Kristina Djukic starb mir 21 Jahren. Foto: Instagram/Kika

Auf dem Balkan wird das „Cyber-Mobbing“ unter Jugendlichen zu einem immer größeren Problem. Die junge Serbin Kristina Djukic hielt die Anfeindungen nicht mehr aus.

Belgrad - Die junge Serbin Kristina Djukic war beliebt, erfolgreich – und gut aussehend. 700 000 Abonnenten zählte ihr Youtube-Kanal „K1KA“. Selbstbewusst und stets fröhlich wirkte die 21-jährige Belgraderin mit dem blonden Haar und den ebenmäßigen Gesichtszügen, die bereits mit 14 Jahren als „Gamerin“ in Serbiens Webwelten Furore machte. Aber trotzdem ereilte die populäre Influencerin ein unerwartet früher Tod.

 

„Kristina, wo bist du jetzt?“ lautete der Text des Schlagers, der bei ihrer Beerdigung in dieser Woche auf dem Belgrader Lesce-Friedhof ertönte. In einem weißen Sarg wurde „Kika“ auf dem verschneiten Gottesacker zu Grabe getragen. Über „Bosheit und Hass“, den ihre Tochter zu Lebzeiten erfahren hatte, klagte am Grab mit tränenerstickter Stimme ihre von Weinkrämpfen geschüttelte Mutter. Die Youtuberin habe sich getötet, weil sie „im Internet misshandelt“ worden sei, so die Zeitung „Blic“. Ihr Tod habe eine „Lawine von Fragen“ ausgelöst: „Die digitale Gewalt wird zum Trend unter den Jugendlichen.“

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Schon vor drei Jahren hatte die Web-Ikone in einem Interview berichtet, dass sie sich wegen der zahlreichen Drohungen kaum mehr aus dem Haus traue. Von vielen Teenagern wurde sie zwar bewundert. Doch gleichzeitig wurde ihr Instagram-Profil nach eigener Aussage von Hassbotschaften überschwemmt. Manche forderten sie selbst zum Selbstmord auf. Zuschriften wie „Du bist flach wie ein Brett, lass dich aufpolstern“, „Du hast keine Oberlippe, wie willst du einen Jungen küssen“ oder „Du bist ein Silikon-Baby so wie alle“ hätten sie „verletzt“, bekannte die sonst so aufgeräumte „Kika“ noch zu Lebzeiten.

„Cyber-Bullying“ nennt sich das Phänomen des Web-Mobbings meist durch Gleichaltrige, denen sich Jugendliche nicht nur in den Balkanstaaten vermehrt ausgesetzt sehen. Jede Hassbotschaft, auch im Web, sei für die Opfer eine „Tortur“, so der Psychologe Radomir Colakovic. Gerade Jugendliche und junge Frauen, deren Persönlichkeitsbildung „noch nicht abgeschlossen“ sei, reagierten bei entwürdigenden Äußerungen zu ihrem Aussehen sehr empfindlich: „Die Erfahrung zeigt, dass die Opfer an das zu glauben beginnen, was die Täter suggerieren – dass sie wirklich dumm, hässlich oder zu dick seien.“

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In den USA klagen gar 60 Prozent der Teenager, schon einmal zum Opfer von Cybermobbing geworden zu sein. Tragische „Bullycide“-Fälle, bei denen die Opfer von Cybergewalt ihrem Leben ein Ende setzen, sind in den Balkanstaaten zwar eher selten zu beklagen. Doch die während der Coronapandemie verschärfte Verrohung des Umgangstons in den sozialen Webwelten macht zunehmend auch Erwachsenen zu schaffen.

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Im bosnischen Banja Luka sah sich ein junger, homosexueller Stadtrat von der oppositionellen PDP-Partei zu Monatsbeginn zum Rücktritt genötigt, nachdem private Sex-Aufnahmen vermutlich von der politischen Konkurrenz im Netz lanciert worden waren. Sie sei wegen ihres farbigen US-Ehemanns zum Opfer von Cybergewalt geworden, berichtete unlängst die serbische Popsängerin Tijana Bogicevic: „Bei uns ist alles ein Tabuthema, egal ob man homosexuell, schwarz ist oder zum Psychotherapeuten geht. Wir sind einfach scheinheilig.“

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/