Natalie Barker-Ruchti hat sich wissenschaftlich mit den Missständen im Turnsport, vor allem in der Schweiz, beschäftigt. Nun ist das Kunstturnforum Stuttgart betroffen. Foto: privat, imago

Natalie Barker-Ruchti war an der Aufarbeitung des Turnskandals in der Schweiz beteiligt. Nach dem Bekanntwerden der Zustände am Kunstturnforum Stuttgart spricht die Wissenschaftlerin über das System Turnen – und zeigt auf, was nun auch hierzulande passieren sollte.

In der Schweiz sorgten einst die „Magglingen Protokolle“ mit Schilderungen früherer Turnerinnen für einen Skandal. An der Aufarbeitung war auch die Wissenschaftlerin Natalie Barker-Ruchti beteiligt. Die Schweizerin war jüngst für ein Ethikseminar zu Gast in Stuttgart – wo sich derzeit ähnliche Abgründe in der Trainingsarbeit mit jungen Turnerinnen auftun.

 

Frau Barker-Ruchti, wie sehr ähnelt das, was zuletzt über das Turnen in Stuttgart ans Licht gekommen ist, Ihren Erfahrungen in der Schweiz?

Ich habe nicht alle Berichte gelesen, die publiziert worden sind, aber doch einige. Und ich kann sagen: Das, was hier offenbar geschehen ist, ist stereotyp zu den Geschehnissen einst am Schweizer Trainingszentrum in Magglingen. Auch dort waren es ehemalige Turnerinnen, die ausgesprochen haben, was ihnen jahrelang widerfahren ist.

Solche Enthüllungen über die Zustände im Training mit Turnerinnen gab es international in den vergangenen Jahren immer wieder. Warum kommt das alles nun ans Licht?

Ausgangspunkt war sicher die Netflix-Dokumentation „Athlete A“ über den Missbrauchsskandal im US-amerikanischen Turnen. Danach gab es in vielen anderen Ländern diese Enthüllungen, es kam quasi zu einem Tsunami. In Deutschland dauerte es ein wenig länger, ehe die Zustände am Stützpunkt in Chemnitz angeprangert wurden.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, geändert hat sich, wie man nun weiß, aber wohl nur wenig.

Das ist für mich das tragische an der jetzigen Sache: Wir haben mittlerweile 2025 – und die Turnerinnen berichten noch immer über das Gleiche wie vor Jahren, der Inhalt ist deckungsgleich. Noch dazu in einem Land wie Deutschland. Das ist enttäuschend.

Dass immer wieder das Turnen der Mädchen und jungen Frauen betroffen ist, scheint kein Zufall zu sein.

Die Risikofaktoren, die einen solchen Missbrauch begünstigen, sind in technisch kompositorischen Sportarten leider erhöht. Dazu gehört nicht nur das Turnen, sondern auch die Rhythmische Sportgymnastik, Eiskunstlauf oder Synchronschwimmen. Das junge Alter der Athletinnen ist dabei ein Punkt, auch das Geschlecht, dass es eben Mädchen sind. Aber es gibt noch weitere Risikofaktoren, die in diesen Sportarten stecken.

Welche sind das?

Dieses Glänzen einer Turnerin, diese Show – das objektifiziert die Sportlerinnen sehr stark. Und immer, wenn eine Turnerin derart objektifiziert wird, heißt das für manche Trainerinnen und Trainer: Man kann mit ihr umgehen, wie mit einem Objekt, sie ist dann kein Mensch mehr in deren Augen. Das ist im weiblichen Turnsport sehr ausgeprägt und auch historisch bedingt, da in den 1960er Jahren das Frauenturnen zum Mädchenturnen wurde. Kommunistische Sportsysteme haben diesen Sport dann auch genutzt, um sich politisch zu profilieren. Und der Westen hat das damals recht schnell adaptiert. Nicht nur im Kunstturnen.

Was sind Merkmale, die bis heute Bestand haben?

Zum Beispiel das Stützpunktsystem. Es werden Kinder aus ihren Familien genommen und in Stützpunkten zusammengezogen. Auch das kann ein Risikofaktor sein, weil Vieles eben hinter verschlossenen Türen und ohne Wissen der Eltern stattfindet. Der Stützpunkt an sich ist nicht unbedingt das Problem, aber das Alter, ab wann die Turnerinnen in dieses Stützpunktsystem gehen. In der Schweiz ist das nach der Aufarbeitung des Skandals erst ab 18 Jahren möglich.

Die Frage nach der Rolle der Eltern

Die Frage nach der Verantwortung der Eltern wird aktuell auch wieder oft gestellt. Warum sehen Sie das nicht, was mit ihrem Kind geschieht? Warum greifen Sie nicht ein?

Man kann sich das fragen, aber das ist eine Art Schuldumkehr, die in diesen Sportarten immer wieder vorkommt. Die Verantwortung für die Zustände im Trainingszentrum liegt ja nicht bei den Eltern, schon gar nicht bei den Kindern. Sie liegt eindeutig bei der entsprechenden Organisation, bei denen, die mit den Kindern trainieren und sie auch außerhalb, etwa in einem Internat, betreuen. Die Schuld auf die Eltern zu schieben ist allerdings sehr einfach.

Wie sehen Sie die Rolle der Eltern?

Zu Beginn, wenn also ein Kind als sehr talentiert identifiziert wird und Spaß am Turnen und der Leistung hat, sind die jungen Sportlerinnen ja noch unverletzt, auch ein wenig naiv. Die Eltern möchten ihren Kindern den Weg zu sportlichem Erfolg ermöglichen, springen auf den Zug auf, ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt. Dann kommt das Kind in diese Bubble hinein.

Was passiert dann?

Dort herrscht eine Kultur des Schweigens, eine Kultur der Angst – das lernen die Kinder ganz, ganz früh. Dass man nichts zu sagen hat. Und dass sie, wenn sie doch etwas aussprechen, negative Folgen fürchten müssen. Dieser Prozess der Normalisierung geht sehr schnell – und dann erzählen sie auch zu Hause nichts oder nur wenig, was die Eltern gar nicht verstehen können. Oder die Kinder bitten ihre Eltern ganz bewusst, sich nicht an die Trainerinnen und Trainer zu wenden.

Unter anderem Tabea Alt hat sich öffentlich zu den Zuständen im Stuttgarter Kunstturnforum geäußert. Foto: Baumann

Es waren in den vergangenen Jahren oft Enthüllungen von ehemaligen Turnerinnen, selten äußerten sich noch aktive...

Auch hier hört man oft eine Frage, die eine Schuldumkehr darstellt: Warum hat sie denn nicht früher etwas gesagt? Aber: Die Verantwortung darf nie bei den Kindern liegen. Denn die von mir schon angesprochene Normalisierung der Zustände passiert ja sehr früh, die Kinder wissen also sehr schnell, dass sie eigentlich gar nichts machen oder verändern können. Sie wissen, sie sind alleine. Daher gibt es für die Turnerinnen im Grunde also nur zwei Alternativen.

Welche?

Sich Strategien anzueignen, das alles zu erdulden und zu überleben. Oder ganz konsequent zu sagen: Ich höre auf, gehe raus aus dem System. Aber um diesen Schritt zu gehen, muss meist erst ein schwerwiegendes Erlebnis vorfallen.

Zum Beispiel?

Mir hat eine Turnerin in einem Forschungsinterview erzählt, dass ihr Trainer von ihr ein Übungselement (den Yurchenko am Sprung) verlangt hat, das sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht beherrschte. Das noch dazu sehr gefährlich ist. Sie versuchte es, stürzte auf den Kopf. Der Trainer verlangte sofort eine Wiederholung, es passierte das Gleiche wieder. Da wusste sie: Ich bin in Gefahr. Sie hat dann aufgehört.

Wieso ist es trotz des Bekanntwerdens zahlreicher Skandale so schwierig, in einem solchen System Änderungen zu bewirken?

Da gibt es viele Gründe. Einer ist aber sicher der Wert des Mädchens. Diese Frage kennt man auch aus Fällen sexualisierter Gewalt, dass die jungen, weiblichen Opfer oft nicht ernst genommen werden. Die Turnerin als Objekt ist schön anzuschauen, wird aber nicht geschützt. Dazu erschwert das System Leistungssport ein Durchgreifen. Es geht um Ergebnisse und Erfolge, an die meist auch Fördergelder gekoppelt sind. Die Menschen in den Systemen sind also befangen.

Wie kann man das aufbrechen?

In der Schweiz kam die Anforderung von politisch oberster Ebene. Die beiden höchsten Sportorganisationen und der Fachverband wurden beauftragt, es wurden die entsprechenden Personen ausgetauscht oder mussten ihr Handeln verändern. Der Impuls muss von außen kommen, ansonsten ist der Filz viel zu groß.

Man kann aber selten alle über einen Kamm scheren, oder?

Sicher gibt es in den Organisationen auch jetzt schon gute Leute, denen im Streben nach Veränderungen aber die Hände gebunden waren. Wichtig ist aber zu wissen: Wir reden hier von Ethik. Und Ethik ist Führungssache.

Ist es vorstellbar, dass Enthüllungen wie jene nun in Stuttgart ohne personelle Konsequenzen bleiben?

Da müsste eine Person, die in diesem System groß geworden ist, ja beinahe in einen anderen Körper wechseln. Das ist unrealistisch. Aber eines muss man auch wissen.

Ein klares Regelwerk ist notwendig, ebenso Kontrolle

Was?

Ein solcher Ethik-Turn, der hoffentlich angestrebt wird, braucht Zeit. Denn wenn man handelnden Personen diesen auferlegt, entsteht auch viel Unsicherheit. Was darf ich noch? Was ist richtig? Geht es überhaupt anders? Denn diese Personen haben es über Jahre ja anders gelernt. Das fängt also in der Ausbildung der Trainerinnen und Trainer an, eine Veränderung geschieht also nicht von heute auf morgen.

Was braucht es also, um Veränderungen zu erreichen?

Zunächst einmal ein ganz klares Regelwerk, das klärt, was erlaubt ist und was nicht. Dazu unabhängige Meldestellen. Die zweite Ebene ist die Prävention. Denn: Regeln sind gut und schön, die Trainerinnen und Trainer unterschreiben ja auch entsprechende Papiere. Ob sie sich danach daran halten, ist eine andere Sache. Fördergelder dürfen zudem nicht ausschließlich nach Erfolgen verteilt werden, sondern auch nach ethischen Gesichtspunkten.

Maßnahmen einzuleiten ist gut, die regelmäßig zu überprüfen noch wichtiger. Wie stellt man sicher, dass sie nachhaltig umgesetzt werden?

Wir haben, unter anderem, einen Branchenstandard, den alle Verbände erfüllen müssen, und ein Tool entwickelt: den Ethik-Check, den die Sportverbände anwenden und in regelmäßigen Abständen bei Swiss Olympic einreichen müssen. Dazu gehören auch Cross-Checks von Swiss Olympic. Danach muss für den nächsten Zeitraum eine Maßnahmenplanung stattfinden, wie der Verband die geforderten Ethikstandards implementiert. Dazu kommen regelmäßige Erhebungen mit Athletinnen und Athleten sowie Trainerinnen und Trainern, die ihre Befindlichkeit und die Wirksamkeit der Umsetzung von Ethik untersucht.

Sie sagen, die Würde und das Wohlbefinden der Sportlerinnen und Sportler müssen an erster Stelle stehen. Verträgt sich das mit Leistungssport, der an die Weltspitze führen soll?

Leistungssport ist nicht entweder Leistung oder Wohlbefinden, er muss sowohl als auch sein. Ich wage mal zu behaupten, dass die Athletinnen und Athleten noch besser werden können, wenn es ihnen gut geht.

Würde es im Turnen etwas bringen, das Mindestwettkampfalter von 16 auf 18 zu erhöhen?

Zum einen wäre es ein gutes Zeichen. Aber wenn die Turnerin genau gleich trainiert wird wie bisher, dann macht es wenig Unterschied. Das Wettkampfalter verändert nicht die Kultur. Vielmehr muss man den Status des Turnens als Kindersportart aufheben. Bisher ist es meist das Ziel, dass die Mädchen, bevor sie 14 oder 15 Jahre alt sind, alles können. Das muss sich ändern. Man kann auch langsamer lernen, sich ganzheitlich entwickeln – und dennoch richtig gut werden.