Das ÖPNV-Taxi soll die Lücken im öffentlichen Nahverkehr im Kreis Freudenstadt füllen – die Finanzierung gestaltet sich aber schwierig. Die SPD will im Bundestag für das Konzept werben.
Dass der öffentliche Nahverkehr im ländlichen Raum verbesserungswürdig ist, ist kein Geheimnis. Auch im Kreis Freudenstadt, der ländlich geprägt und dünn besiedelt ist. In Loßburg-Wittendorf fahren zum Beispiel nur drei Busse täglich, und das auch nur an Schultagen. Um dem mangelnden Angebot entgegenzuwirken, hat der Landkreis 2021 das ÖPNV-Taxi eingeführt – als Alternative zum privaten Pkw.
Erdal Atas ist langjähriger Taxiunternehmer – mit Taxi Fink in Sulz am Neckar und Taxi Atas in Empfingen, mittlerweile von seiner Tochter geführt. Für ihn ist das ÖPNV-Taxi ein nachhaltiges Konzept, insbesondere für den Arbeitsmarkt. Er konnte dadurch vier neue Vollzeitkräfte einstellen. Er betreibt eines von sieben Taxiunternehmen, die die Haltestellen bedienen.
Vorzeigecharakter hat das ÖPNV-Taxi auch für Stefan Dreher. Der SPD-Mann aus Horb ist der Überzeugung: „Das Angebot löst das Problem des ÖPNV im ländlichen Raum komplett.“ Der Knackpunkt: 2026 läuft die Förderung durch das Land Baden-Württemberg für das ÖPNV-Taxi aus, bis 2029 läuft das Angebot aber mindestens weiter.
ÖPNV-Taxi bald Thema im Bundestag?
In der Hoffnung, dass das Projekt weitere Nachahmer findet, hat er eine Probefahrt organisiert. Die Gäste: SPD-Landtagskandidatin im Kreis Freudenstadt, Bettina Ahrens-Diez, und die SPD-Bundestagsabgeordnete Isabel Cademartori (Wahlkreis Mannheim). Letztere sitzt auch im Verkehrsausschuss des Bundestags.
Atas leitet die Probefahrt. Ein Mann aus Nordstetten muss während der Mittagszeit zur Arbeit in der Nähe der Horber Real-Markt-Haltestelle. Heißt: Ein Bus fährt zu dieser Uhrzeit die Haltestellen nicht an.
Fast 20 000 Nutzer registriert
Die Fahrt beginnt entspannt am Horber Hauptbahnhof. Nordstetten ist schnell erreicht, nach einem kurzen Wendemanöver steht Atas dann auf der richtigen Seite. Der Fahrgast steht schon bereit. Die beiden kennen sich gut, die Stimmung während der Fahrt ist familiär. Der Mann ist nicht allein: Laut dem Landkreis Freudenstadt gibt es inzwischen knapp 19 000 angemeldete Nutzer im System, erklärt Sabine Matt, Pressesprecherin des Landratsamts.
Während der Fahrt erzählt er von seiner Arbeit bei einem Fastfood-Restaurant, und dass seine Frau ebenfalls in der gleichen Branche arbeitet. Sie haben zwar ein Auto, das benutzt aber immer seine Frau. Ein zweites könnten sie sich nicht leisten. Und ihre Arbeitszeiten sind so unterschiedlich, dass sie meist nicht gemeinsam zur Arbeit können. Daher sei er auf das ÖPNV-Taxi angewiesen.
Einzige Möglichkeit, zur Arbeit zu fahren
Einer von vielen arbeitenden Menschen, wie Atas bestätigt. Von den monatlich knapp 1200 Fahrten befördere er hauptsächlich Menschen aus den umliegenden Dörfern, die zur Arbeit müssen. Jugendliche ohne Führerschein, die irgendwo jobben. Oder mit der Bahn nach Stuttgart müssen. Die Uhrzeiten: üblicherweise sehr früh oder spät abends.
Das Fahrtziel ist schnell erreicht, der Rückweg führt zurück zum Horber Bahnhof. Und die beiden Fahrgäste der SPD? Sie sprechen von einem grundsätzlich positiven Modell. Cademartori beschäftige sich viel und intensiv mit der Mobilität im ländlichen Raum. Im ÖPNV-Taxi sehe sie eine gute Lösung für das Problem.
Weniger als 3 Millionen Euro sind unrealistisch
Sie hat allerdings auch einige Verbesserungsvorschläge, bei der Bezahlung etwa. Mit digitalen Zahlungsoptionen wie Paypal könne der ganze Prozess erleichtert werden. Als positives Beispiel sieht sie hier Uber.
Und Dreher? Er ist überzeugt, dass das Projekt auch anderswo funktionieren würde. Im Kreis Freudenstadt bleibt er aber skeptisch. Die Finanzierung sei nicht abschließend geklärt. Und er ist sich sicher: „Unter 3 Millionen Euro im Jahr geht da nichts.“
So steht es um die Zukunftsfähigkeit
Finanzierung fraglich
Damit das ÖPNV-Taxi eine Zukunft hat, muss zunächst die Finanzierung geklärt werden. Die Kosten hängen dabei stark von der Anzahl der Fahrten pro Jahr ab. Aus dem Landratsamt heißt es, der Landkreis sei ständig dabei, das System zu optimieren, um so die Kosten zu reduzieren. Für das Jahr 2026 seien etwa 3,5 Millionen Euro eingeplant worden. Die Einnahmen liegen laut Landratsamt hingegen bei 1 Million Euro – 300 000 Euro aus den Zuschlagszahlungen der Fahrgäste, 360 000 Euro aus den Fördermitteln des Landes und weitere 300 000 Euro aus Fördergeldern gemäß des ÖPNVG.
Langfristige Perspektive
Das ÖPNV-Taxi wurde vor fünf Jahren mit Hilfe des Förderprogramms „Innovationsoffensive Öffentliche Mobilität“ eingeführt. Die Mitfinanzierung des Landes läuft jedoch 2026 aus. Der Landkreis hat sich verpflichtet, das Angebot mindestens drei Jahre weiterzuführen. Das Landratsamt bekräftigt jedoch, langfristig am Weiterbetrieb des ÖPNV-Taxis interessiert zu sein. Bedient werden Freudenstadt, Horb, Alpirsbach, Baiersbronn, Dornstetten, Empfingen, Eutingen, Glatten, Grömbach, Loßburg, Pfalzgrafenweiler, Schopfloch, Seewald und Waldachtal (inklusive aller Teilorte).