Von außen sieht das Haus von Elisabeth Kirchwehm gut aus. Nichts weist darauf hin, was sich im Inneren abgespielt hat. Denn die Mieter habe eine ihrer Wohnungen komplett zerstört. Mietnomaden gibt es also nicht nur in der Großstadt, wie der Fall aus Donaueschingen zeigt.
Donaueschingen - "Wir haben alles erst vor drei Jahren neu gemacht", erklärt Elisabeth Kirchwehm. Die 78-Jährige ist eine der Besitzer des Donaueschinger Gebäudes, in dem sich mehrere Wohnungen befinden, darunter eine über mehrere Stockwerke, mit sechs Zimmern. Rund 30.000 Euro habe man damals in die Renovierung investiert, vieles in Eigenarbeit geleistet.
Dort hat in den vergangenen Monaten eine vierköpfige Familie gelebt: Mutter, zwei kleine Kinder und der Lebensgefährte, dazu einige Hunde. Aktuell ist niemand mehr in der Wohnung. Sie ist unbewohnbar.
Mit den Nerven am Ende
"Nervlich bin ich total fertig", sagt Kirchwehm, die sich bereits seit 40 Jahren um das Haus kümmert. Wenn sich die Tür zur Wohnung öffnet, trifft Besucher der Schlag. Die Wohnung ist komplett ramponiert und vermüllt. Bereits im Eingangsbereich liegt alles voller Unrat. Das zieht sich durch alle Zimmer auf mehreren Geschossen verteilt. Kirchwehm hat so etwas noch nie erlebt. Sie kann nicht verstehen, wie man mit fremdem Eigentum so umgehen und so verwahrlosen kann – noch dazu, weil in der Wohnung auch Kinder lebten. Vor der Familie habe sie die Wohnung auch an eine junge Familie vermietet. Beide Elternteile waren berufstätig. Es sei immer alles in Ordnung gewesen. Im Verhältnis zur Größe sei die Wohnung auch sehr günstig zu mieten, sagt Kirchwehm. Es gehe dabei auch darum, Menschen zu helfen, die nicht so viel haben. "Bei der Familie davor war alles bestens. Sauber und korrekt. Besser geht es nicht."
Über die Treppe geht es nach oben. "Als ich das erste Mal hier reinkam, war die Wand voller Blut", beschreibt die Vermieterin. Der neue Parkettboden ist verdreckt, Flüssigkeit ist darauf ausgelaufen, im Wohnzimmer liegen Fäkalien auf dem Boden. Im Erkerzimmer sind Fensterscheiben eingeschlagen. "Was haben die hier gemacht?"
Die Küche ist voll mit leeren Bierflaschen und Pizzaschachteln
Selbes Bild in den anderen Räumen. Die Küche steht voll mit leeren Bierflaschen, Pizzaschachteln, alles ist dreckig. Aber wie konnte es soweit kommen? Probleme gab es erstmals, als der Heizungsmonteur zur Wartung vorbeischauen wollte: "Den haben sie nicht reingelassen", sagt Kirchwehm. Auch die Vermieter dürfen nicht mehr in die Wohnung. Ein Zugang ist ihnen auch nicht mehr möglich: "Sie haben das Schloss der Haustür ausgewechselt." Elisabeth Kirchwehm lässt schließlich einen Schlosser kommen und alles wieder richten. Das wurde dann später zerstört, als jemand aus der Familie die Tür aufgebrochen hat, um wieder in die Wohnung zu kommen.
Schlimmer Blick ins Kinderzimmer
Besonders schlimm ist der Blick in die Kinderzimmer. "Allein wenn man sich vorstellt, dass unter diesen Umständen Kinder gelebt haben. Absolut unverständlich", sagt die 78-Jährige. Eines der Zimmer ist komplett vollgepackt mit alte Kartons und Müll. Dazwischen steht noch Spielzeug, ein Puppenhaus: "Das werde ich nicht wegschmeißen. Sie tun mir leid." Kirchwehm will es aufheben, damit es vielleicht irgendwann abgeholt werden kann.
Sache per Gericht geklärt
Mittlerweile sei die Sache per Gericht geklärt. Ein Gerichtsvollzieher werde kommen und die Familie könne "alles mitnehmen, was sie wollen." So sie denn auch wieder auftauchen. Freunde von Kirchwehm wollen ihr helfen, die Wohnung wieder in Ordnung zu bringen, Sperrmüll hat sie bereits angemeldet, viele der Klamotten will sie in die Altkleidersammlung geben. "Es wird eine Weile dauern, bis alles wieder gerichtet ist", sagt sie.
Zuvor hatte sie die Polizei verständigt, wohl sei auch das Jugendamt schon eingeschritten. "Auch die Polizisten haben gesagt, dass sie so etwas nicht oft zu sehen bekommen."
Vieles ist zerstört
Besonders auffällig neben der Vermüllung sind die vielen Zerstörungen: Etliche Türen sind komplett eingeschlagen, die Rahmen herausgerissen und provisorisch mit kleinen Brettern wieder zusammengenagelt: "Das war alles neu gemacht." Wie die Wohnung einmal ausgesehen haben mag, das lässt sich unter der Abfall- und Schmutzschicht allenfalls erahnen.
Wieviel das Ganze sie schlussendlich kosten wird, das kann Elisabeth Kirchwehm nicht abschätzen. Von der Familie etwas zu bekommen, damit rechnet sie nicht: "Greifen sie mal einem nackten Mann in die Hosentasche." Bei solchen Leuten sei man machtlos. "Es ist hoffnungslos zu denken, man bekäme noch irgendwas von der Miete." Die sei nicht bezahlt worden.
Eine Erklärung dafür, wie es zu diesem "Wohnungsmassaker", wie Kirchwehm es nennt, kam, hat sie keine. Sie habe nur die Hoffnung, dass es zukünftigen Vermietern nicht so ergehe.
Info: Fragen an den Experten von Haus und Grund
Volker Sülzle ist Vorsitzender des Donaueschinger Haus und Grund Vereins. Davon gibt es in Deutschland auf Verbandsebene 867 Vereine. Sie setzen sich für das private Eigentum ihrer Mitglieder ein und bieten Service- und Beratungsleistungen zu allen Themen rund um die private Immobilie. Sülzle ist Rechtsanwalt und in seiner Kanzlei Fachmann für Miet- und Wohnungseigentumsrecht
Kommen solche Mietnomaden häufig vor? "Nun, was heißt häufig. Es ist auf jeden Fall kein neues Phänomen. Und keines, dass es nur in der Großstadt gibt. Unter Vermietern kann man schon sagen, dass es auch bei uns regelmäßig vorkommt", erklärt Sülzle.
Was kann dagegen unternommen werden? "Haben sie solche Leute erst mal in der Wohnung, dann wird es teuer. In der Regel hinterlassen sie auch nichts brauchbares", sagt Sülzle. Dann brauche es meist staatliche Hilfe, um die Personen rauszubekommen. Wichtig sei es, im Vorfeld alles abzuklären: "Wo haben sie vorher gewohnt, gibt es Informationen von der Schufa, für die Wohnung eine Kaution verlangen." Man müsse wahrnehmen, dass jene, die "das routiniert angehen in diesen Angelegenheiten sicherer sind." Allerdings könne das jedem passieren.
Was nutzt eine Anzeige? "In aller Regel liegen in solchen Fällen auch Straftaten vor. Frage ist: wer zeigt sie an, und wie sinnig ist es, die Sache so zu verfolgen? Die Vermieter haben ja die Hoffnung, die Miete zurück zu bekommen. Bei einer Anzeige ist aber vielleicht der Staatsanwalt vorher dran."