Trotz der kurzfristigen Absage der Bratschistin Tabea Zimmermann war der Auftritt des Stuttgarter Kammerorchesters im Lahrer Parktheater ein voller Erfolg.
Tabea Zimmermann musste ausgerechnet bei einem von langer Hand geplanten Auftritt in der Heimatstadt kranheitsbedingt passen. Die große Bratschistin, die vor Jahrzehnten an der damals noch jungen Musikschule der Stadt Lahr den Grundstein für eine außergewöhnliche Karriere gelegt hat, wird es sich aber sicherlich nicht nehmen lassen, den Termin bei passender Gelegenheit nachzuholen.
In die Presche gesprungen ist am Samstagabend ein ehemaliger Schüler von ihr, der französische Bratschist Antoine Tamestit, ein vielgefragter Ausnahmemusiker, der wie seine einstige Mentorin von der Idee beseelt ist, das Oeuvre der klassischen Musik auch in der Gegenwart mit neuen Impulsen fortzuschreiben.
Das von Tabea Zimmermann auserkorene Solostück des Abends, Alfred Schnittkes „Monolog für Viola und Streichorchester“ aus dem Jahr 1989, reflektierte wunderbar die gemeinsame Grundhaltung der beiden. Dabei erklingt zarte Poesie im Widerstreit mit schroffen Gegenpositionen und kraftvollen Eruptionen, Wohlklang trifft auf dissonante Schärfe. Antoine Tamestit, der 2007 das berühmte Bratschenkonzert Schnittkes aus dem Jahr 1985 eingespielt hat, ist ohne zu zögern als Ersatzmann eingesprungen.
Die Stühle auf der Bühne werden nach der Pause weggeräumt
Es war ein Auftritt mit einem renommierten Streichorchester in Tabea Zimmermanns Heimatstadt, der eigene Beitrag eingebunden in ein anspruchsvolles Konzertprogramm mit musikalischem Biss. Antoine Tamestit trat nicht nur für gut 20 Minuten in die Rolle des Solisten und Dompteurs eines beseelt agierenden Klangkörpers, den er mit kraftvollen Gesten anführte. Er reihte sich anschließend ins Orchester selbst ein, um als Zugabe vor der Pause auf den Spuren Alfred Schnittkes in die keineswegs immer nur makellos drehende Welt des Walzers einzutauchen.
Letztlich war es aber das Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung seines Konzertmeisters Dmitri Smirnov, das im nahezu ausverkauften Parktheater ein brillantes Konzert ablieferte. Zum Einstieg erklang ein „Divertimento for Strings“, aus dem Spätwerk der polnischen Komponistin Grazyna Bacewicz – ein alles andere als unschuldiges Unterhaltungsstück, das sich in seinem Mittelsatz spürbar beruhigt, am Ende aber noch einmal beherzt zupackt. Acht Minuten Musik, die lustvoll auf expressive Sprünge setzt, sich spürbar der Moderne zuwendet.
In der Pause wurden die Stühle auf der Bühne weggeräumt, um dem zweiten Teil des Abends in der Geste eines Stehorchesters zu servieren. Das Orchester servierte so das „Divertimento für Streichorchester“, das Béla Bartók im Sommer 1939 in der Abgeschiedenheit der Schweizer Bergwelt komponiert hat. Musikalische Feinkost, mit folkloristischen Bezügen angereichert, unterhaltsam und doch auch ein Tanz auf des Messers Schneide. In Europa standen die Zeichen damals auf Krieg, Bartók spielte in einer Aura der Zerrissenheit mit Kontrasten und Gegenpositionen. Noch vor der der Uraufführung in Basel machte er sich auf den Weg in die USA. Das Stuttgarter Kammerorchester arbeitete seine Seelenlage wunderbar heraus, ging schroffer als andere ans Werk. Die Musiker ließen tonale Poesie, die Andeutung eines Requiems, auf wuchtige Streicherklänge voll dunkler Dramatik prallen.
Das Lahrer Publikum war spürbar beeindruckt und wurde für seinen anhaltenden Applaus mit einer Wiederholung des Finales als Zugabe belohnt.