Im Wizemann füttern Mia hungrige Stuttgarter Herzen mit Regenbogenliedern, Nachtbus-Poesie und Konfetti-Punk.
Das waren damals noch andere Zeiten, als Mia 2002 mit ihren wilden Elektropunk-Hymnen von „Hieb & Stichfest“ um die Ecke bogen. Ihr Stil war wild, bunt, voller punkiger Energie und poppigem Schmelz, Frontsängerin Mieze Katz eine extravagante Ausnahmeerscheinung im deutschen Popzirkus – mit Haltung und Berliner Schnauze. Sie war laut und selbstbewusst, also ganz anders als das Bild von der sanften Frontfrau, das damals immer noch vorherrschte. Dass es heute Nina Chubas und Ikkimels gibt, ist in Teilen auch ihr zu verdanken.
Stilistisch wanderten Mia auf ihren bisher sieben Alben (das letzte, „Limbo“, erschien 2020) vom ungestümen Elektropunk über Rock und Pop bis hin in balladeske Sphären, 2026 spiegelt sich das in einem wunderbar gemischtem, fantastisch aufgelegten Publikum. Das Wizemann ist zwar nicht ganz gefüllt, aber so bleibt hinten und an den Rändern immerhin genug Platz zum Tanzen.
Ständig in Bewegung mit stürmischen Songs
Bei einer Mia-Show ist das wichtig: Frontfrau Mieze Katz schlüpft während der rund zweistündigen Show nämlSSStändieich nicht nur ständig in neue Outfits und erinnert mal an einem Vogel, mal an Grace Jones und mal an eine Roller-Derby-Skaterin; vor allem ist sie ständig in Bewegung, tanzt, dreht sich, springt, nimmt ein Bad in der Menge. Das Publikum macht es ihr nach, das Wizemann wird zur wogenden Masse.
Mit „Los“ geht es los, ein neuer Song, der etwas überrascht und eine fast schon schlagereske Note aufweist. Das würde vielleicht etwas besser auf den Wasen um die Ecke passen, aber bevor die Verwunderung zu groß wird, knallen sie mit „Alles neu“ gleich einem stürmischen Song vom Debüt hinterher und führen danach in ihren überschäumenden, kunterbunt-anarchischen „Zirkus“. Schon dieser Eröffnungshattrick macht die Bandbreite dieser Band klar.
Ein Abend voller Geschichten
Inmitten ihrer Musiker fühlt sich Mieze sichtlich wohl, Gitarrist Andy Benn und Basser Robert Schütze sind seit der Gründung als Schülerband mit dabei, Schlagzeuger Gunnar Spies auch schon seit 25 Jahren. Das prägt, das sorgt dafür, dass man sich blind aufeinander verlässt und eher das Gefühl erweckt, hier wären gute Freunde für eine Bandprobe zusammengekommen. Der Vibe des Abends ist überhaupt offen, unverkrampft, empathisch: Die Sängerin wendet sich oft ans Publikum, sucht Ansprache, setzt klare Zeichen für eine offene Gesellschaft, bekommt lauten Jubel zurück. Auffällig: Die meisten kommen von auswärts und sind auf ihrem ersten Mia-Konzert.
Ganze fünf von Miezes Solosongs finden den Weg ins Programm, dafür fehlen Songs wie „Mausen“ oder „Mein Freund“. Ihre Entscheidung natürlich, aber doch ein klein wenig seltsam. Fans der ersten Stunde werden sich zudem über teilweise stark abgewandelte Arrangements oder ganz ausgelassene Textzeilen wundern. Auch das ist künstlerische Freiheit, man möchte Songs schließlich nicht in alle Ewigkeit lang immer gleich spielen; gerade die frühe Anarcho-Phase der Band lässt im Wizemann aber ein wenig Rotzigkeit und Druck vermissen – vor allem bei der Zugabe „Kreisel“.
Mia führen ihr Publikum dennoch durch einen gelungenen Abend voller Geschichten über Liebe und Älterwerden, Zweifel und Euphorie. Mieze Katz war immer eine, die den Mund gegen Unrecht und für marginalisierte Gruppen aufgemacht hat. Auch 25 Jahre später hört sie damit nicht auf. Und erreicht an diesem Abend wahrscheinlich sogar mehr Menschen mit ihrer Message als eine Punk-Band, die vor einem antifaschistischen Publikum „Nazis raus!“ brüllt.