Die Stadt Albstadt sucht neue Lösungen für die Themen Mobilität und Verkehr – am Dienstagabend waren die Bürger zur Beteiligung an dieser Suche aufgerufen. Wobei es mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen galt.
Noch vor dem „Anpfiff“ in der Ebinger Festhalle hatte Axel Mayer, der Leiter des Stadtplanungsamts, im persönlichen Gespräch darauf hingewiesen, dass es an diesem Abend um Verkehr gehen sollte und nicht um die Neugestaltung und Reanimierung der Ebinger Innenstadt. Doch wie sich im Lauf des Abends erweisen sollte, ließ sich das eine vom anderen nicht ohne weiteres trennen.
Daran ist nicht zuletzt die Stadt selbst schuld, die in ihrem Auftrag an das Ludwigsburger Fachbüro BS Ingenieure zwei verschiedene Themen, Fragestellungen, Aufgaben miteinander verknüpft hatte. Erstens: Wie kann Albstadts Verkehr klimafreundlicher werden? Zweitens: Auf welche Weise kann der Verkehr in der Ebinger Innenstadt dazu beitragen, sie wieder attraktiver, lebendiger, vorzeigbarer zu machen?
Das Büro BS Ingenieure soll ausdrücklich nur in Ebingen den Verkehr zählen und Prognosen für seine künftige Entwicklung stellen, nicht in ganz Albstadt – durch die Sache ist das zumindest im Falle der ersten Frage nicht gerechtfertigt. Der Grund dafür ist letztlich ein sachfremder: Der Einsatz von BS Ingenieure wird aus dem „ZIZ“-Budget“ für die Ebinger Innenstadt finanziert und endet folgerichtig an ihren Grenzen.
In beiden Fällen gibt es Vorgaben, die zu beachten sind: Das Land Baden-Württemberg will den CO2-Ausstoß des Verkehrs bis 2040 auf 55 Prozent des Werts von 1990 senken und den motorisierten Individualverkehr um 20 Prozent reduzieren – nicht ganz einfach in der Flächenstadt Albstadt mit ihrer anspruchsvollen Topographie, sprich: dem ständigen Auf und Ab. Ferner gibt es die Entscheidung für die Reaktivierung der Talgangbahn, und es gibt – was offensichtlich nicht allen der rund 70 Anwesenden bewusst war – seit knapp einem Jahr einen Gemeinderatsbeschluss, wonach im Zuge der Neugestaltung der Ebinger Innenstadt der Busverkehr aus der Bahnhofsstraße verschwinden soll. Darüber musste also eigentlich gar nicht mehr debattiert werden; das stand fest.
Wie viele Autos fahren täglich durch Ebingen?
Andere Voraussetzungen müssen dagegen erst noch geklärt werden. Worüber redet man, wenn man vom Ebinger Stadtverkehr spricht? Wie viele Autos fahren täglich durch Ebingen? Und von wo nach wo? Was ist mit den Fahrrädern? Wo verlaufen die Trampelpfade der Fußgänger, und wie viele sind es? Antworten auf diese Fragen soll eine Verkehrszählung geben, die an einem ungenannten Tag in näherer Zukunft stattfinden wird, und zwar mit einem Aufwand, wie man ihn bisher nicht kannte: keine zählenden Schüler mit Klemmbrett und Kuli mehr, dafür Kameras, die an insgesamt 44 Stellen der Innenstadt Autos, Fahrräder, Passanten und Busse zählen, teilweise sogar mit – verschlüsselter! – Kennzeichen-Registrierung, um den Anteil des Durchgangsverkehrs bestimmen zu können. Danach, so BS-Ingenieure-Chef Frank Schäfer, werde man klüger sein und eher in der Lage, ausgehend von den gewonnenen Erkenntnissen Wünsche zu formulieren.
Leicht wird auch das nicht, mit oder ohne gesicherte Zahlen. Das zeigte sich im zweiten Teil des Abends, beim Brainstorm und Wunschkonzert an den sogenannten Themeninseln Automobilität, Parken, ÖPNV, Fuß- und Radverkehr sowie „Neue Mobilität“. Die Zahl der Interessenkonflikte ist nicht gerade klein: Gleich neben den Zettel „Talgangbahn!“ war die Gegenrede „Radschnellweg Talgang anstatt Talgangbahn“ an die Stellwand gepinnt; zwei Tische weiter stritt Daniela Steinhart-Schwab, CDU-Stadträtin und Geschäftsfrau, intensiv mit Alt-Stadtbaumeister Gerhard Penck darüber, ob der Verzicht auf Parkplätze im Hufeisen dem Einzelhandel vollends das Genick brechen könnte – Steinhart-Schwab befürchtet es, Penck dagegen erklärte, von den Parkern im Hufeisen hätten die Händler gar nichts; die wollten entweder aufs Rathaus oder zur Bank.
Entschleunigung versus Erreichbarkeit
Ein Beispiel unter anderen, an denen der große Zielkonflikt sichtbar wurde: Man wünscht einerseits Verkehrsberuhigung und Entschleunigung, andererseits Erreichbarkeit – unter anderem für die immer älter und immobiler werdende Kundschaft der Ärzte und Therapeuten, von denen es laut Mitveranstalterin Christine Seizinger nicht weniger als 57 in der Ebinger Innenstadt gibt. Da wohnen erkennbar zwei Seelen in der Brust des Durchschnitts-Albstädters. Und mitunter sogar der Einzelpersonen. „Wenn ich arbeite, habe ich es gern möglichst schnell und nah“, räsonierte ein Bürger. „Aber in der Freizeit soll es das autofreie Idyll sein.“