Ministerpräsident Winfried Kretschmann besuchte am Mittwoch das Nagolder Unternehmen Digel. Er löste damit ein Versprechen ein – und verriet, warum er selbst die Anzüge trägt.
Winfried Kretschmann trägt Digel. Nun kann man den scheidenden Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg wohl nicht als durchschnittlichen Kunden betrachten. Und doch: Ihn überzeugt das, was statistisch die meisten Kunden nach der von Vorstand Jochen Digel präsentierten Marktanalyse zu 89 Prozent nennen: die Passform.
Er probiere die Anzüge an und die würden sofort passen, erklärt Kretschmann. Dabei bleibe er seinem Einzelhändler seit vielen Jahren treu.
Auch beim Preis-Leistungs-Verhältnis bleibt der gebürtige Spaichinger typisch schwäbisch: „Ich bin kein Shopper, shoppen gibt es bei mir nur im Baumarkt“, sagt er mit einem Lächeln.
Pünktlich um 16 Uhr fährt der Wagen vor
Trotz seiner hohen politischen Position gebe er ungern viel Geld für Anzüge aus. „Das passt nicht zu mir.“ Die Digel-Sakkos seien trotz ihrer vergleichsweise niedrigen Preise in einer sehr guten Qualität, findet Kretschmann.
Auch typisch schwäbisch: Pünktlichkeit. Um Punkt 16 Uhr fahren die Wagen von Winfried Kretschmann auf den Hof der Digel Logistik auf dem Nagolder Wolfsberg. Seinen Besuch hatte der langjährige Ministerpräsident bei einem früheren Aufenthalt in Nagold versprochen – und von sich aus eingehalten. „Er hat sich bei uns gemeldet“, erklärt Digel, der von diesem Versprechen nichts wusste.
Kretschmann ist ganz Schwabe
Jochen Digel und Logistikleiter Raffael Baumgartner geben dem 77-Jährigen eine Führung durch ihre Hallen. Neben verschiedenen Mitarbeitern sind auch Auszubildende dabei. Das war ein Wunsch von Kretschmann im Vorfeld. Die Azubis erzählen ihm später, wie viele Möglichkeiten ihr Arbeitgeber ihnen bietet, dass man sie vollwertig behandele, auch „die wichtigen Menschen im Unternehmen“ stets ein offenes Ohr hätten.
Täglich kommen in Nagold im Durchschnitt 2000 Sakkos aus der Produktion an, die zum Verkauf weitergeleitet werden, erklärt Digel. Die Zeiten, in denen Anzüge in Deutschland genäht werden, seien für das Unternehmen ziemlich sicher vorbei. Die Stoffe und die weiteren „Zutaten“ – wie Polster und Knöpfe – werden von Nagold aus auf die Reise geschickt. Genäht werde unter anderem in Bulgarien, Bosnien und in Marokko.
Wirkliche Innovationen seien rar, das Produkt Anzug quasi ausentwickelt. Nur beim Zuschnitt von Stoffen habe sich mit Laser-Cuttern etwas getan.
Der Markt hat sich verändert
Der Markt habe sich vielfach verändert, erläutert Digel. So seien Industrielle viel mehr gefordert als nur als Produzenten. Die Finanzierung und damit in der Folge die Liquidität sind ein Thema für das Unternehmen. Man sei großzügig den Kunden – in dem Fall sind das rund 2500 Einzelhändler – gegenüber, erklärt Jochen Digel. Etwa bei der Rücknahme von Ware.
Eine generelle Entwicklung, die die ganze Branche betreffe: Der Anzug selbst habe in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren. Im geschäftlichen Umfeld wird er eher als Option anstatt als Verpflichtung gesehen. Nachdem erst Hüte und Krawatten aus dem Dresscode gefallen waren, seien mittlerweile auch die Sakkos durch einfache Polohemden ersetzt worden. Deshalb sei das Unternehmen gezwungen, sein Angebot zukünftig breiter aufzustellen.
Festliche Anlässe sichern Absatz
Was nach wie vor einen sicheren Absatz garantiere, seien festliche Anlässe: Hochzeiten, Kommunion, Konfirmation.
Zum Ende des Besuchs fragt Kretschmann den Vorstand, welche Änderungen er sich von der Politik wünschen würde.
Digel äußerte sich vor allem kritisch zu bürokratischen Hürden, die laut ihm das familiär geführte Mittelstandsunternehmen oftmals ausbremsten. Er wünsche sich, dass es Unternehmen erleichtert werde, Zugang zu Liquidität zu erhalten. Des Weiteren ließen Regelungen des Lieferkettengesetzes oftmals die Abläufe der Firma ins Stocken geraten.
Kein pauschaler Bürokratieabbau
Von dem pauschalen Begriff „Bürokratieabbau“ ist Kretschmann mittlerweile etwas genervt, erklärt er. Der Begriff werde viel zu oft genutzt, ohne konkret zu benennen, welche Regelungen abgebaut werden sollen. Für Vereinfachungen sei er zu haben. Viele Gesetze seien aber wichtig, wie beispielsweise das Lieferkettengesetz, das zur Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards dienen solle.
Dabei müsse die Politik mit äußerst feinem Fingerspitzengefühl entscheiden, welche Regelungen wichtig seien und welche weniger. „Wir müssen uns fragen, was wir regeln und was nicht“, erläutert Kretschmann.