Nach alter Tradition schweigen in der Karwoche ab dem Gloria zur Messe am Gründonnerstag bis zum Gloria in der Osternacht in den Kirchen die Glocken.
Stille und Trauer, im Gedenken an den Tod von Jesus Christus kehren in der Karwoche ein. Es wird an den Leidensweg Jesu erinnert. Traditionell wird in Oberweier das Glockengeläut am Karfreitag und Karsamstag durch das manuelle Rätschen ersetzt.
In diesem Jahr ist das Rätschen erstmals eine gemeinschaftliche Aktion von Ministranten aus der ehemaligen Katholische Kirchengemeinde Friesenheim. 28 Ministranten haben sich bereits am Tag zuvor zum großen Gottesdienst an Gründonnerstag zusammengefunden und anschließend im alten Schulhaus übernachtet.
Ein Teil der Ministranten mit Maximilian Strauß, Beate Killius, Franka Zimmer, Johanna Fischer, Jan Eisenbeis, Moritz Moser, Jakob Haas, Maximilian Haid, Henrik Lehmann und Julian Anders hat das ziemlich frühe Rätschen um kurz nach 6 Uhr übernommen.
Normalerweise brennt um 5.45 Uhr im Kirchturm der St. Michaelskirche in Oberweier noch kein Licht. Ganz anders ist das am Karfreitag. Ministranten verweilten zur Schonung des Gehörs auf der unteren Ebene im Glockenturm. Kaum schlug die Kirchturmglocke zur vollen Stunden hielten sie sich die Ohren zu. Erst nach dem sechsten Schlag eilten sie die letzte Treppenwindung hinauf zur Rätsche.
Rätsche wurde schätzungsweise in der Zeit vor 1900 gebaut
Gleich hinter der Bodenluke im dichten Stahlgeäst steht die Karfreitagsrätsche. An zwei Tagen gebührte ihr zur ausgewählten Uhrzeit der große Auftritt. Das Alter der Rätsche, ein sogenanntes Schrapinstrument, lässt sich nur gut auf die Zeit vor 1900 schätzen. Von Generation zu Generation wird die Tradition des Rätschens weitergegeben. Ihr angestammter Platz ist genauso gesichert, wie der der Glocken.
Etwa einen Meter lang, 40 Zentimeter hoch und 35 Zentimeter breit liegen sechs Federblätter über dem Holzkasten. Am Ende sind Federblätter mittels Querlatte verbunden. Über eine Kurbel, die mit einzelnen Zähnen an der Walze bestückt ist, werden beim Drehen die Federblätter bewegt. Ohrenbetäubender Lärm macht sich breit. Eine Melodie lässt sich wahrlich nicht erzeugen. Die Jugendlichen werden knapp zehn Minuten lang den Dauerton des Rätschens übernehmen. Dass es dazu eine Menge Kraft braucht, wird denen, die zum ersten Mal dabei sind, schnell klar.
Knapp zehn Minuten wird gerätscht – und das kostet ordentlich Kraft
Mit Schwung, Kraft und gleichmäßigen Rhythmus erzeugen die Jugendlichen in einem stetig lauten Ton. Einem Staffellauf gleich übergeben sie sich im Drehmoment die Kurbel. Selbst eine Minute Rätschen ist ganz schön anstrengend.
Einen Probenlauf kann es beim Rätschen nicht geben. Johanna Fischer steht hinten auf der Querstrebe, dort wo die Federblätter fixiert sind. So bleibt der Kasten gut in seiner Position stehen und kann sich nicht in Bewegung setzen.
Nach knapp zehn Minuten ist die Rätsche wieder verstummt und die Ministranten gehen zurück ins alte Schulhaus zu den anderen Jugendlichen. Die Aufgaben für das Rätschen sind in Oberweier fest eingeteilt. Die Jugendlichen mussten noch drei Mal am Karfreitag und drei Mal am Samstag ran. Dann übernahm wieder das Glockengeläut im Kirchturm St. Michael seinen gewohnten Dienst.
Kulturerbe
Die Tradition des Rätschens geht im Friesenheimer Ortsteil Oberweier auf viele Generationen zurück. Gerätscht wird in der Regel am Karfreitag um 6 Uhr, um 10.45 Uhr für den Kinderkreuzweg, um 12 Uhr und 18 Uhr, jeweils zum Angelusgebet. Sowie am Karsamstag um 12 Uhr, um 17 Uhr und um 18 Uhr. Das Rätschen ersetzt das kräftige Glockengeläut zum Gottesdienst. Das Rätschen in der Karwoche wurde sogar im Jahr 2015 von der Unesco als Immaterielles Kulturerbe in Österreich anerkannt.