Was ist die große Kunst der italienischen Poptradition? Eric Pfeil sagt, es sei die Haltung der Italienerinnen und Italiener, den großen und kleinen Nöten mit kunstvoller Leichtigkeit zu begegnen. Ein Gespräch über seine liebsten Sänger und Sängerinnen jenseits der Alpen.
Immer wieder Italien. Der Deutschen liebstes Sehnsuchtsland hat eine große Poptradition. Und genau jene hat der Autor Eric Pfeil erforscht. Am Sonntag, 29. Mai, um 18 Uhr wird er im Stuttgarter Merlin davon berichten. Von 100 Liedern und deren Geschichte, von Adriano Celentano, Gianna Nannini, Lucio Battisti, Laura Pausini, Milva, Paolo Conte, Ennio Morricone, Al Bano & Romina Power und Eros Ramazzotti.
Herr Pfeil, inwiefern sind Ihre Eltern an Ihrer Italien-Liebe schuld?
Meine Eltern sind in den 80ern mit erfreulicher Regelmäßigkeit mit mir in den Sommerurlaub nach Italien gefahren. Der Italien-Fimmel ging dabei eindeutig auf meine Mutter zurück; mein Vater wiederum war Alleinunterhalter und als solcher der leichten Musik sehr zugetan. Ich würde sagen, diese beiden Leidenschaften meiner Eltern haben sich sehr zu meinen Gunsten kombiniert. Was ich da sah, kam mir damals durchaus paradiesisch vor. Später wollte gerne hinter den Vorhang gucken – und dabei hilft am besten die italienische Musik.
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Was ist Ihre erste Italienerinnerung?
Die erste Italien-Reise war eine Busfahrt nach Rom mit Papst-Audienz und allem Drum und Dran – organisiert von der Bergisch Gladbacher CDU. Meine Eltern waren zwar entschiedenermaßen keine CDU-Wähler, aber eben auch pragmatisch. Mein pubertärer Protest, man könne sich doch nicht von Helmut Kohls Team durch die Weltgeschichte gondeln lassen, wurde ohnehin ignoriert. Geleitet wurde die Busreise vom CDU-Urgestein Wolfgang Bosbach, der meist vorne saß und durch eine knarzende Sprechanlage die vor dem Fenster vorbeiziehende römische Pracht kommentierte. Ich fürchte, ich habe Herrn Bosbach da etwas zu verdanken.
Italien hat eine große Poptradition, was zeichnet diese aus?
Die Leichtigkeit als Antwort auf schwierige Zeiten. In Italien steckt es ja schon im Namen. Die Popmusik dort heißt musica leggera, leichte Musik. Es gibt diesen berühmten Aphorismus von Ennio Flaiano: „Die Lage ist aussichtslos, aber nicht ernst“. So funktioniert auch die italienische Musik: Ja, es geht alles den Bach runter, aber das ist noch lange kein Grund, kein pinkfarbenes Sakko anzuziehen und nicht ein schönes Lied anzustimmen. Es geht um sprezzatura – die Kunst, etwas Anspruchsvolles ganz leicht und mühelos wirken zu lassen.
Was ist das Besondere an Italopop? Und warum hat das mit unserem Schlager nicht viel zu tun?
Schlager marschiert oder versammelt sich zur Polonaise. Die italienische Musik tanzt und ist meist sehr kunstvoll. Man darf nie vergessen, dass sich die italienische Popmusik aus der Oper und der neapolitanischen Canzone bedient. Es läuft immer wieder auf diese spezifische Haltung der Italienerinnen und Italiener hinaus, den Nöten des Alltags und der Weltlage mit kunstvoller Leichtigkeit zu begegnen. Der Dichter Italo Calvino hat einmal geschrieben: „Begegnet dem Leben mit Leichtigkeit. Denn Leichtigkeit ist nicht Oberflächlichkeit, sondern über den Dingen zu schweben, ohne Steine im Herzen“. Ich liebe den Satz sehr: sowohl als Beschreibung der grundsätzlichen italienischen Attitüde, aber auch, weil er die Musik perfekt beschreibt.
Wer ist Ihr liebster Künstler?
Ich schwanke. Groß geworden bin ich mit Adriano Celentano. Ihn zu entdecken, hat mich mit Anfang 20 umgeblasen: diese Lässigkeit, das Draufgängertum, diese Fähigkeit, gleichzeitig cool und anrührend zu wirken. Später habe ich Lucio Battisti entdeckt – Italiens Antwort auf die Beatles (und ganz am Rande David Bowies Lieblingssänger). Wenn der irgendwo läuft, gibt es bei vielen Italienerinnen und Italienern kein Halten mehr, da fließen nicht selten Tränen. Ich liebe aber auch die großen Cantautori, die Songschreiber Italiens: Francesco De Gregori, Lucio Dalla, Fabrizio de Andrè. Das Gleiche gilt für Italo-Disco, Ennio Morricone und seine Soundtracks oder diesen quietschigen 80er-Hits von Alice oder Umberto Tozzi. Ich fürchte, ich zeige da Züge von Besessenheit.
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Was ist eigentlich mit den Frauen?
Ein interessantes Thema. Lange Zeit waren die Frauen in Italien vor allem Interpretinnen, wobei ihnen sehr namhafte Autoren die Lieder präzise auf Stimme und Haltung komponierten. Mina ist da unbedingt zu nennen, die Primadonna des italienischen Pop, aber auch Ornella Vanoni, Mia Martini, Milva, Fiorella Mannoia und viele andere. „Interpretieren heißt Lieben“ hat Milva mal gesagt. Ab Ende der 70er haben aber auch immer mehr Frauen selbst komponiert: Alice, Gianna Nannini … heute ist das ohnehin deutlich aufgeweichter.
Was ist der beliebteste Italopopsong überhaupt?
In Italien dürften das die Klassiker der leichten Musik aus den 60ern sein: Lieder wie „Il cielo in una stanza“ oder „Sapore di Sale“, beide von Gino Paoli. Oder die vielen Hits von Lucio Battisti. Aber über das fünftägige Festival di Sanremo, Europas ältesten Gesangswettbewerb, produziert Italien jedes Jahr unzählige neue Hits für die Saison: Das Bedürfnis nach Liedern für den Sommer ist schlicht zu groß. Der Song, der im letzten Jahr jede Strandbar hat abheben lassen, stammt von Colapesce Dimartino und heißt „Musica leggerissima“. Da taucht wieder das auf, was ich eben beschrieben habe: das Leichte als Antwort auf die Krise. Im Refrain heißt es: „Leg bitte leichte Musik auf, damit ich nicht in dieses dunkle Loch falle.“
Ist es nicht Zeit für ein Italopop-Revival: Was wird der Sommerhit 2022? Etwa Ihr eigener mit der Stuttgarter Band Mondo Sangue?
Das muss natürlich so kommen. Die Band Mondo Sangue hat das Stück, das ja immer schon eine Italopop-Reminiszenz war, durch diesen tollen Ricchi e Poveri-Sound nochmal zwingender gemacht. Wenn das kein Sommerhit wird, dann stimmt irgendwas mit dem Sommer nicht.
Zur Person
Eric Pfeil
wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren und fuhr schon kurz darauf zum ersten Mal über die Alpen. Um die Jahrtausendwende war er Produzent der legendären Musiksendung Fast Forward, seither ist er ein gefragter TV-Autor. Sein Buch „Azzuro – mit 100 Songs durch Italien“ (Kiwi) ist jetzt erschienen.
Lesung
Am Sonntag, 29. Mai um 18 Uhr wird er im Stuttgarter Merlin zu Gast sein.