Fackel auf westsibirischem Urengoy-Gasfeld. Durch einen Tauschhandel plante die EnBW, sich an der zweitgrößten Erdgaslagerstätte der Welt zu beteiligen Foto: Foto: dpa

Um sich Zugriff auf Gasfelder in Sibirien zu verschaffen, hat der Energie­versorger EnBW erwogen, dem russischen Energieriesen Gazprom einen Wunsch zu erfüllen: Zugang zum Milliarden Euro schweren Geschäft mit deutschen Strom- und Gaskunden.

Karlsruhe - Als Hans-Peter Villis am ­1. Oktober 2007 seinen Chefsessel bei Deutschlands drittgrößtem Energieversorger EnBW einnahm, stand er vor einem Problem. Alle seine Vorgänger hatten es kommen sehen. Keiner von ihnen hatte es gelöst. Spätestens 2022, so die Beschlusslage des damals gültigen Atomausstiegs, sollte das letzte Kernkraftwerk des Konzerns vom Netz gehen. Die EnBW lief Gefahr, rund die Hälfte ihrer Kraftwerkleistung zu verlieren. Sollte keine Abhilfe geschaffen werden, war der Abstieg des Konzerns in die Regionalliga der deutschen Versorger vorprogrammiert.

Villis musste handeln. Bei der Suche nach einer Alternative für das Auslaufmodell Kernkraft landete der frischgebackene EnBW-Chef beim Gas. Sauberer als Kohle und leistungsfähiger als erneuerbare Energien, stellten neue Gaskraftwerke die Option schlechthin für den vom rot-grünen Atomausstieg hart getroffenen Konzern dar.

Es gab da allerdings ein Problem. Gas, mit dem die modernen Kraftwerke hätten befeuert werden können, war in Deutschland knapp. Den Bau eines entsprechenden Meilers in Karlsruhe hatte der Konzern 2008 gerade auf die lange Bank geschoben – schlicht, weil dauerhaft zu wenig Brennstoff verfügbar war.

Wenige Wochen nach Amtsantritt gab ­Villis daher die Devise aus, den Ausbau des Gasgeschäfts zu forcieren und die EnBW in diesem Punkt unabhängiger aufzustellen. In Norddeutschland sicherte man sich daraufhin Anteile an riesigen Kavernenspeichern und streckte die Fühler nach einem dänischen Versorger mit Zugang zu Nordseegas aus. Mit Macht sollte nun der Ausbau des Geschäfts vorangetrieben werden.

Wie weit die EnBW dabei bereit war zu ­gehen, belegen Unterlagen, die unserer Zeitung vorliegen. Demnach plante der Energieversorger, dem russischen Staatskonzern Gazprom im Gegenzug für die Beteiligung an zwei sibirischen Erdgasfeldern des ebenfalls staatlichen Konglomerats Alrosa exklusiven Zugang zum deutschen Endkundengeschäft mit Strom und Gas einzuräumen. Konkret ging es um den Einstieg der Russen bei einem der größten deutschen Stromanbieter, der Kölner EnBW-Tochter Yello. Mit seiner Marke Yello geht die Karlsruher EnBW seit 1999 vor allem außerhalb seines Stammgebiets Baden-Württemberg auf Kundenfang. 2007 begann die gelbe Stromfirma, ihre Kunden auch mit Gas zu beliefern. Dieses sollte in Zukunft auch aus Russland kommen.

EnBW werde „eine Absichtserklärung gegenüber Gazprom abgeben, die die Möglichkeit zur Beteiligung von maximal 49 Prozent an Yello für Gazprom beinhaltet“, heißt es in einer Vorlage an den EnBW-Vorstand, die unserer Zeitung vorliegt. Voraussetzung sei unter anderem, dass eine Einigung in Preisfragen erzielt werde und Gazprom das aus den Alrosa-Feldern geförderte Gas sicher durch seine Leitungen nach Europa fließen lasse.

Der russische Geschäftsmann Andrey Bykov zog hinter den Kulissen die Fäden

Auf Anfrage hieß es bei der EnBW, eine ­Beteiligung an russischen Gasfeldern sei 2008 erörtert und geprüft, aber letztendlich verworfen worden. Pläne zum Verkauf von Yello an Gazprom habe es nicht gegeben, auch nicht im Kontext der Gespräche um die Gasfelder.

Die teils als vertraulich klassifizierten ­Dokumente belegen dennoch, dass sich EnBW im anstehenden Bieterverfahren um die Erdgasfelder mit Yello als Faustpfand die bestmögliche Ausgangsposition sichern wollte. Sogar bis nach Karlsruhe hatte sich nämlich herumgesprochen, dass die Russen ein Auge auf die deutschen Strom- und Gaskunden geworfen hatten. Mit mehr als 80 Millionen Verbrauchern ist Deutschland nach Frankreich der zweitgrößte Strommarkt Europas. Bisher war dem russischen Monopolisten die Eintrittskarte in den deutschen Markt aber verwehrt geblieben. Die „strategische Partnerschaft“, die die EnBW nun anbot, war die Karotte, die man Gazprom hinhielt, damit sich der Weltkonzern beim ­ersehnten Gas-Deal einen Schritt auf den ­ Versorger aus dem Badischen ­zubewegte.

Um das Geschäft unter Dach und Fach zu bringen, konnte die EnBW neben einem festen Kundenstamm noch auf einen anderen Trumpf setzen – ein eingespieltes Lobbyteam, das ihre Interessen im fernen Russland reibungslos orchestrierte. Wie aus den Dokumenten hervorgeht, beauftragte die EnBW im Sommer 2008 den Industrieverband zur Vorbeugung außergewöhnlicher Bedrohungen und technologischer Katastrophen, kurz Ivat, mit der Sache. Hinter Ivat stand damals unter anderem der mittlerweile in den Ruhestand verabschiedete Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH, Wolfgang Heni. Als Ivat-Präsident hielt Heni engen Kontakt zum Moskauer Institut für Energiedialog Ost-West, der eigentlichen Schaltstelle des EnBW­Energiemonopolys im eisigen Sibirien. Alleingesellschafter der Moskauer Denkstube war der russische Geschäftsmann Andrey ­Bykov.

Seit 1993 vertrat er die Interessen der EnBW und ihrer Vorgängerorganisationen in Osteuropa und fädelte Geschäfte in Millionenhöhe ein. Beispielsweise beschaffte er dem Konzern Uran aus russischen Militärbeständen als Brennstoff für dessen Meiler. Jetzt aber wollten Heni und Bykov unter dem Codenamen Boracay mit Russland-Gas das ganz große Rad drehen.

Den EnBW-Vorstand um Ex-Chef Villis wähnte das Duo nach Gesprächen auf seiner Seite. Bykov koordinierte die Geschäfte und bereitete das Angebot vor. Heni wandte sich laut den Unterlagen an die Politik. „Aufgrund der überaus guten partnerschaftlichen Erfahrungen im Nuklearbereich“ sei man bereit, die bisher bestehende Kooperation nun auch auf andere Felder auszuweiten, schrieb der EnBW-Manager und Ivat-Chef Anfang Juni 2008 an den damaligen russischen Finanzminister Alexey Kudrin. Dieser war als Aufsichtsratschef des staatlichen Diamanten- und Rohstoffkonzerns Alrosa in einer Schlüsselposition beim Verkauf der Gasfelder, deren Volumen mit 98 Milliarden Kubikmetern in etwa so groß war wie der gesamte deutsche Jahresverbrauch.

Insidern zufolge bemühten sich die damaligen Partner Bykov und Heni wochenlang um eine perfekte Vorbereitung des Deals. Umso größer war die Enttäuschung, als das Interesse der EnBW-Spitze für die Geheimsache Boracay plötzlich erlosch. An einer entscheidenden Vorstandssitzung der EnBW Anfang Juli 2008 nahm EnBW-Chef Villis nach Angaben von Insidern nicht teil. Er weilte im Urlaub.

Ex-EnBW-Chef Villis verfolgte in Sachen Gas einen Plan B

Gerüchteweise hatte der EnBW-Großaktionär EdF Wind von Aktion Boracay bekommen, und da die Belieferung der EnBW mit russischem Gas nicht im Interesse der Franzosen war, torpedierten sie das Geschäft. Schließlich wollten sie ihr Gas selbst in Deutschland verkaufen.

Allerdings verfolgte auch Konzernchef Villis einen Plan B. Über Umwege versuchte er genau zu diesem Zeitpunkt, beim ostdeutschen Energieunternehmen VNG einzusteigen. Der oft als Gasperle bezeichnete Versorger ist im Besitz der langfristigen Gas-Lieferverträge der Ex-DDR und war somit eine begehrte Bezugsquelle für Brennstoff aus Russland. Villis’ Plan B allerdings missglückte. VNG gab der Konkurrentin aus dem Badischen den Laufpass, diese musste Monate später 480 Millionen Euro wegen der Sache abschreiben. Und auch der Boracay-Deal scheiterte spätestens Ende 2008. Bei einem vorweihnachtlichen Treffen in Karlsruhe ließ Villis dem Vernehmen nach erkennen, dass sein Interesse an Boracay erkaltet war. Wenige Monate später gingen die sibirischen Gasfelder laut Medienberichten für 620 Millionen Dollar an einen anderen russischen Staatskonzern.

Aus der angedachten deutsch-russischen Energiepartnerschaft wurde nichts. Und Gazprom musste seine ambitionierten Ziele im deutschen Endkundenmarkt, die der Partner EnBW bis heutige nicht bestätigt, zurückstutzen. Der Einstieg ins ersehnte Endkundengeschäft klappte für den kremlnahen Konzern erst mehr als drei Jahre nach dem geplatzten Boracay-Projekt: mit der Übernahme des hessischen Kleinversorgers Envacom im November 2011.