Der Bundesligist soll die Höhe der Ablösesumme festgelegt haben. Doch ergibt das überhaupt Sinn für die Stuttgarter? Wir erklären die Hintergründe.
Der erste Blick geht häufig in Richtung Angelo Stiller. Das ist so, wenn der Torhüter Alexander Nübel den Ball am Fuß hat, ebenso wenn die Innenverteidiger Jeff Chabot, Finn Jeltsch oder Ramon Hendriks das Spiel des VfB Stuttgart aus den hinteren Reihen aufbauen wollen. Wo befindet sich der Mittelfeldstratege? Meist kommt er ihnen entgegen und wird angespielt. Denn alle beim Fußball-Bundesligisten wissen, dass die Kugel bei Stiller bestens aufgehoben ist. Er stellt die meist gesuchte und benutzte Anspielstation dar – und der Mann mit der Rückennummer sechs fordert den Ball ständig.
Das ist Stillers Spielverständnis. Er steht im Zentrum des Geschehens, er strukturiert das Spiel und von seinem linken Fuß gegen viele Angriffe aus. Also erhält er den Ball, von Nübel, Chabot, Jeltsch, Hendriks und den anderen Kollegen. Wenn man so will, bildet der 25-Jährige Herz und Hirn der Stuttgarter Elf auf dem Rasen. Ohne ihn läuft nichts.
Das wird auch an diesem Sonntag (17.30 Uhr) gegen den Hamburger SV so sein. Rein statistisch kommt Stiller in einer Partie auf durchschnittlich 84,29 Ballkontakte (2360 insgesamt bisher). Nur Aleix Garcia (Bayer Leverkusen/2917/108,04), Joshua Kimmich (FC Bayern München 2537/105,71) und David Raum (RB Leipzig 2449/90,7) bringen es in der Bundesliga auf mehr.
Gegen den HSV wird es bei Stiller wohl auch Richtung hundert Ballkontakte gehen. Ein Kriterium, das ihn auszeichnet und gepaart mit seiner Passsicherheit (knapp 90 Prozent der Zuspiele kommen an) begehrt macht. Seit ein paar Tagen ranken sich wieder vermehrt Transferspekulationen um den Stuttgarter. Der VfB soll seinem Spielmacher einem Medienbericht zufolge ein Preisschild mit 50 Millionen Euro umgehängt haben.
Nach Informationen unserer Redaktion trifft das jedoch nicht zu. Es wurde kein vereinsinterner Beschluss gefasst, der die Ablösesumme für den Spieler festlegt. Auch keine entsprechende Absprache wurde getroffen. Warum auch? Noch gibt es weder konkrete Interessenten noch Verhandlungen oder Absetzbewegungen. Hinterlegt ist nur, dass ein nächster Karriereschritt denkbar ist.
Insgesamt ergibt es für den VfB somit keinen Sinn, seinem Profi mit dem höchsten Marktwert (45 Millionen Euro) plakativ ins Schaufenster zu stellen. Zumal Stiller aktuell um seine WM-Chance kämpft – und starke Auftritte auf der größten Bühne alles verändern könnten. Sofern der Mittelfeldspieler einen Platz im Kader des Bundestrainers Julian Nagelsmann erhält.
Zudem existieren spezielle Ablösemodalitäten im Fall Stiller (Vertrag bis 2028). Im vergangenen Sommer verfügte der Techniker über keine Ausstiegsklausel, für die anstehende Transferzeit schon. 36,5 Millionen soll sie betragen. Mit der Besonderheit, das der VfB Stiller diese Ausstiegsmöglichkeit für vier Millionen Euro abkaufen kann – dann wäre die Summe frei verhandelbar.
Die konkreten Planungen bei den Topvereinen beginnen aber erst, und im Jahr einer Weltmeisterschaft werden erfahrungsgemäß oft späte Transferentscheidungen getroffen. Vieles ist in der Causa Stiller also offen. Ohnehin darf er fußballerisch die schwäbische Wohlfühloase genießen. Denn der Trainer Sebastian Hoeneß lässt das komplette Spiel mit den anderen VfB-Stars um ihn als Fixpunkt und Führungskraft kreisen.
Außerdem wird Stiller seine Sonderrolle in Stuttgart mit einem Jahresgehalt von viereinhalb Millionen Euro bezahlt. Er gehört zu den Spitzenverdienern. Doch er will nun ebenso in die Kategorie der internationalen Spitzenspieler aufsteigen – und dafür braucht es Begegnungen auf dem höchsten Leistungsniveau in Europa, der Champions League. Qualifiziert sich der Tabellenvierte für die Königsklasse, ist das sicher ein Punkt, der für einen Verbleib sprechen würde.
Der nächste Konjunktiv. Bei all den Diskussionen um Stiller stellt sich dennoch die Frage, wo es ihn hinziehen könnte. Mehrere Premier-League-Clubs sind bereits genannt worden. Zuletzt soll ihn der FC Chelsea beobachtet haben. Aber ist der gebürtige Münchner mit seiner Spielweise in England tatsächlich richtig, wo Dynamik und Zweikampfhärte ebenso gefordert sind wie spielerisches Vermögen?
https://www.youtube.com/watch?v=QeoXPdEW68MDie spanische Liga scheint besser zu Stillers Profil zu passen. Für hohe Ablösesummen kommen da allerdings nur wenige Arbeitgeber in Betracht. Real Madrid und der FC Barcelona zum Beispiel. Deren Mittelfeldreihen sind jedoch extrem stark besetzt. Da müssten die Verantwortlichen in Kastilien und Katalonien den Linksfuß mit den feinen Chipbällen erst einmal auf Augenhöhe mit den eigenen Könnern sehen, um die Ausstiegsklausel zu aktivieren – und bereit sein, später eventuell noch mehr Geld zu bezahlen. Denn ein Preisschild existiert nicht.