Rund 4080 Kilometer und 45 000 Höhenmeter: Jana Kesenheimer, die aus Mühringen stammt, schaffte die Strecke von Belgien nach Istanbul in 267 Stunden und siegt beim Ultradistanz-Radrennen „Transcontinental Race“. Ein Abenteuer mit etlichen Tücken.
Das „TCR10“, eines der bekanntesten Self-Supported-Rennen quer durch Europa, startete in diesem Jahr im Radsportmekka Roubaix an der belgisch-französischen Grenze mit Ziel Istanbul in der Türkei. Mit dabei war auch die aus Mühringen stammende Jana Kesenheimer, die sich mit ihren Siegen bei den bekanntesten Ultradistanz-Rennen in der Szene zu einer der Topsportlerinnen mauserte.
Kesenheimer zählte dabei zum engsten Kreis der Favoritinnen. Trotz der anstehenden West-Ost-Durchquerung des Kontinents, schien die 30-Jährige nicht genug zu bekommen. So reiste sie in der Sonderkategorie, die es zur Aufhabe machte, ohne zu Fliegen an- und abzureisen, aus ihrer aktuellen Heimat Innsbruck zum Teil radelnd an.
Vier Kontrollpunkte
Das eigentliche Rennen startete am 21. Juli im Velodrom von Roubaix. Die ersten rund 70 Kilometer der Route waren von der Rennjury vorgegeben. Danach waren alle auf sich alleine gestellt. Lediglich die vier vorgegebenen Kontrollpunkte auf dem Weg nach Istanbul mussten zwingend passiert werden.
Kesenheimer hatte ihre erste Etappe so gelegt, dass sie möglichst nah an die alte Heimat im Schwarzwald herankam und so verlief die Strecke der Ex-Mühringerin über Baiersbronn, wo sie ihre erste Rast einlegte. Dies waren 574,17 Kilometer, 6138 Höhenmeter in 23:56.06 Stunden – eine Leistung, die einen ins Staunen bringt.
Übers Glatttal weiter
Doch von Rast kann kaum die Rede sein, denn bereits nach fünf Stunden in einem Baiersbronner Gasthof ging es für die Ultra-Cyclistin um 1 Uhr nachts übers Glatttal, hoch nach Empfingen in östlicher Richtung weiter. Und auch diese zweite Etappe sollte über die Heimat gehen, nämlich über ihren Wohnort Innsbruck. Mit den Alpen wartete erneut ein hartes Teilstück mit rund 5000 Höhenmetern. Nach etwa 22 Stunden war auch dieser Härtetest geschafft und es hieß ausruhen im Schlafsack am Olanger See im Pustertal.
Wieder machte die promovierte Psychologin nur knappe fünf Stunden Pause, bevor sie die dritte Etappe in Angriff nahm. Als Ziel hatte sich die 30-Jährige für ihr drittes Teilstück, auf dem der erste Kontrollpunkt, der slowenische Vrsic Pass mit seinen 2000 Metern, passiert werden musste, den Ort Dob in Slowenien vorgenommen. Allerdings folgte eine längere Zwangspause, da das Ladegerät am Vorderrad für den Radcomputer defekt war.
Auf Schotterpisten
Am vierten Tag lag die weibliche Konkurrenz schon gut einen halben Tag zurück. Es ging durch ganz Kroatien in Richtung Kontrollpunkt zwei, Bjelasnica, dem höchsten Punkt in Bosnien. Dieser Skiort ist Sportfans noch von den Winterspielen 1984 in Sarajevo ein Begriff.
An Tag fünf passierte Kesenheimer den besagten Kontrollpunkt und den vom Veranstalter vorgegebenen Parcours. Das bepackte Rad musste hier für etliche Kilometer getragen und geschoben werden, bevor der Weg auf eine atemberaubende Passstraße führte. Dieses „nur“ 285 Kilometer lange Teilstück lief allerdings Großteils auf Schotterpisten, die obendrein noch 5500 Höhenmeter beinhalteten. Kesenheimer breitete ihren Schlafsack anschließend in Kanjon Ugra in Bosnien-Herzegowina aus, wo sie vier Stunden Schlaf auf dem Boden eines alten Mühl-Häuschens fand.
Improvisation war gefragt
Neben den Strapazen der Tour, den wenigen Pausen auf den Etappen und sehr kurzen Schlafphasen dazwischen kam bald ein weiteres Hindernis hinzu: die Sprachbarriere. Improvisationstalent war also auch bei der Verständigung gefragt. Doch auch das meisterte die Schwäbin.
Am sechsten Tag führte Kesenheimers Strecke durch Serbien, nach Montenegro und in den Kosovo. Nach der mit 17,4 km/h langsamsten Etappe lag die Durchschnittsgeschwindigkeit auf diesem Teilstück nach Gjakova im Kosovo schon wieder bei 21,2 km/h. Das war vielleicht aber auch der Tatsache geschuldete, dass es immer mehr Straßenhunde gab, die es teilweise gar nicht lustig fanden, dass sich da eine Radlerin durch ihr Revier traut. Und so mussten immer wieder „Hundesprints“ eingebaut werden, um nicht im schlimmsten Fall noch gebissen zu werden.
Auch die Temperaturen wurden immer brutaler. Für die knapp 400 geplanten Kilometer der siebten Etappe von Gjakova über Kontrollpunkt drei in Prevalle und komplett durch Nordmazedonien an den Kerkini-See in Griechenland waren 45 Grad vorausgesagt. Daher brach Kesenheimer nach nur rund drei Stunden Schlaf um vier Uhr auf, um zumindest etwas der glühenden Hitze zuvorzukommen.
Der achte Tag brachte einen großen Lichtblick, denn im Laufe der 354 Tageskilometer war klar, dass sie die türkische Grenze mit Tagesziel Ipsala erreichen würde.
Fähre bringt Erholung
Auf dem neunten Teilstück nach Balcilar hatte Kesenheimer zwar „nur“ 240 Kilometer auf dem Tacho, doch die kürzeste Etappe beinhaltete rund 3300 Höhenmeter, die nahezu komplett auf Schotter waren. Außerdem wartete der letzte Kontrollpunkt in Canakkale, der nur mit der Fähre erreichbar war, was zumindest für einen kurzen Moment Erholung sorgte. Dennoch war dieses kürzeste Teilstück das schwerste und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 14,4 km/h auch das langsamste. Für den Parcours von 55 Kilometern brauchte sie fünf Stunden. Anschließend schlief sie für drei Stunden im Stroh-Lager eines Bauern in einem kleinen türkischen Dorf.
Kurzer Schockmoment
Etappe zehn führte nach Yenisehir. Hier galt es gegen den heißen Gegenwind anzufahren. „Ich dachte mir im Vorfeld: heut nicht mal 3000 Höhenmeter, das wird easy,“ so Kesenheimer. „Doch der Gegenwind war brutal. Der Wind fühlte sich teilweise an, als fährt man gegen einen Heißluftfön. Ich musste alle zwei Stunden anhalten, um mich mit Wasser zu kühlen“, schildert Kesenheimer die gnadenlosen Bedingungen.
Doch obwohl schon fast uneinholbar in Führung, gönnte sie sich nur vier Stunden Schlaf und machte sich auf die finalen 297 Kilometer in Richtung Istanbul. Als das Ziel im Istanbuler Stadtteil Kadiköy bereits zum Greifen nahe war, noch eine Schrecksekunde. „Es waren keine 200 Meter mehr ins Ziel, da sprang mir eine fette Katze ins Vorderrad und ich stürzte. Doch bis auf kleine Abschürfungen war alles okay und ich fuhr um kurz nach Mitternacht über den Zielstrich“, blickt Kesenheimer zurück.
Sie war damit die erst Frau und Gesamt-Dreizehnte aller 306 Teilnehmer und Teilnehmerinnen im Ziel der zehnten Auflage des Transcontinental Race.
Für die Strecke von Roubaix nach Istanbul, ziemlich genau 4000 Kilometer und 45000 Höhenmeter, benötigte sie insgesamt 267 Stunden und lag damit mehr als 37 Stunden vor der zweitschnellsten Frau.