Robert Schwenkert im Showroom von Recaro in Kirchheim unter Teck. Sitze und Fotos künden von besseren Zeiten, als der Hersteller viele große Marken der Autoindustrie beliefert hat. Foto: Matthias Schmidt/cf

Robert Schwenkert ist Teamleiter beim Kirchheimer Autositzhersteller Recaro. Wie erlebt er die turbulente Zeit nach dem Insolvenzantrag, wie geht er mit der Angst um seinen Job um?

Recaro in Kirchheim unter Teck ist insolvent. Als das Gerücht zur Gewissheit wird, so schildert es Robert Schwenkert, ist da erst einmal Fassungslosigkeit. „Man empfindet nur eine Leere“, sagt er. Aber dann kommen die Fragen, die großen, existenziellen – und die kleineren, die vielleicht noch schmerzhafter sind.

 

„Dann fragst du dich plötzlich: Kann ich jetzt nicht mehr mit meinem Sohn zu Rofu fahren und Spielzeug kaufen?“, sagt Schwenkert. „Und du überlegst: Was passiert im Oktober, wenn nach drei Monaten kein Insolvenzgeld mehr kommt?“ Er fragt sich auch: „Hätte man die kleinen Warnzeichen, die es gab, schon früher ernst nehmen sollen und sich irgendwie um eine Absicherung bemühen müssen?“

Die Antwort gibt sich der 48-Jährige selbst. Er wollte lieber glauben, dass das Unternehmen auf gutem Weg sei, wie es die Geschäftsführung noch bei einer Betriebsversammlung vor einem halben Jahr versichert habe. „Für mich war Recaro immer ein guter, zuverlässiger Arbeitgeber. Ein Name, auf den man stolz sein kann. Und deshalb hoffe ich auch jetzt, dass das Ruder noch herumgerissen wird“, so Schwenkert.

„Es hätte so viele Chancen gegeben“, klagt der Betriebsrat von Recaro

Am 27. Juli hat der traditionsreiche Autositzhersteller Recaro aus Kirchheim/Teck einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Als Gründe für die Schieflage nennt die zugezogene Beraterfirma Baker Tilly „extreme Preissteigerungen, eine negative Entwicklung des Gesamtmarktes in den vergangenen Krisenjahren und den Wegfall eines Großauftrages“. Der Geländewagenhersteller Ineos hat seine Bestellung erheblich reduziert. Von der aktuellen Geschäftsleitung und unter Aufsicht des gerichtlich bestellten Sachwalters Holger Blümle aus Stuttgart soll ein Sanierungsplan entwickelt werden, um sich „regional und global stärker aufzustellen“. Die Firma ist in amerikanischen Händen. Von der auf Flugzeug- und Gamingsitze spezialisierten Recaro Holding in Stuttgart wurde die Autositzsparte 2011 verkauft, sie bezieht von dort nur noch die Namensrechte.

Der Grenadier von Ineos. Unter anderem in diesem Auto wurden Sitze von Recaro verbaut. Foto: beadyeye.tv LTD/Patrick Gosling

Robert Schwenkert, Vater von zwei Kindern, ist seit 2012 dabei. Als Quereinsteiger zog es den Einzelhandelskaufmann damals in die vermeintlich krisensichere Autoindustrie. Er kam als Leiharbeiter, wurde nach einem Jahr und neun Monaten fest angestellt. Mittlerweile hat sich die Lage um 180 Grad gedreht. Vor einigen Wochen hat Recaro alle Zeitarbeitsverträge beendet, berichtet der Betriebsrat. Dieser Tage wurde den Lehrlingen abgesagt, die im Herbst anfangen sollten.

Im Showroom von Recaro findet sich der Glanz vergangener Zeiten

Die Pforte in der Stuttgarter Straße in Kirchheim ist schon länger nicht mehr besetzt, eine Sparmaßnahme. Im angrenzenden Showroom sind die Zeugnisse einer besseren Vergangenheit aufgereiht: die vom Rennsport inspirierten Sitze, die man einst für die namhaftesten Marken gebaut hat – Ferrari, Lamborghini, AMG. Oder die Serienausstattung für Renault, Ford und Opel.

Was für ein Kontrast zu heute. Ineos macht gerade Werksferien, und bei Recaro ruht die Produktion. Die Frühschicht macht Inventur, putzt und räumt auf. Eine Spätschicht gibt es nicht mehr. Recaro hat in Kirchheim noch 215 Beschäftigte, davon knapp 100 in der Produktion. Das Firmengelände war einmal auf 800 ausgelegt.

Seit bald 40 Jahren ist Frank Bokowits bei Recaro, seit 22 Jahren im Betriebsrat. Das Vertrauen in die aktuelle Geschäftsführung hat er verloren. „Wir hätten so viele Chancen gehabt zu wachsen, aber sie wurden nicht genutzt“, meint er.

Von Recaro-Chef Ulrich Severin fordert die Belegschaft mehr Transparenz. Foto: Recaro

Bokowits zählt auf: „Der Wohnmobil-Boom nach Corona, die Tunerszene, Spezialfahrzeuge wie Pisten-Bullys, Behindertenfahrzeuge – überall wären Sitze zum Nachrüsten gefragt, aber wir sind nicht dabei.“ Dagegen sei das Geschäft mit den großen Automobilherstellern schwieriger geworden, da diese lieber die eigene Marke polieren, statt die der Zulieferer ins Schaufenster zu stellen – wie es früher üblich war, als Becker-Radios, BBS-Felgen und Recaro-Sitze als Qualitätssiegel galten.

Recaro-Mitarbeiter hofft auf Rettung des Standortes

Robert Schwenkert hat sich vom Leiharbeiter zum Teamleiter hochgearbeitet. Dieser Tage hat er den Kolleginnen und Kollegen im Urlaub hinterhertelefoniert, damit sie rechtzeitig die Formulare für die Zahlung des Insolvenzgeldes abgeben. Für ihn – wie auch für viele andere Quereinsteiger im Betrieb – könnte es schwierig werden, einen neuen Job zu bekommen, befürchtet er.

Wie schätzt er die Lage bei Recaro ein? „Es schwirren so viele Informationsschnipsel durch die Luft. Mal bekommt man Hoffnung, dann ist sie wieder weg“, klagt Schwenkert. Die Geschäftsführung trage so gut wie nichts dazu bei, die Unsicherheit zu beseitigen. „Wir bräuchten einen Plan, eine Perspektive“, sagt der Teamleiter, der nach wie vor auf die Rettung des Standorts hofft.

Seit Jahren fehle es an Transparenz, sagt Schwenkert. „Dabei ist Kommunikation in einer Krise doch das A und O.“ In dieser Hinsicht gäbe es viel zu tun. Am 29. Juli tauchte Recaro bei den Insolvenzbekanntmachungen im Internet auf. Eine Infoveranstaltung für die Belegschaft fand erst am Tag danach statt.