Badegäste staunen, Politiker hört zu: Cem Özdemir besucht das Solemar in Bad Dürrheim. Es geht um Millionen, Arbeitsplätze – und die Zukunft des Kurorts.
Mit Jackett statt Bademantel und in Winterschuhen statt Badeschlappen ins Thermalbad, das war auch für den Grünen-Spitzenkandidat im Landtagswahlkampf, Cem Özdemir, etwas Besonderes.
Doch der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel, schließlich ging es für die Kurstädter, allen voran Bürgermeister Jonathan Berggötz und Kur- und Bäder-Geschäftsführer Markus Spettel um etwas: den vielleicht künftigen Ministerpräsidenten zu sensibilisieren für die Belange Bad Dürrheims und die Besonderheiten, die das dortige Juwel Solemar mit sich bringt.
Um den ehemaligen Bundesminister scharte sich darüber hinaus eine kleine Delegation aus Orts- und Fachkundigen – die Landtagsabgeordnete Martina Braun, die in Stuttgart mit aller Kraft für die örtlichen Belange kämpfe, wie Özdemir hervorhob, der Königsfelder Bürgermeister Fritz Link, welcher gleichzeitig Präsident des Verbandes der Heilbäder und Kurorte Baden-Württembergs ist. Und um sie herum ganz viele Menschen in Badeanzügen, die gemütlich im Wasser ihre Runden drehten oder entspannten und sich über die ungewöhnlichen Zaungäste am Beckenrand sichtlich wunderten.
Kein Kostenfaktor
Engagiert führte Spettel Özdemir alle Facetten des Wellness- und Gesundheitszentrums Solemar vor Augen, „unser touristisches Herzstück in Bad Dürrheim“ und dank der Sole auch ein wertvolles Element im Gesundheitssektor. „Das tut der Gesundheit gut, dem Beton nicht so“, erkannte Özdemir auf Anhieb, worum es geht. Und doch liegen die Dinge anders, als man landläufig vermuten mag: Dieses Bad ist kein Kostenfaktor, sondern ein Gewinnbringer, der letztlich auch den Kernhaushalt entlastet. „Das geht aber nur, wenn Sie jetzt wegen der Sanierung nicht zwei Jahre schließen müssen“, gab Özdemir zu bedenken.
Und damit traf er den Kern der Bad Dürrheimer Botschaft: Auch wenn die Einrichtung dank laufender Unterhaltungsmaßnahmen und kräftigen finanziellen Inputs noch relativ gut dasteht und statt der für Solebäder üblichen durchschnittlich 25 Jahre seit bereits 39 Jahren betrieben wird, 1987 galten noch ganz andere Voraussetzungen und Ansprüche. Es besteht dringend Handlungsbedarf – am liebsten in Form eines Neubaus, der jedoch Schätzungen zufolge rund 60 Millionen Euro kosten würde. Schreckt man vielerorts vor solchen Mammutaufgaben angesichts klammer Kassen gerne zurück, ist man in Bad Dürrheim im Gros wild entschlossen neu zu bauen, während die bisherige Einrichtung weiterhin betrieben wird. Das Solemar ist für den Kurort essenziell, 1900 Primäreinkommen hängen alleine in Bad Dürrheim am Tourismussektor – auch diese Botschaft nahm auch Cem Özdemir beim Rundgang durchs Bad, den Wellness- und Gesundheitsbereich sowie die Fitness-Etage mit. Die Rückmeldungen aus Tourismus und Gastronomie, die Spettel erhalten hat, sprachen Bände: „Viele würden die zweieinhalb Jahre Schließung nicht überleben.“
Verbandspräsident Fritz Link richtete das Augenmerk auf eine weitere Besonderheit: Das Heilbäderland Baden-Württemberg – „wollen wir dieses Alleinstellungsmerkmal, die Spitzenstellung in ganz Deutschland, halten?“ Das sei eine politische Frage, die sich auch der künftige Ministerpräsident stellen müsste.
Geld hat er keins dabei
„Ich habe jetzt keinen Geldkoffer dabei“, warb Özdemir um Verständnis für ein vage bleibendes Fazit. Aber ja, in ihm hätten Bad Dürrheim und das Solemar einen Fürsprecher für ihre Belange, betonte er auf ausdrückliche Nachfrage unserer Redaktion – „sonst wäre ich nicht hergekommen“, gab er freimütig zu und bezeichnete Investitionen in solche Einrichtungen als „exzellent angelegtes Geld“, wobei es bei der Finanzierung natürlich helfe, „wenn Berlin nicht das Geld im Unverstand ausgibt“.
Für den eigenen Erfolg sah Jonathan Berggötz den Besucher nun jedenfalls bestens gerüstet: „Sie gehen ja jetzt auch gestärkt in den Wahlkampf, alleine dadurch, dass Sie jetzt hier unsere Sole eingeatmet haben“, scherzte er und darf wohl hoffen, dass auf Cem Özdemirs Ankündigung Taten folgen: „ich verbringe meine Freizeit auch gelegentlich im Thermalbad in Bad Urach – und jetzt habe ich noch eine weitere Adresse.“