Die Missbrauchsvorwürfe rund um das Kunstturnforum beschäftigen nun auch die Ermittlungsbehörden. Am Donnerstag fanden Durchsuchungen statt. Aber nicht nur in Stuttgart.
Der Turnskandal, ausgehend vom Kunstturnforum (KTF) in Stuttgart, zieht nun auch juristisch seine Kreise. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat am Donnerstag bekanntgegeben, dass sie ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und das Landeskriminalamt Stuttgart mit den Ermittlungen beauftragt hat. Als Grund wird angegeben: „Verdacht der Nötigung in mehreren Fällen.“ Eine Anzeige war nicht Auslöser der Ermittlungen. Die Behörde teilt auf Nachfrage mit, „von Amts wegen“ tätig geworden zu sein.
Ende des Jahres 2024 hatten sich zahlreiche meist ehemalige Turnerinnen auf Social-Media-Plattformen gemeldet und beschrieben, unter welchen Bedingungen sie einst ihren Leistungssport ausüben mussten. Von Erniedrigungen, Training unter Schmerzen oder trotz Verletzung, Demütigungen, Essstörungen und psychischem Druck war immer wieder die Rede. Aber auch aktive Turnerinnen hatten sich im Laufe des vergangenen Jahres an Vertrauenspersonen gewandt und die früheren Eindrücke ähnlich wiedergegeben. Bezogen auf das aktuelle Trainingsumfeld in Stuttgart.
Im Zentrum der Kritik standen zuletzt eine Trainerin und ein Trainer. Von beiden hat sich der Schwäbische Turnerbund (STB) als Betreiber des KTF mittlerweile dauerhaft getrennt. Doch der Fall ist damit noch nicht erledigt.
Am Donnerstag durchsuchten Beamte des Landeskriminalamts (LKA) Räumlichkeiten in Stuttgart – am KTF, aber auch im Haus des Sports, wo der STB gleich nebenan seine Geschäftsstelle hat. Es seien „Unterlagen sichergestellt“ worden, die nun „ausgewertet werden“. Ermittelt wird „gegen einen Beschuldigten, der vormals als Trainer am Kunstturnforum tätig war“, heißt es bei Staatsanwaltschaft und LKA. Auch der Deutsche Turner-Bund (DTB) mit seiner Zentrale in Frankfurt ist von den Ermittlungsmaßnahmen am Donnerstag betroffen gewesen.
Per Stellungnahme teilt der deutsche Verband mit: „Weder der DTB noch Verantwortliche des DTB sind Beschuldigte des laufenden Ermittlungsverfahrens. Dieses Verfahren richtet sich gegen eine andere Person. Es ist folgerichtig, dass die Staatsanwaltschaft bei ihrer Prüfung des im Raum stehenden Stuttgarter Sachverhalts alle verfügbaren Informationen berücksichtigt, also auch die dem DTB vorliegende Informationslage.“
Statements von DTB und STB
Der DTB hatte seinerseits eine Anwaltskanzlei beauftragt, die Vorgänge in Stuttgart zu untersuchen. Ende der kommenden Woche soll es hierzu einen Austausch der Beteiligten geben. Zudem ist der Turnskandal am kommenden Donnerstag auch Thema einer öffentlichen Sitzung im Landtag von Baden-Württemberg.
Dass es um mehr geht als um die Zustände in Stuttgart ist durch verschiedene Äußerungen ehemaliger Turnerinnen bereits vor Wochen deutlich geworden. Entsprechend lässt die ehemalige Bundestrainerin Ulla Koch ihr aktuelles Amt als DTB-Vizepräsidentin ruhen. Zuletzt gab es auch Angaben zu Missständen am Stützpunkt in Mannheim, wo einst auch die deutsche Rekordmeisterin Elisabeth Seitz trainierte, ehe sie nach Stuttgart wechselte. Im Zentrum der Kritik: ihre frühere Trainerin Claudia Schunk.
Seitz betonte auch, Missstände schon im Jahr 2014 angezeigt zu haben. Schunk ist mittlerweile Nachwuchs-Bundestrainerin und wurde ausgerechnet nach der vorläufigen Suspendierung der Coaches in Stuttgart übergangsweise ans KTF entsandt. Mittlerweile ist das Training anders geregelt.
Der STB betont wie der DTB, selbst nicht Beschuldigter im nun laufenden Ermittlungsverfahren zu sein. Man betont in einer Stellungnahme: „Der STB unterstützt die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart und hat sich ihr bislang gegenüber kooperativ gezeigt. Diese Kooperation wird der STB fortsetzen, der die strafrechtliche Aufarbeitung des in Rede stehenden Komplexes ausdrücklich begrüßt.“