Neben der Aufarbeitung der Missstände im Stuttgarter Kunstturnforum muss das System Turnen generalüberholt werden, meint unser Autor Marco Seliger.
Kann ich mein Kind noch ins Turnen schicken, erst recht, wenn es großes Talent hat? Diese Frage stellen sich in diesen Wochen viele Eltern, die ebenso fassungslos sind wie die breite Öffentlichkeit. Rund um Weihnachten und den Jahreswechsel haben zahlreiche aktive und ehemalige Athletinnen des Stuttgarter Kunstturnforums eine Lawine losgetreten, die das deutsche Turnen und auch den deutschen Sport überrollt. Ihre Berichte über die Missstände zeichnen ein Bild des Schreckens. Angeprangert werden unter anderem „systematischer körperlicher und mentaler Missbrauch“, Training und Druck trotz Verletzungen, Drohungen, Erniedrigungen – das alles stand offenbar ungeschrieben im Trainingsplan mancher Coaches. Besonders schlimm: Diese Methoden gingen hinunter bis ins Kindesalter.
So wurden junge Turnerinnen und Turner offenbar der Kabine oder gar der Halle verwiesen, weil sie in den Augen der Trainer zu viel weinten und sie deshalb angeblich keiner mehr sehen wollte. Mehr muss über die Umstände an dieser Stelle nicht gesagt werden. Sie sind ein Skandal – der aufgearbeitet werden muss. Angemessen und konsequent.
Eine Trainerin und ein Trainer des Kunstturnforums, dessen Hausherr der Schwäbische Turnerbund (STB) ist, sind noch bis diesen Sonntag freigestellt. Der Umgang mit ihnen aber ist nur ein Teil der Aufarbeitung, der den Standort Stuttgart betrifft. Denn es geht um mehr. Es geht um die Glaubwürdigkeit und die Integrität des Leistungssports, ausgeführt am Beispiel Turnen.
Das übliche Funktionärssprech
Bisher gibt es von offizieller Seite, also vom STB – dem Arbeitgeber der in Stuttgart suspendierten Trainer – und dem Deutschen Turnerbund (DTB), nicht viel mehr als Wasserstandsmeldungen im üblichen Funktionärssprech. Kleines Beispiel? Rund um die Missstände in Stuttgart werde man die angekündigte Untersuchungskommission in der nächsten Woche einsetzen, teilte der DTB-Vorstandsvorsitzende Kalle Zinnkann zuletzt mit. Und weiter: „Wir stimmen aktuell das Prozessdesign und den genauen Untersuchungsumfang (…) ab.“
Nach diesen eher wachsweichen Verlautbarungen hier ein paar klare, harte Vorschläge an den DTB-Chef: Die besagte Untersuchungskommission mit zahlreichen unabhängigen externen Experten, die dann auch etwas zu sagen haben, besetzen. In der Folge: Klare und transparente Kommunikation jedweder Erkenntnisse liefern. Das ebenso erwähnte Prozessdesign? Unbedingt ohne jede Rücksicht auf Posten und Pöstchen bei STB und DTB gestalten.
Oder anders: Wer auch nur im Ansatz Verantwortung für die Missstände, ihr etwaiges Vertuschen oder „nur“ ihre mangelhafte Aufarbeitung nach eingegangenen Meldungen vieler Turnerinnen hat, darf in seinem Job keine Zukunft haben. Übergeordnet braucht es also jetzt nicht nur Konsequenzen auf der Trainerebene. Es braucht die Kernsanierung des gesamten Systems.
Dabei war und ist es – größer gedacht – Usus im Leistungssport und im speziellen Fall im Leistungsturnen, auch mal Grenzen zu verschieben. Es gehört dazu, den berühmten Schweinehund zu überwinden, und ja: auch mal Schmerzen zu ertragen, ebenso wie klare inhaltliche Ansagen des Trainers. Was nicht dazugehört, und das ist die rote Linie: das Ignorieren von Verletzungen sowie ständige verbale Drohungen und Schikanierungen. Klar ist: Das Streben nach Erfolg ist im Leistungssport nichts Verwerfliches – aber es darf niemals ohne soziale Verantwortung in der Beziehung der Verantwortlichen und der Trainer zum Athleten gelebt werden. Künftig braucht es Menschen, die dieses so selbstverständliche Mantra vorleben und von allen Beteiligten einfordern.
Auf allen Ebenen.