Schlagersängerin Michelle bei ihrer Abschiedsshow in Stuttgart Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Zwei Stunden Musik und ein ausverkaufter Saal: Die Schlagersängerin Michelle hat sich am Dienstagabend in der Liederhalle in Stuttgart von ihren Fans verabschiedet.

Michelle war 20 Jahre alt, als im Jahr 1993 ihre erste Single erschien. Nun nimmt sie Abschied von der Bühne. Am Dienstagabend ist sie im ausverkauften Beethovensaal der Liederhalle zu Gast, trifft auf ein Publikum, das sie vom ersten Moment an feiert. Und sie blickt zurück: „33 Jahre!“, ruft sie. „Ich hatte alle Höhen und Tiefen. Ich habe mich vorhin gefragt: Welcher Song darf heute Abend, hier bei euch, nicht fehlen?“

 

Ihre Fans freilich würden gerne jeden einzelnen Song hören, den Michelle auf 17 Studio-Alben veröffentlichte. Sie selbst hat sich dafür entschieden, vier ihrer frühen Hits vorbeiziehen zu lassen und damit Erinnerungen zu wecken. Ihr Medley wird begleitet von Bildern früher Auftritte – sie singt „Silbermond und Sternenfeuer“ (1994), „Erste Sehnsucht“ (1993), „Traumtänzerball“ (1995) und „Wie Flammen im Wind“ (1997) – ein Medley, das nicht nur alte Hits zurückbringt, sondern auch zeigt, wie die Sängerin sich wandelte, im Laufe der Zeit: Einst brünett, oft auch mit kurzen Haaren, tritt sie heute auf mit langem blonden Haar, trägt zu Beginn ein silbern funkelndes Kostüm, beherrscht die Bühne ganz, mit ihrer Gestik, ihrer Ausstrahlung, ihrer Stimme.

Der Schlagerstar aus Villingen-Schwenningen

Michelle, eigentlich Tanja Gisela Hewer, wurde geboren in Villingen-Schwenningen. Sie wuchs auf unter schwierigen Umständen, in einer zerrütteten Familie, später bei Pflegeeltern, entdeckte mit 14 Jahren ihr Gesangstalent und wurde zu einer der erfolgreichsten Schlagersängerinnen Deutschlands überhaupt. 2001 machte sie mit „Wer Liebe lebt“ den achten Platz beim Eurovision Song Contest. Schon 2023 gab sie bekannt, dass sie sich von der Bühne zurückziehen möchte. Sie verabschiedet sich, auch von ihrem Stuttgarter Publikum, mit 31 Songs und mehr als zwei Stunden Musik.

Ihre Show hebt an mit schnellem, rhythmischem Schlagerpop. „Flutlicht“, der Titelsong ihres letzten Albums, eröffnet den Abend: „Ich such mich hier im Flutlicht, auch wenn ich geblendet bin: Ich bleib eine Kämpferin“, singt sie, Michelle wird begleitet von vier Musikern an Keyboard, Gitarre, Bass, Schlagzeug, von zwei Backgrundsängerinnen außerdem. Temporeich, euphorisch, herausfordernd bleibt ihre Musik. Sie singt „Heut‘ Nacht will ich tanzen“, ihre erste Single von 1992, lädt ein mit „Wir feiern das Leben“, sie schimpft auf die „Männer“ („Sie würden alle gern die Welt regieren“). Songs, die ihre Meinung noch direkter, selbstbewusster aussprechen, lassen das Publikum begeistert von seinen Sitzen aufspringen: „Scheißkerl“ und „Idiot“ sind tatsächlich Liebeslieder.

Michelle singt wieder Kindern auf der Bühne „Prinzessin“

Aber Michelle singt auch Balladen, entführt ihr Publikum nach Paris, in die Stadt der Liebe, mit dramatischem Intro am Flügel in ein „Hotel in St. Germain“. Sie singt nachdenklich „Blauer Planet“, während der sich, als großes, leuchtendes Bild, in ihrem Rücken dreht. Früh am Abend lässt sie Kinder zu sich auf die Bühne kommen, setzt sich mit ihnen zusammen und singt „Prinzessin“. Die Kinder – ein Mädchen ist dabei, das selbst Michelle heißt – können alle den Text.

Michelle indes ist glücklich, selbst ihr „letztes Puzzleteil“ gefunden zu haben – sie meint den Sänger Eric Philippe, mit dem sie zuerst im Duett „Falsch dich zu lieben“ singt, bevor er mit „Schockverliebt“ ein eigenes Stück vorträgt. Philippe eilt die kleine Showtreppe auf Michelles Bühne hinauf, spielt droben die Trompete – später legt die zierliche Sängerin Verlobten die Arme um den Hals. Sie schauen sich in die Augen und küssen sich.

Michelle beim Konzert im Beethovensaal der Liederhalle Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mit „Das war’s für mich“ beendet Michelle ihren Auftritt

„Mit 80 Küssen um die Welt“ heißt denn auch das Stück, mit dem Michelle ihre Zugabe beginnt. Sie singt „Verdammt noch mal, lieb mich oder lass es sein“, mit ihrer immer leicht rauen, hellen Stimme. „Was anderes gibt’s nicht.“ Michelle trägt nun in einen engen schwarzen Anzug mit silbernen Schulterstücken. Lichterketten laufen hinter ihr himmelwärts. „Dass ich eure Liebe spüren durfte über einen sehr, sehr langen Zeitraum“, sagt sie zu ihren Fans, „macht mich stolz und glücklich und sehr dankbar:“ Und sie verabschiedet sich mit ihrem Lied zu diesem Anlass, singt: „Das war’s für mich“.