„Kriegstüchtig, um Frieden zu sichern?“ – Der Besuch von Boris Pistorius in Calw löste gegensätzliche Reaktionen im Publikum aus.
Der Besuch des Bundesverteidigungsministers Boris Pistorius, organisiert im Vorfeld der anstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg, stieß auf großes Interesse – und auf teils kontroverse Reaktionen aus dem Publikum. Eingeladen hatte die SPD-Landtagskandidatin Daniela Steinrode. In seiner Einführung betonte der SPD-Landesvorsitzende Andreas Stoch, viele Menschen beschäftige derzeit die Frage, wie es politisch weitergehe und wie eine gute Zukunftsperspektive für das Land aussehen könne. Neben sicherheitspolitischen Themen sprach Stoch auch über Bildung und wirtschaftliche Stärke. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen seien das Rückgrat der Region. Gleichzeitig forderte er bessere Rahmenbedingungen für Familien, um mehr Frauen eine Vollzeitbeschäftigung zu ermöglichen.
Pistorius fordert realistische Sicherheit
Beeindruckt Im Mittelpunkt des Nachmittags stand jedoch die Rede von Verteidigungsminister Boris Pistorius. Er zeigte sich beeindruckt von der hohen Besucherzahl und machte deutlich, dass sich die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen grundlegend verändert hätten. Sein Ziel sei es nicht, Angst zu schüren, sondern realistisch auf die neue Bedrohungslage zu reagieren. „Wir müssen kriegstüchtig sein, um nicht Krieg führen zu müssen“, sagte Pistorius. Abschreckung sei notwendig, um Frieden langfristig zu sichern.
Publikum hinterfragt „Kriegstüchtigkeit“
Überzeugt Diese Haltung stieß im Publikum auf unterschiedliche Reaktionen. Die Schauspielerin Edith Korber, Mitbegründerin des Stuttgarter Theaters tribühne, äußerte deutliche Zweifel. Als überzeugte Pazifistin vermisse sie in der aktuellen politischen Debatte menschliche und friedensstiftende Visionen. „Sicherheit bedeutet für mich, friedenstüchtig zu werden – nicht kriegstüchtig“, sagte Korber. Auch ein langjähriges SPD-Mitglied kritisierte den Begriff der „Kriegstüchtigkeit“ und erinnerte an die traditionell starke Friedenspolitik der Partei.
Pistorius entgegnete, er habe den Begriff bewusst gewählt. Militärische Stärke und Friedenssicherung stünden für ihn nicht im Widerspruch. Nur wer verteidigungsfähig sei, könne verhindern, dass es überhaupt zu einem Krieg komme.
Junge Besucher zeigen pragmatische Haltung
Pragmatisch Unter den jüngeren Besuchern überwog ein pragmatischer Blick auf die internationale Lage. Die 18-jährige Gemeinderätin Iva Rigotti aus Horb bezeichnete die weltpolitische Situation als beunruhigend, insbesondere, wenn man persönliche Kontakte in die Ukraine habe. Diplomatie müsse zwar immer an erster Stelle stehen, doch ohne militärische Abschreckung fehle ein wirksames Druckmittel. Ähnlich äußerte sich die 17-jährige Erin Raible, die von einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung in Deutschland sprach.
Kritiker verlangen ehrlichere Politik
Kritisch Kritik kam dagegen von Sevinc Sertel, die bemängelte, Pistorius habe den Ukrainekrieg zu stark in den Vordergrund gerückt. Andere internationale Konflikte seien kaum thematisiert worden. Dennoch sprach sie sich grundsätzlich für eine stärkere militärische Ausstattung Deutschlands aus und forderte mehr Ehrlichkeit in der politischen Kommunikation.
Jusos warnen vor wachsender Gefahr
Besorgt Auch Vertreter der Jusos zeigten sich besorgt über die internationale und innenpolitische Entwicklung. Vladislav Wilhelm, Kreisvorstand der SPD Böblingen, verwies auf die wachsende Stärke der AfD, während Kiriakos Fotis von den Jusos Leonberg betonte, das Bewusstsein für reale Kriegsgefahren habe in der Bevölkerung deutlich zugenommen. Europa müsse geschlossener auftreten und eine klare friedenspolitische Linie verfolgen.
Der Besuch von Boris Pistorius machte deutlich: Die sicherheitspolitische Debatte bewegt die Menschen in der Region – und spaltet sie zugleich. Zwischen dem Wunsch nach Frieden und der Forderung nach militärischer Stärke bleibt die Suche nach einem soliden Kurs eine der zentralen politischen Herausforderungen.