Panka Chirer-Geyer und Dirk Werner teilen sich im Erdgeschoss der ehemaligen Lampenfabrik Pfäffle in der Villinger Straße in Schwenningen Labor und Atelier. Hier entstehen auch die Ideen für ihr Projekt zur NS-Zwangsarbeit. Foto: Mareike Kratt

Das Projekt zur NS-Zwangsarbeit in Schwenningen hat zwei neue Akteure: Dirk Werner und Panka Chirer-Geyer. Wie sie das Thema künstlerisch-digital umsetzen.

Das Projekt „Heimatgeschichte International. Auf den Spuren der NS-Zwangsarbeit in Villingen-Schwenningen“, das aus einer Arbeitsgruppe heraus entstanden ist und im Rahmen eines Förderprogramms eine zweijährige Laufzeit hat, ist vielschichtig: Gemeinsam mit jungen Menschen wollen die wissenschaftlichen Mitarbeiter Lisa Schank und Florian Kemmelmeier nicht nur die Lebensgeschichten der rund 4000 NS-Zwangsarbeiter in Schwenningen erforschen und hinterfragen, sondern dazu auch eine Ausstellung und eine Website entwickeln.

 

Gefördert wird seit Anfang des Jahres auch ein Unterprojekt, das das Thema weniger wissenschaftlich, sondern vielmehr künstlerisch aufarbeitet. Federführend hierbei ist der Schwenninger Macher Dirk Werner, der zusammen mit der Künstlerin Panka Chirer-Geyer das Projekt ins Rollen gebracht hat.

Das Konzept

Schon länger ist Chirer-Geyer im Arbeitskreis aktiv und war zusammen mit Werner unter anderem bei einem Treffen mit Florian Kemmelmeier in Berlin – dieser sei im Übrigen sehr angetan gewesen vom neuen Konzept der künstlerischen Herangehensweise.

Die Idee: Exemplarisch soll ein einzelner Ort in Schwenningen, an dem Zwangsarbeiter aktiv waren, in den Fokus gerückt werden: die ehemalige Lampenfabrik Pfäffle in der Villinger Straße – genau dort, wo derzeit unter anderem die Werkbox VS eine Heimat hat, wo aber auch seit ein paar Monaten Dirk Werner und Panka Chirer-Geyer gemeinsame Räumlichkeiten – das Labor – Open Reality Space sowie das Panka Atelier – haben.

Das Ziel

Das Ziel: mit der damaligen Zeit und den Zwangsarbeitern künstlerisch zu arbeiten – also nicht zu dokumentieren, sondern deren Geschichte beispielhaft erlebbar zu machen. Motiviert wurden Initiator und Künstlerin durch ihre eigene Vergangenheit: Werners Großvater war Oberbauleiter bei der paramilitärischen Einheit für Bau, Todt, – repräsentierte also die „Täterseite“, während Panka Chirer-Geyers Eltern zu dieser Zeit aus ihrer ungarischen Heimat fliehen mussten und die Opferrolle repräsentieren.

Auch wenn beide viel zusammenarbeiten, hat jeder seinen Schwerpunkt: Werner ist Ideengeber und Koordinator, die Künstlerin arbeitet konkret mit einzelnen Charakteren. Diese sollen aber wiederum nur exemplarisch die Schicksale und Biografien darstellen – „als Erfahrung, nicht als Stigmatisierung“.

Der Titel

Was die Akteure dabei immer wieder umtreibt: „Eigentlich müssen die Arbeiter permanent sichtbar gewesen sein, in den Lagern, bei Privatpersonen, eigentlich in jeder Straße“, sagt Werner, spricht aber gleichzeitig von einer „sichtbaren Unsichtbarkeit“. Denn: „Niemand konnte und durfte sie wahrnehmen.“ Nicht umsonst lautet der Arbeitstitel des Projekts „Schattenmenschen“.

Die ehemalige Lampenfabrik Pfäffle in der Villinger Straße steht im Fokus des neuen Kunstprojekts zur NS-Zwangsarbeit in Schwenningen. Foto: Mareike Kratt

Da ist etwa die Arbeiterin Maria, auf deren Schicksal Panka Chirer-Geyer bildnerisch aufmerksam macht. „Welche Wege ist sie gelaufen, um von A nach B zu kommen? Vorgegebene? Kurze? Lange?“, fragt sie sich dabei.

Für die Recherche haben die beiden Projektmitarbeiter unter anderem sieben Meter Akten im Wirtschafts-Archiv in Stuttgart gewälzt, die wichtige Informationen über die Lampenfabrik und die Arbeiter bereithielten.

Der zweite Schritt

Gerade um Orte und Wege soll es auch gehen, wenn Chirer-Geyers künstlerischer Ansatz in einem weiteren Schritt ins Digitale übersetzt wird. Hierzu konnte Werner den Medienkünstler Roland Sproll, mit dem er in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet hat, engagieren. Die Akteure versprechen sich zudem eine bessere Zugänglichkeit und Relevanz der Thematik.

Relevanz wird das Schattenmenschen-Projekt zudem bei der anstehenden Ausstellung zur „Heimatgeschichte International“ im Uhrenindustriemuseum haben, wenn die künstlerischen und digitalen Interventionen präsentiert werden. Die Ausstellung soll dabei als Arbeitsraum dienen, in dem die Bestandteile nicht nur konsumiert, sondern die Besucher auch aktiv einbezogen werden, bietet Dirk Werner einen Vorgeschmack.

Die Verantwortung

Derzeit sind die Akteure noch „mittendrin“ in den Vorbereitungen – ein langer und intensiver Prozess des Forschens, Austauschens und Ausprobierens, erklärt Panka Chirer-Geyer. Schließlich wolle man diesem schwierigen Thema auch gerecht werden – indem nicht moralisch der Holzhammer erhoben, sondern auf verschiedenen Ebenen zum Nachdenken angeregt wird und die Menschen ein Gefühl für die NS-Zwangsarbeit bekommen. Denn Dirk Werner macht gleichzeitig die Verantwortung deutlich, klarzustellen: „Diese Menschen waren nicht freiwillig da. Und: Nur durch sie konnte der hiesige Wohlstand auch nach dem Krieg aufrechterhalten werden.“

Das Kunstprojekt rund um die Lampenfabrik Pfäffle

Ein Aufruf
Für ihr Projekt suchen Panka Chirer-Geyer und Dirk Werner derzeit Zeitzeugen beziehungsweise Nachfahren von ehemaligen Arbeitern der Lampenfabrik Pfäffle in Schwenningen. Zudem freuen sie sich über erhaltene Fabrikexponate. Kontaktaufnahme ist über kontakt@panka.info möglich.

Die Ausstellung
Die Ausstellung über das Gesamtprojekt zur NS-Zwangsarbeit in Schwenningen, bei der das Schattenmenschen-Unterprojekt auch zu erleben ist, ist für Sommer 2026 im Uhrenindustriemuseum geplant. Nähere Infos gibt’s unter https://www.uhrenindustriemuseum.de/projekte/initiative-ns-zwangsarbeit.