Der Talkmeister Michael Steinbrecher Foto: obs/SWR - Südwestrundfunk

Talkkultur statt Hate Speech: Seit 1987 sendet der SWR den Talkshow-Dauerbrenner „Nachtcafé“, am Freitag läuft die 1000. Folge. Im Interview erklärt der Moderator Michael Steinbrecher, warum der Klassiker Zukunft hat.

Seit 1987 sendet der SWR den Talkshow-Dauerbrenner „Nachtcafé“, am Freitag läuft die 1000. Folge. Im Interview erklärt der Moderator Michael Steinbrecher, warum der Klassiker Zukunft hat.

 

Herr Steinbrecher, eine steile These zum Einstieg: Wenn ein TV-Sender die 1000. Folge eines Formats ausstrahlt, hat er entweder etwas sehr richtig gemacht oder aber den Zeitpunkt verpasst, der Sendung rechtzeitig ein gutes Ende zu bereiten. Was ist das Erfolgsrezept des „Nachtcafés“?

Menschen anderthalb Stunden zu einem Thema miteinander ins Gespräch zu bringen, Experten als Brücke zur Wissenschaft, Prominente, aber vor allen Dingen Menschen, die noch nie im Fernsehen waren. Zum zweiten Teil der These: Das „Nachtcafé“ ist ein TV-Flaggschiff des Senders, das aber auch schon viele digitale Motorboote gestartet hat, die ein Eigenleben führen. Unser Podcast etwa ist mittlerweile einer der erfolgreichsten des SWR. Es gibt „Nachtcafé“-Storys in den sozialen Netzwerken. Nehmen wir noch Youtube, da hatten wir zwischen 2015 bis 2019 zusammen 19 Millionen Aufrufe. Und allein 2021 hatten wir 30 Millionen! Dort erreichen wir ganz andere Menschen als am Freitagabend.

Wären Sie denn wehmütig, wenn sich die Sendung aus dem Fernsehen verabschieden würde, um nur noch als Audio-Spur online zu gehen?

Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen! Der Reiz der Talkshow liegt ja im Zusammenspiel aus Bild und Ton, das wird nur leider oft unterschätzt.

Im „Nachtcafé“ diskutieren Sie teils sehr intime Inhalte. Macht es das leichter, Menschen in den sozialen Netzwerken anzusprechen?

Es passt auf jeden Fall zusammen. Das „Nachtcafé“ versucht aber, eine eigene Gesprächskultur zu entwickeln. Bei uns sitzen Menschen, die sich gegenseitig zuhören und eigene Positionen auch mal überdenken. Und dann kann sich jeder selbst positionieren: Wie wäre ich mit dieser Situation umgegangen? Das ist der Kern des „Nachtcafés“. Es ist heute ja nicht mehr selbstverständlich, dass Andersdenkende zusammenkommen, wenn wir an die sozialen Netzwerke denken, wo die Leute sich gegenseitig in ihren Ansichten stärken und sich hinter ihnen verschanzen. Wir wollen ausdrücklich ein generationsübergreifendes Format sein, für 18- bis 80-Jährige. Das sorgt auch in der Redaktion für Aufbruchsstimmung, anstatt zu denken, man hätte den Zug verpasst.

Begonnen haben Sie in den frühen Neunzigern als Moderator bei einem dem „Nachtcafé“ ähnlichen Format namens „Doppelpunkt“, das sich an ein eher junges Publikum gerichtet hat. Sehen Sie sich als Talk-Pionier?

Da würde ich mich überhöhen. Allerdings ist es so, dass „Doppelpunkt“ im selben Jahr gestartet ist wie das „Nachtcafé“. Insofern waren beide Sendungen Pioniere, weil beide von Anfang an unbekannten Menschen Raum gegeben haben.

Schaut man heute bei Youtube alte „Doppelpunkt“- und „Nachtcafé“-Clips, wirken die manchmal spontaner, weniger geschliffen und auch kontroverser als heutige Talks. Würden Sie das unterschreiben?

Das „Doppelpunkt“-Format hatte im Vergleich zum „Nachtcafé“ eine andere Form. Zum „Doppelpunkt“-Konzept gehörte es, dass alle Gäste im Saal sich aktiv zu Wort melden konnten. Und das zur besten Sendezeit. Keiner wusste, was die einzelnen Leute sagen würden. Was die frühen „Nachtcafés“ angeht: geschliffen sind wir heute, glaube ich, auch nicht. Weil nichts vorbesprochen ist. Ich treffe die Gäste zwar vorher und versuche, ihnen die Hemmung vor dem Medium zu nehmen. Aber über das Thema reden wir nicht.

Vielleicht saßen in den frühen Sendungen auch noch nicht die Medienprofis, die wir heute alle in gewisser Weise durch die Sozialen Netzwerke geworden sind; so dass wir uns aus dem Bewusstsein um unsere öffentliche Wirkung eher mit gebremstem Schaum vor Kameras präsentieren.

Die These ist spannend, und ich könnte ihr hier nicht überzeugend widersprechen. Wenn man sich überlegt, dass Menschen früher auf die Straße gegangen sind, um gegen die Volkszählung zu protestieren, und sieht, was sie inzwischen freiwillig in den sozialen Netzwerken preisgeben! Natürlich hinterlässt das Spuren in den Persönlichkeiten. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass die Menschen, die bei uns sind, nicht mehr authentisch sind. Vielen merke ich durchaus noch an, dass es ihnen nicht leichtfällt, über ihre Themen öffentlich zu sprechen.

Hate Speech ist heute ein großes Problem. Kann eine Sendung wie das „Nachtcafé“ Menschen im respektvolleren Umgang miteinander schulen?

Wir wollen den Gästen nichts beibringen – wir sehen ja, dass der Dialog funktioniert, wenn wir Menschen in ein gesprächsförderndes Umfeld bringen. Auch in der Berücksichtigung von Themen wie Gender, Rassismus, wo es besonders schwierig ist, gemeinsam in den Dialog zu kommen, weil da Positionen oft unversöhnlich einander gegenüber stehen. Da sehe ich für den Journalismus im Großen und fürs „Nachtcafé“ im Kleinen eine wichtige Aufgabe.

Ein Blick in die Glaskugel: Schafft das „Nachtcafé“ 1000 weitere Folgen?

Ja, selbstverständlich (lacht). Dem „Nachtcafé“ traue ich alles zu!