Viele Einheiten russischer Soldaten nahmen an der Militärparade durch das Moskauer Stadtzentrum zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren teil. Foto: Maxim Bogovid/Photo host agency

Bei einer großen Militärparade in Moskau anlässlich des 80. Jahrestages des Sieges über Nazi-Deutschland rechtfertigt der russische Präsident Wladimir Putin den Krieg gegen die Ukraine.

Als fast zum Schluss der T-34, dieser sowjetischste aller sowjetischen Panzer, aufgebockt auf einem Laster über die Moskauer Prachtmeile Neuer Arbat fährt, ruft der fünfjährige Jaroslaw laut „Hurra“. Seine Mutter Larissa schwingt die mitgebrachte Sowjetfahne, sein Vater Daler winkt den Fahrzeugen. „Wir wollen unserem Jungen zeigen, wer Verteidiger sind und wer Feinde“, sagt der 48-jährige Daler, der als Kind vor den Kämpfen in Tadschikistan nach Moskau geflohen war. „Wir helfen mit allem, was wir haben, unseren Soldaten. Denn wir wissen: Wir werden siegen.“

 

Das mobile Internet ist abgestellt

Wie Tausende anderer Schaulustige verfolgt die Familie an diesem Freitagvormittag die Militärtechnik-Kolonne gegenüber dem Kino „Oktober“. „Der Sieg wird unser sein“, heißt es da auf dem digitalen Banner. Manche hier haben Putin-Fahnen dabei, viele tragen Soldatenmützen, fast alle haben das schwarz-orange Georgsband ans Revers gesteckt, einst ein militärisches Abzeichen, heute das wichtigste Zeichen zum 9. Mai im Land, dem Sieg über Nazi-Deutschland.

Zum 80. Jahrestag hat Moskau alles aufgefahren, was es hat: an Sicherheitsmaßnahmen genauso wie an Kriegsgerät. Polizisten patrouillieren alle paar Meter, Mitarbeiter des Katastrophenschutzes sind an den Metallabsperrungen quer durchs Zentrum postiert. Das mobile Internet ist abgestellt, nicht einmal Bankkarten funktionieren. Die Cafés entlang der Strecke, an der die Militärtechnik rollt, mussten schließen. „Nicht mal einen Kaffee kann man sich holen“, schimpft eine Frau.

Russlands Präsident Wladimir Putin gibt sich in den knapp zehn Minuten seiner Rede zum „heiligen Tag“, wie er den „Siegestag“ stets bezeichnet, fast schon zurückhaltend. Die Tiraden gegenüber dem Westen fehlen, auch auf Drohungen wegen des angeblichen „Eurofaschismus“, der im offiziellen Moskau sonst oft zur Sprache kommt, verzichtet der Kriegsherr. Putin spricht von „Gefühlen der Freude und Trauer, des Stolzes und der Dankbarkeit, der Bewunderung für die Generation, die den Nationalsozialismus zerschmetterte“.

Wie nebenbei flicht er seine „Spezialoperation“ in der Ukraine ein, wie Russland den Krieg im Nachbarland euphemistisch nennt. Moskau zieht stets unverhohlen den Bogen zwischen dem Zweiten Weltkrieg, den es als „Großen Vaterländischen Krieg“ bezeichnet, zum Krieg in der Ukraine. „Russland war und wird ein unzerstörbares Bollwerk gegen Nationalsozialismus, Russophobie und Antisemitismus sein“, sagt Putin und fährt fort: „Ganz Russland steht an der Seite der Teilnehmer der militärischen Spezialoperation. Wahrheit und Gerechtigkeit sind auf unserer Seite.“ Die Sowjetkämpfer von damals macht er allesamt zu „Russen“.

Jubel für die Raketen

Auf dem Neuen Arbat jubeln die Männer, Frauen und Kinder den Raketen zu. „Unsere russische Seele ist weit. Unser Land ist das großartigste, das gutmütigste, das barmherzigste Land der Erde. Gott ist mit uns. Wir werden alle besiegen“, sagt Irina Knjasewa, ohne dass auch nur ein Anflug von Zynismus in ihren Worten zu erkennen wäre.

Krieg, so verkauft es Russland seit Jahren, sei nicht Trauer und Schmerz, Krieg sei Heroismus und Siegesfreude. Das Gedenken an die Millionen von sowjetischen Gefallenen ist pervertiert, es hat sich in eine Triumph-Show verwandelt. 11 500 Soldatenanwärter marschieren am Freitag über den Roten Platz, rund 1500 Teilnehmer der „Spezialoperation“ sind darunter. Regimente aus 13 Ländern – von Aserbaidschan über Belarus bis zu Myanmar und Ägypten – nehmen teil. Auch knapp 120 Soldaten der chinesischen Ehrengarde laufen mit. Der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping lässt sich neben Putin übersetzen, was ein Veteran zu sagen hat.

Russland zeigt sich an diesem Tag selbstbewusst, präsentiert neue Haubitzen und mit dem T-90M den modernsten Panzer, der derzeit in der Ukraine eingesetzt wird. Auf Lastern lässt es blank polierte Drohnen durch die Sonne Moskaus fahren.