Immer in Eile: Rettungseinsatz auf Wandbild in der Stuttgarter Schulfiliale Foto: Andreas Müller

Interne Dokumente zeigen: Unter den Augen der Rotkreuz-Präsidentin Bosch und ihres Geschäftsführers rutschte die DRK-Landesschule tief in die Krise. Kann sie überleben?

Wenn die Landesschule des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Baden-Württemberg ein Patient wäre, dann stünden die Ärzte mit ziemlich ernsten Mienen an seinem Bett. Für den schwer Kranken bestünde zwar keine akute Lebensgefahr mehr. Aber ob er am Ende durchkäme, wäre noch keineswegs ausgemacht; auf jeden Fall hätte er einen harten Weg der Genesung vor sich.

 

Umgekehrt könnte man es dem Patienten nicht verdenken, wenn er die Ärzte mit einem gewissen Misstrauen mustert. Zumindest teilweise sind es die gleichen, die sein Leiden mit zu verantworten haben, jedenfalls zu lange zugeschaut oder zu wenig dagegen getan haben. Die überwachende Chefärztin sähe aus wie die baden-württembergische DRK-Präsidentin Barbara Bosch, der behandelnde Oberarzt wie ihr Landesgeschäftsführer Marc Groß.

Vom satten Überschuss tief ins Defizit

Das Diagramm am Krankenbett würde nicht die Fieberkurve darstellen, sondern die wirtschaftliche Entwicklung der zentralen Ausbildungsstätte für Notfall- und Rettungssanitäter mit Hauptsitz in Pfalzgrafenweiler (Kreis Freudenstadt) und zehn Standorten im Südwesten. War vor wenigen Jahren noch ein satter sechsstelliger Überschuss ausgewiesen, ist die Linie tief in den roten Bereich geraten: gut 1,4 Millionen Euro betrug der Fehlbetrag im Jahr 2024, im laufenden Jahr dürfte er nach DRK-Angaben ähnlich hoch sein; erst 2026 zeichnet sich eine Besserung ab.

Die Retterschule ist selbst zum Notfallpatienten geworden – das ließ sich erahnen, als im Oktober überraschend ein Chefwechsel bekannt gegeben wurde. Der erst seit ein paar Monaten amtierende, eigens von außen geholte Geschäftsführer Marco Schlump und seine Kollegin schieden abrupt aus, die beiden DRK-Landesgeschäftsführer aus Stuttgart und Freiburg übernahmen die Leitung, für eine nicht bestimmte Übergangszeit. Gemeinsam sollten sie die Landesschule „in zentralen Bereichen konsolidieren“ und insgesamt zukunftsfest aufstellen. „Aktuell“, hieß es damals auf Nachfrage, sei sie „nicht insolvenzgefährdet“.

Kampf um den Fortbestand der Schule

Nun wird deutlich, wie ernst die Lage war und teilweise immer noch ist. Interne Informationen für den Aufsichtsrat, die unsere Zeitung einsehen konnte, zeichnen ein dramatisches Bild. Bereits im Juli, als der Jahresabschluss 2024 beraten wurde, klangen die Kontrolleure alarmiert. Es müsse „um den Fortbestand der Landesschule gekämpft werden“, hieß es. Nach dem Bericht der Wirtschaftsprüfer, die einen Ergebnisabsturz um zwei Millionen Euro meldeten, klemmte es an allen Ecken und Enden. Die Vielzahl der Standorte samt langfristigen Mietverträgen, höhere Personalkosten durch zusätzliche Mitarbeitende und Tarifsteigerungen, zu lange nicht angehobene Kursgebühren, ein nicht ausgelasteter neuer Bettentrakt in Pfalzgrafenweiler und, und, und – an vielen Punkten sahen die Prüfer Handlungsbedarf. Nötig sei eine „sehr sparsame Ausgabenpolitik“ und die Erschließung neuer Einnahmen. Ein Sanierungsplan listete seitenweise Maßnahmen auf, die „so schnell wie möglich“ umzusetzen seien. Betriebsbedingte Kündigungen oder die Zusammenlegung von Standorten wolle man vermeiden, sie könnten aber „langfristig zum Thema werden“.

Die DRK-Präsidentin Bosch sprach laut Protokoll von einer „Liste der Grausamkeiten“. Sie äußerte sich dankbar, wie die neue Geschäftsführung unter Schlump die Sanierung angehe. „Unverständnis“ bekundete das Gremium über dessen Vorgänger Alfred Schulz, der 2024 nach 15 Jahren „auf eigenen Wunsch“ ausschied; er ist inzwischen für einen DRK-Kreisverband tätig. Die Trennung von ihm habe „deutlich gemacht, dass grundlegende Führungsstrukturen fehlten“. Nun müsse die Schule wieder „in ruhiges Fahrwasser kommen“, daher bitte man um Vertraulichkeit.

Brisantes Dokument des Missmanagements

Doch die Lage entspannte sich nicht, sondern verschärfte sich weiter. Im August wurde eine externe Beratungsfirma beauftragt, im Oktober beriet der Aufsichtsrat über deren Bericht – ein Dokument des Missmanagements. Die branchenkundigen Experten waren offensichtlich entsetzt über das Zahlenwerk, das sie vorfanden. „Mangelhaft“ sei die Qualität der Buchhaltungsdaten, monierten sie, und „im Vergleich zu anderen Kunden als sehr schlecht einzustufen“. Ein „laufendes Controlling der Geschäftsbereiche“ sei auf dieser Basis nicht möglich. Es folgte eine lange Liste der „Hauptdefizitursachen“ samt teils bereits ergriffener Gegenmaßnahmen.

Beispiele: eine Viertelmillion sei jährlich für „unnötige IT-Verträge“ geflossen. 300 000 Euro ließen sich durch die Schließung eines offenbar entbehrlichen Zentrallagers sparen, 400 000 Euro durch die Streichung von Abschlussfeiern für Absolventen. Als „besonders hoch“ wurden auch die Rechts- und Beratungskosten von 377 000 Euro eingestuft – darunter eine Fortbildung für Führungskräfte – oder die Ausgaben für Telefon und Internet (169 000 Euro). Nach der Sitzung verkündete das DRK die Trennung von den noch ein Vierteljahr zuvor gelobten Geschäftsführern.

Ein Geschäftsführer, der keine Geschäfte führt?

In der Interims-Doppelspitze, die die Krise endlich in den Griff bekommen soll, ist indes nur einer neu: der südbadische DRK-Geschäftsführer Leonard von Hammerstein.  Sein Stuttgarter Kollege Marc Groß (47) vertritt den Rotkreuz-Landesverband Baden-Württemberg bereits seit 2020 als Co-Geschäftsführer in Pfalzgrafenweiler. Zumindest unter seinen Augen ist die Schule also in die massive Schieflage geraten – oder auch durch sein Tun und Lassen? „Herr Groß war vor dem 15. Oktober 2025 nicht mit der operativen Geschäftsführung der Landesschule betraut“, teilte ein DRK-Sprecher mit.

Ein Geschäftsführer, der keine Geschäfte führt – wie kann das sein? Seine Bestellung habe alleine einen „strukturellen Hintergrund“, der aus der „umsatzsteuerlichen Organschaft“ zwischen DRK und Schule resultiere, wird erläutert. Er habe „die erforderlichen Einfluss- und Steuerungsmöglichkeiten sicherstellen“ sollen. Sein pensionierter Vorgänger Hans Heinz – beim Roten Kreuz immer noch hoch geschätzt – hatte die gleiche Rolle indes ungleich aktiver wahrgenommen. Doch 2020 kam Corona, und Groß war an vielen Fronten gefordert; die Schule, zumal offensichtlich gesund, rückte da in den Hintergrund. Der Absturz 2024 aber gehe auch aufs Konto von Groß, meinen DRK-Insider, die zuletzt abgelösten Geschäftsführer seien nur „Bauernopfer“.

DRK hält kein personellen Konsequenzen für nötig

Hat der Aufsichtsrat also auch Maßnahmen gegen Groß geprüft? Dies sei „zu keinem Zeitpunkt im Raum“ gestanden, betont der DRK-Sprecher. Auch das Kontrollgremium und seine Vorsitzende Bosch – im Kabinett Kretschmann Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung – sehen keinen Anlass für Konsequenzen. Es erfülle „seine Aufgaben als Überwachungs- und strategisches Leitungsorgan der Landesschule kontinuierlich, konsequent und in vollem Umfang“. Ein Rücktritt sei deshalb „nicht angezeigt“.

Rotkreuz-intern wird allerdings auch Boschs Rolle als wenig glücklich betrachtet. Bereits 2023 war der langjährige Gesamtschulleiter Rico Kuhnke ausgeschieden, offizieller Hauptgrund: „unterschiedliche Vorstellungen über die zukünftige Ausrichtung der DRK-Landesschule“. Hinter den Kulissen hatte es zuvor ein langes Ringen mit dem damaligen Geschäftsführer Schulz gegeben. Am Ende stellte sich der Aufsichtsrat unter Bosch auf dessen Seite – die gleichen Kontrolleure, die das Wirken des Ex-Managers später intern so kritisch beurteilten.

Veränderungen sollen 2026 die Lage aufhellen

Offiziell stellt der DRK-Sprecher die Dinge positiver dar. An der Landesschule habe es „durchgehend eine „ordnungsgemäße Lohn- und Finanzbuchhaltung“ gegeben, die Jahresabschlüsse seien stets von Wirtschaftsprüfern uneingeschränkt bestätigt worden. Man habe „zahlreiche Veränderungen angestoßen“, die 2026 ihre Wirkung entfalten würden.

Die Mienen des „Patienten“ und seiner „Ärzte“ müssten sich also – um im Eingangsbild zu bleiben – allmählich aufhellen.