Die Missbrauchsvorwürfe sind massiv und erschüttern das Stuttgarter Kunstturnforum – wo nun zum Jahresbeginn erste personelle Konsequenzen auf der Trainerseite sichtbar wurden.
Am Donnerstag stiegen turnusmäßig die ersten Trainingseinheiten des Jahres im Stuttgarter Kunstturnforum. Doch in der Halle im Cannstatter Neckarpark war nichts mehr so, wie es einmal war. Die Missbrauchsvorwürfe, die rund um Weihnachten von zahlreichen aktiven und ehemaligen Spitzenturnerinnen veröffentlicht wurden, waren das dominierende Thema rund um die Trainingsstätte am Donnerstag – wo nach Informationen unserer Redaktion erste entscheidende personelle Veränderungen vorgenommen wurden. So sind zwei Übungsleiter vorübergehend freigestellt, und zwar vorläufig bis zum 19. Januar.
Der Schwäbische Turnerbund (STB), Hausherr im Kunstturnforum, hatte schon rund um den Jahreswechsel vorläufige personelle Konsequenzen angekündigt. Die Absenz der beiden Spitzentrainer hatte am Donnerstag zur Folge, dass Trainingsgruppen neu gebildet und Aufgaben unter den verbliebenen Coaches teils neu verteilt wurden, um den Trainingsbetrieb gewährleisten und aufrechterhalten zu können.
In der nächsten Woche dann wird der Frauen-Bundestrainer Gerben Wiersma in Stuttgart einige Trainingseinsätze übernehmen. Unterstützt von Nachwuchsbundestrainerin Claudia Schunk wird der Coach vom 7. Januar an präsent sein. Das war er auch schon vor den geballten Missbrauchsvorwürfen immer mal wieder – klar ist aber nun, dass Wiersmas Engagement in Stuttgart aufgrund der vorübergehenden Freistellung der beiden Spitzentrainer zustande kommt.
Der Grund, so simpel wie plausibel: Für die Spitzenathletinnen braucht es eine angemessene Anzahl an Spitzentrainern – und wenn zwei wegbrechen, benötigt es adäquaten Ersatz, um den Ansprüchen eines Bundesstützpunkts zu genügen.
Im Aufarbeitungsprozess des STB sowie des Deutschen Turnerbunds (DTB) rund um die angeprangerten Missstände soll nun eine Kommission gegründet werden, die die Geschehnisse mit Befragungen aller Beteiligten, also Turnerinnen, Eltern, Trainern und Verbandsverantwortlichen, aufarbeitet. Danach wird auch über die Zukunft der bis – Stand jetzt – 19. Januar freigestellten Übungsleiter in Stuttgart entschieden.
Massive Vorwürfe
Angeführt von den ehemaligen Auswahl-Turnerinnen Tabea Alt und Michelle Timm hatten jüngst mehrere Sportlerinnen Missstände am Kunstturnforum öffentlich gemacht. Angeprangert wurden dabei „systematischer mentaler Missbrauch“ und katastrophale Umstände, auch was den Umgang mit Verletzungen angeht.
„In Stuttgart wurde ich behandelt wie ein Gegenstand. Ich wurde benutzt und das so lange, bis ich körperlich und geistig so kaputt war, dass ich für die Trainer (und irgendwann auch für mich selbst) sämtlichen Wert verlor“, schrieb etwa die frühere Top-Turnerin Lara Hinsberger zuletzt in den sozialen Medien. „Seit der Zeit in Stuttgart bin ich in psychotherapeutischer Behandlung.“ Als erste aktive Spitzenturnerin hatte zuletzt die deutsche Rekordmeisterin Elisabeth Seitz (MTV Stuttgart) eine Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe gefordert.
Nach den nächsten Enthüllungen durch Lara Hinsberger wiederum hat IOC-Mitglied Kim Bui „arbeitsrechtliche Konsequenzen“ im deutschen Turnen gefordert. Im Gespräch mit dem „Stern“ kritisierte die frühere EM-Dritte ein System, das Sportlerinnen über Jahre „manipuliert, erniedrigt und kaputt gemacht“ habe: „Es betrifft den gesamten Turnsport in Deutschland.“ Viele Verantwortliche hätten sich gegenseitig geschützt.
Vorwürfe und Untersuchungen
Allerdings, so Bui, sei es für eine aktive Turnerin schwierig, den psychischen Missbrauch zu erkennen: „Man ist noch so jung, man sieht die Ergebnisse, die Trainingsmethoden scheinen den Trainern rechtzugeben, also hinterfragt man nicht. Man verinnerlicht, dass man als Sportlerin den Mund zu halten und zu funktionieren hat“, sagte die ehemalige Athletin des MTV Stuttgart.
Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hatte bereits vor Hinsbergers Statement eine Untersuchung angekündigt. Zudem seien Sofortmaßnahmen eingeleitet worden. DTB und STB lägen „konkrete Informationen zu möglichem Fehlverhalten vonseiten verantwortlicher Trainer am Bundesstützpunkt in Stuttgart vor“, hatte der Verband mitgeteilt.