruck ändert sich beim Blick in die Schaufenster schon leicht und wird beim Betreten der Räume dahinter vollends gedreht: Die Wände des Verkaufsraums sind in einem satten Tannengrün gehalten, alte Fotografien in noch älteren Rahmen hängen daran, ergänzt durch Stickereien, opulente Ölbilder sowie echte und unechte Geweihe. Gefangen genommen wird der Blick allerdings von den in Designer-Dirndl gewandeten Schaufensterpuppen. Üppige Stoffe, starke Farben, viele Kontraste, Schwarzwaldmotive und noch mehr Liebe zum Detail treffen hier zusammen.
Jede Facette zählt
Auf der Ladentheke liegt eine Mappe mit Stoffmustern. Immer wieder das gleiche Muster: Reihe auf Reihe kleiner gestickter Streublumen mit kleinen Kuckucksuhren in unregelmäßigen Abständen. Nur die Farbe des Trägerstoffs ändert sich alle zehn Zentimeter. Auf mehreren Stoffbahnen ist der Hintergrund in verschiedenen Blautönen gehalten, auf anderen sind es graue Nuancen, dazu kommen Rot, Orange und Beige.
Kim Schimpfle steht hinter der Theke, nimmt jede Stoffbahn in die Hand, lässt ihre Hand darüber gleiten, ihre Augen darüber wandern und das Material zu sich sprechen. Welche Stofffarbe eignet sich als Basis für das Streublumenmuster, welche nicht? Wo stimmen Kontrast und Farbigkeit, wo nicht? Es sind Muster, die sie entworfen und extra hat anfertigen lassen. Erst viel später wird sie eine Auswahl treffen und bestellen. Es ist – wie so vieles in ihrer kreativen Arbeit – ein langwieriger Prozess.
Eine Katastrophe
Kim Schimpfle wurde zwar am Bodensee geboren, kam aber mit ihrer Mutter als Sechsjährige und pünktlich zur Einschulung nach Freiburg. Gestalterische Kreativität war immer Teil der Familie Schimpfle. Ihre Eltern, Antje und Jochen, waren erfolgreiche Keramikkünstler, ihre Oma war Schneidermeisterin und leitete viele Jahre einen Kindermodeladen. Der Enkelin liegt das Gestalterische ebenfalls deutlich näher als das Theoretische. »Die Schule war eine Katastrophe«, sagt die heute 48-Jährige rückblickend. Mit dem Realschulabschluss macht sie sich auf Lehrstellensuche. Erfolglos.
Erfolgreich ist dagegen ihr kreativer Umgang mit Nadel und Faden. Zweimal gewinnt Kim Schimpfle den Nähwettbewerb von Burda, entwirft eigene Kleider und Outfits. Manchmal kommt ein Auftrag aus dem Freundeskreis, dann einer über drei Ecken. 1996 traut sie sich und tritt erstmals mit einer Modenschau in der Öffentlichkeit auf. Freunde unterstützen sie. Von da an werden es zwei Schauen pro Jahr, immer an besonderen Orten: Galerien, Abbruchhäuser, Rohbauten oder stillgelegten Fabriken. Später kommen Kunst- und Theaterprojekte dazu und natürlich Aufträge. Das alles stemmt sie im heimischen Atelier.
Das Internetradio spült leise französischen Pop in die beiden Räume ihres Laden-Ateliers. Ansonsten ist es ruhig. Laufkundschaft gibt es zwar, aber in der Regel machen ihre Kundinnen lieber Termine aus. Auf dem Arbeitstisch liegt ein Bogen Papier mit einer schwarz-weißen Zeichnung. Zu sehen sind ein Dirndl und die dazugehörigen Anweisungen: Ans Oberteil aus rotem Samt mit den beiden Trägern soll eine »Borte schwarz Samt« kommen, die Schnürung im Miederbereich ist mit Samtband geplant, während unten am Rock zu lesen ist: »Borte lila mit Blumen« und »Rüschen gold«.
Was auf dem Papier so einfach wie Malen nach Zahlen klingt, ist ein kreativer Prozess, der seine Zeit benötigt. Schließlich muss das Gesamtwerk stimmen – von den Farben, den Mustern, der Stoffbeschaffenheit und dem Schnitt bis hin zu den Details. Denn Ziernähte, Knöpfe, Bordüren, Perlen, Rüschen, feine Spitzen und Bänder kommen auch noch dazu. Das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente so zu steuern, dass am Ende ein Dirndl-Unikat mit Schwarzwaldflair entsteht, braucht Zeit. Drei Monate rechnet Kim Schimpfle für einen Auftrag. Mindestens. Nicht eingerechnet ist da die Zeit, die sie für die Entwicklung ihrer Stoffe und Schnitte aufwendet.
Kim Schimpfle hat sich Stoffmuster, Borten und Garn zurechtgelegt. Nach und nach bringt sie die verschiedenen Stoffe und Farben zusammen, gleicht sie mit einem alten Foto ab, das als Inspiration dient. Welche Farben harmonieren oder verstärken einander? Welche Borte ergänzt das? Und welches Garn setzt Akzente oder verschmilzt mit allem? Sie fühlt, vertraut ihrem Fingerspitzengefühl und Gespür. Die Stoffauswahl für ein Kleid zu treffen oder das Design eines neuen Stoffes zu entwickeln, sind kreative Herausforderungen: »Das kann sich ziehen. Und oft muss ich da eine Nacht drüber schlafen.« Aus der Hüfte geschossen wird bei ihr nicht.
Mit Herz und Hand
Vor gut zwölf Jahren bemerkt Kim Schimpfle beim Spaziergang, dass ein alteingesessener Friseurladen im Freiburger Stadtteil Wiehre aufgegeben hat. Schaufenster und Eingangstür sind verhängt. Es wäre ein schöner Platz, zumal es zu Hause langsam eng wird: Ihre Kollektionen benötigen Platz, ihre Stoffe und Ideen ebenfalls. Sie klopft und klingelt – und wird gehört. Noch schöner: Sie erhält den Zuschlag und zieht mit Stoffballen, Nähgarn, Nähmaschinen und Schneiderpuppen ein. Etwas später findet auch ein Hundekörbchen seinen Platz: das von Pütti. Den mittlerweile zwölf Jahre alten Havaneser hat sie aus dem Tierschutz übernommen.
In Anlehnung an die französische Schneider-Hochkunst der Haute Couture nennt Kim Schimpfle ihr Atelier Schwarzwald Couture. Und auch hier ist alles Handarbeit, alles von ihr: vom ersten Entwurf über die acht Meter Rüschen am Unterrock, die Knopflöcher und die Platzierung der Miederstäbchen bis hin zum Finish.
Als kreativer Kopf liebt es die 48-Jährige, Inspirationen zu sammeln. Internationale Messen, Kulturevents, Museen und alte Schwarzwald-Fotografien oder Postkarten gehören ebenso dazu wie der Schwarzwald an sich. An den Wochenenden treibt es die Dirndl-Designerin oft ins Grüne. Auf Tages- und Halbtageswanderungen nimmt sie den Schwarzwald, seine Wälder, Menschen, Typen, Farben und Muster auf.
Die Kleid-Urform
»Ein Dirndl steht jeder Frau. Es betont die Weiblichkeit und überspielt mit dem weiten Rock auch gern die sogenannten Problemzonen«, sagt Kim Schimpfle. »Es ist die Urform eines Kleides«, das zudem viele Möglichkeiten biete, betont sie. Ob mit ausgefallenem Dekolletee oder hochgeschlossen: »Ein Dirndl hat viele Facetten und lässt sich wunderbar an den eigenen Geschmack anpassen.« Auch durch Kim Schimpfle, die kreative Impulse aus allen Teilen der Welt und verschiedenen Epochen in ihre Arbeiten einfließen lässt, ist die Schwarzwälder Tracht im Heute angekommen. Eines ihrer Modelle ist seit kurzem als moderne Interpretation dieser Tracht in die historische Sammlung des Badischen Landesmuseums Baden-Württemberg in Karlsruhe aufgenommen worden.
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