Mo Dahoud ist bis Saisonende von Brighton & Hove Albion an den VfB Stuttgart ausgeliehen. Foto: Baumann/Volker Müller

Bis Saisonende will Mo Dahoud mithelfen, den VfB in einen internationalen Wettbewerb zu führen. Im Interview spricht der 28-Jährige über seine Ziele in Stuttgart, seine Zeit in England – und er verrät, an welchem Spieler er die Leverkusener Dominanz festmacht.

Seit Ende Januar spielt Mo Dahoud auf Leihbasis beim VfB Stuttgart. Sein Ziel: mehr Einsätze als zuletzt in England. Der Trainer Sebastian Hoeneß wähnt den Mittelfeldspieler nah dran an der Startelf. Dahoud betont aber auch: „Der Mannschaftserfolg steht an erster Stelle.“

 

Mo Dahoud, wie ist es denn, erstmals in der Fußball-Bundesliga für einen Club zu spielen, der nicht „Borussia“ im Vereinsnamen trägt?

(Lächelt) Daran habe ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht gedacht. Aber klar, ich war erst bei Borussia Mönchengladbach, dann bei Borussia Dortmund – und nun also beim VfB. Hier in Stuttgart ist mir aber etwas ganz anderes bewusst geworden.

Was denn?

Wie groß das Stadion eigentlich ist. Und wie unglaublich die Stimmung darin ist.

Sie waren doch zuvor schon siebenmal als gegnerischer Spieler hier zu Gast.

Ich weiß, aber da habe ich das wohl einfach anders wahrgenommen. Mich haben meine ersten Spiele in der MHP-Arena gegen Mainz 05 und den 1. FC Köln auf jeden Fall sehr beeindruckt.

Sie wurden jeweils eingewechselt, Ihr eigentliches Ziel ist es aber, beim VfB mehr Spielzeit zu bekommen als im vergangenen halben Jahr bei Brighton & Hove Albion.

Richtig, deswegen bin ich nach Stuttgart gekommen. Ich sage aber auch ganz klar, dass ich jemand bin – und schon immer war –, für den der Mannschaftserfolg an erster Stelle steht. Und wir können beim VfB ja wirklich viel erreichen in den nächsten elf Spielen.

Kann das Team Platz drei in der Bundesliga halten?

Ich finde, die Mannschaft hat ganz klar das Zeug dazu.

Weil sie was auszeichnet?

Ich bin ja erst ein paar Wochen dabei. Aber ich hatte sofort das Gefühl, dass da ein Team in die Spiele geht, das einfach macht. Das recht befreit aufspielt und das viel Qualität hat. Natürlich gibt der Trainer einen Rahmen vor, will bestimmte Abläufe sehen. Die Jungs halten sich daran, treten darüber hinaus aber auch mit einer gewissen Unbekümmertheit und Spielfreude auf.

Und haben einen hohen Anspruch entwickelt. Am Samstag äußerten sich einige Ihrer Mitspieler nach dem 1:1 gegen den 1. FC Köln sehr selbstkritisch. Sogar von Arroganz war die Rede.

So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber es stimmt schon: Dass wir unentschieden gespielt haben, war unnötig. Wir haben dem Gegner leichtfertig die Möglichkeit geboten, zurück ins Spiel zu kommen – dabei hatten wir selbst Chancen, die Partie vollends zu entscheiden.

Seine Erfahrung sieht Mo Dahoud als Pluspunkt

Zum Beispiel jene von Enzo Millot . . .

. . . an der ich in der Entstehung beteiligt gewesen bin.

Waren Sie denn zufrieden mit Ihrer Leistung nach der Einwechslung? Der Trainer Sebastian Hoeneß lobte Sie, kritisierte aber auch ein, zwei Fehlpässe.

Ich war generell zufrieden mit meiner Leistung gegen den 1. FC Köln. Und bei vermeintlich missglückten Aktionen muss man ja auch immer die Umstände sehen. Ein Fehlpass, und das gilt ganz generell, ist ja nicht immer gleichzusetzen mit einem selbst verschuldeten Patzer oder Sorglosigkeit. Mal geht man bewusst ins Risiko, weil es das Spiel erfordert, mal ist der Gegnerdruck extrem hoch. Aber ja, ich kann mich schon noch steigern, brauche noch mehr Rhythmus, schließlich habe ich zuletzt ja nicht so viel gespielt. Da ist es gar nicht so einfach, diesen Rhythmus wieder aufzunehmen.

Sie spielen auf einer Position, die in der bisherigen VfB-Saison fest an zwei andere vergeben ist: Atakan Karazor und Angelo Stiller. Warum sind Sie dennoch für mehr Spielzeit nach Stuttgart gekommen?

Erst einmal: Die beiden machen es wirklich richtig gut. Andererseits glaube ich, dass ich dieser Mannschaft etwas geben kann, über das sie vielleicht noch nicht in sehr hohem Maße verfügt: meine Erfahrung.

Sie sind 28 Jahre alt, haben 166 Bundesliga-Spiele bestritten. Sie sind U-21-Europameister und Pokalsieger geworden, haben ein A-Länderspiel bestritten. Nach vielen Jahren in der Bundesliga sind Sie nach England gewechselt, nun die Leihe zum VfB. Wo steht Ihre Karriere denn gerade?

Puh, das ist schwer zu sagen. Und ich weiß aktuell natürlich auch nicht, wie es im kommenden Sommer für mich weitergeht. Was ich aber weiß: dass ich noch sicherlich fünf, sechs gute Jahre als Fußballer vor mir habe – und in dieser Zeit will ich sportlich noch einiges erreichen.

Erreicht hatten Sie die Premier League, die für viele Fußballer das große Ziel ist. Warum hat es im ersten Anlauf dort nicht geklappt?

Zunächst einmal will ich sagen, dass ich den Wechsel nach Brighton ganz und gar nicht bereue. Im Gegenteil: Was ich dort in den ersten Monaten erlebt habe, hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Ich bin, auch wenn es bislang nur ein halbes Jahr war, ein besserer Fußballer geworden.

Warum?

Wegen der Arbeit unter dem Trainer Roberto de Zerbi. Was er in jedem Training verlangt, ist enorm. Es ist immer intensiv, körperlich wie taktisch. Wenn du mal nicht genau da positioniert bist, wo dich der Coach haben will, wird das sofort lautstark korrigiert. Ebenso, wenn das Timing beim Abspiel oder beim Laufweg nicht exakt stimmt. Spieler, die schon länger dort sind, kennen das alles. Wenn man neu in diese Gruppe kommt, ist es wirklich herausfordernd.

Wie ähnlich sind sich Sebastian Hoeneß und Roberto de Zerbi?

Es heißt immer, Sebastian Hoeneß habe sich viel von Roberto de Zerbi abgeschaut. Zumal er auch bei Brighton hospitiert hat. Haben Sie in Stuttgart gleich gemerkt, dass Ihnen vieles bekannt vorkommt?

Wirklich nur teilweise. Ich habe ja schon gesagt: Auch Sebastian Hoeneß sind gewisse Abläufe und Positionierungen sehr wichtig. Aber ich finde überhaupt nicht, dass er die Herangehensweise von Roberto de Zerbi einfach komplett kopiert. Da ist sehr viel Eigenes mit drin.

Zurück zu Ihrer Rolle bei Brighton & Hove Albion . . .

. . . mit der ich zu Saisonbeginn zufrieden war. Ich hatte meine Einsätze.

Dann sahen Sie im Spiel bei Nottingham Forest Rot, waren drei Partien gesperrt . . .

. . . und danach irgendwie außen vor. Eine Hälfte lang durfte ich noch spielen, dann saß ich nur noch auf der Bank oder stand gar nicht im Kader. Warum, weiß ich nicht so genau. Aber jetzt bin ich erst einmal froh, dass ich eine neue Chance bekomme. In Deutschland, in der Bundesliga – wo ich mich einfach sehr wohlfühle.

Trotz der Erfahrung Premier League?

Die Premier League ist sportlich natürlich unheimlich stark. Aber glauben Sie mir: Wenn Sie die Stimmung in den Stadien dort mit der in der Bundesliga vergleichen, dann lernen Sie das deutsche Fußball-Oberhaus auch schnell wieder sehr zu schätzen. Ich habe große Spiele, auch in der Champions League, mit Borussia Mönchengladbach erlebt. Ich habe vor der Dortmunder Südtribüne gespielt und nun die Atmosphäre in der MHP-Arena noch einmal neu kennengelernt. Dazu kommen viele andere traditionsreiche Standorte – das ergibt in Summe in der Bundesliga schon ein Drumherum, das besonders ist. Und das einen als Spieler auch zusätzlich motiviert.

Mönchengladbach, Dortmund – welche früheren Mitspieler haben Sie eigentlich am meisten geprägt?

In Dortmund war es Marco Reus, der mich extrem beeindruckt hat. Er ist ein unglaublich spielintelligenter Fußballer. In Gladbach galt das für den Brasilianer Raffael, auch für Lars Stindl – und natürlich für Granit Xhaka. Er ist für mich übrigens der am meisten unterschätzte Spieler der vergangenen Jahre.

Nun ist er mit Bayer Leverkusen auf dem Weg zur Meisterschaft.

Und das ist ganz sicher kein Zufall. Bayer hat eine tolle Mannschaft. Ich bin aber sicher, dass Granit der entscheidende Faktor ist. Er hat immer alles im Griff, kann dem Spiel immer genau den Rhythmus geben, den die eigene Mannschaft braucht. Neben ihm spielen zu können war ein Geschenk.

Wie würden Sie Ihr Spiel auf der Sechs eigentlich beschreiben?

Ich sehe mich als Verbindungsspieler zwischen der Defensive und dem Angriff – und dabei nicht auf eine bestimmte Rolle festgelegt. Ich kann die Bälle erobern, aber auch weiter vorne auf der Acht spielen.

Am Samstag tritt der VfB in Wolfsburg an – mit Ihnen in der Startelf? Sebastian Hoeneß hat entsprechende Gedankenspiele schon geäußert.

Klar, die Startelf ist mein Ziel. Aber ich lasse das auf mich zukommen und bin entspannt. Klar ist nur: Wir wollen das bisschen Zielstrebigkeit, das gegen die Kölner gefehlt hat, wieder draufpacken. Und dann werden wir auch erfolgreich sein.