Der Betroffenenbeirat in Freiburg pocht auf Entschädigungen statt warmer Worte. Matthias Katsch, Sprecher des Beirats, äußert sich im Gespräch mit unserer Zeitung zu den Missbrauchsvorwürfen in Freiburg.
Spätestens seit diesem Dienstag ist klar: der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch war über Jahre hinweg in zentraler Position im Erzbistum Freiburg dafür verantwortlich, dass sexueller Missbrauch in der Kirche vertuscht, die Opfer ignoriert und die Täter geschützt wurden. Sowohl in seiner Zeit als Personal-Chef unter dem 2008 verstorbenen Erzbischof Oskar Saier wie auch als Erzbischof und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz habe Zollitsch die Kirche zum „Schutzraum für Missbrauchstäter“ und zur „Hölle für Kinder“ werden lassen, unterstreicht Matthias Katsch, Sprecher des Betroffenenbeirats der Erzdiözese Freiburg.
Es sei, meint Katsch, „schwer erträglich“ gewesen, am Dienstag der zweieinhalbstündigen Vorstellung des Berichts zu folgen, der die beiden Erzbischöfe so schwer belastet und ihnen ihre Taten über 600 Seiten akribisch nachweist. Begriffe wie „Verfehlungen“, mit denen Zollitschs und Saiers Verhalten charakterisiert werde, gingen an der Sache vorbei: „Es geht hier um Hunderte Verbrechen an Kindern und Jugendlichen“, beton Katsch.
Katsch sieht keine Bereitschaft zu Entschädigungen
Die Betroffenen müssten, auch bei strafrechtlich verjährten Delikten, endlich angemessen entschädigt werden: „Das wäre ja sittenwidrig, wenn die gleiche Institution bei der Frage nach Entschädigungen auf Verjährung pocht, die die Taten über Jahre und Jahrzehnte selbst geheim gehalten hat.“ Katsch ist sicher, dass man im Bistum insgeheim hoffe, dass die Betroffenen aus Angst vor einem Misserfolg nicht vor Gericht ziehen werden. Hier sei vor allem der amtierende Erzbischof Stephan Burger gefragt: „Wenn ihm so viel an den Opfern liegt, wie er sagt, dann er soll er sie auch entschädigen. Und da hab ich bisher keine Bereitschaft herausgehört.“
Im Verfahren könnten Zollitsch Sanktionen drohen
Zollitsch, der vor Kurzem nach Mannheim in ein Altenheim gezogen ist, sei „feige bis zum Schluss“ mit den Vorwürfen gegen seine Person umgegangen, meint Katsch. „Er entzieht sich der Verantwortung und gibt nur scheibchenweise zu, was man ihm nachweisen kann.“ Anders als bei der Frage nach Entschädigungen, sei Zollitsch beim Thema Strafverfolgung vermutlich aus dem Schneider. Kreisen der katholischen Kirche zufolge könnten bei einem kirchenrechtlichen Verfahren Zollitsch Sanktionen drohen. Bei Verfahren dieser Art im Vatikan sei es beispielsweise möglich, dass am Ende Zahlungen für soziale oder karitative Zwecke angeordnet werden. „Er hat Glück, dass er dafür nicht vor Gericht gestellt werden kann, da man für Beihilfe zu einem verjährten Verbrechen nicht belangt werden kann“, erläutert Katsch. Dass Zollitsch auch das Kirchenrecht ignoriert und Verdachtsfälle nicht nach Rom gemeldet habe, sei hingegen zweitrangig: „Die Haltung des Papstes ist ja auch auf Schadensbegrenzung ausgerichtet.“ Das eingeleitete kirchenrechtliche Verfahren gegen Zollitsch habe „viel mit Symbolik“ zu tun.
Viel wichtiger sei für die Missbrauchsbetroffenen, dass das Land Baden-Württemberg sich gegenüber der Kirche neu positioniere: „Das Land muss den Prozess der innerkirchlichen Aufarbeitung endlich der Kirche aus der Hand nehmen.“ Es habe vier Jahre gebraucht, um 24 Fälle für den aktuellen Bericht aufzuarbeiten, wobei gleichzeitig über die vergangenen 45 Jahre Hunderte Fälle und über 250 beschuldigte Priester im Erzbistum festgestellt worden seien. „Das Land muss mit einer Kommission von außen den Prozess übernehmen und zu einem Abschluss bringen.“
Keine Garantie
Die Kirche werde „monarchisch geführt“, es gebe keinerlei Garantie, dass nicht beispielsweise nach Burger wieder ein Vertuscher ins Amt komme, ist Matthias Katsch überzeugt. Die Kirche brauche „eine Demokratisierung und eine institutionelle Transparenz“. Auch hier sei das Land in der Mitverantwortung, so der Beiratssprecher: „Zu einem rechtsfreien Raum gehören nicht nur zwei böse Bischöfe in der Vergangenheit. Dazu gehört auch eine Landespolitik, die die Kirche hat schalten und walten lassen, wie sie wollte.“ Erfahrungen aus anderen Bundesländern hätten auch bei den Staatsanwaltschaften „eine große Nachsichtigkeit“ im Umgang mit dem Thema Missbrauch in der Kirche gezeigt. Auch diese Frage müsse nun in Baden-Württemberg analysiert werden.