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Meßstetten "Schenken und dabei reicher werden"

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Fotos: Eyrich Foto: Schwarzwälder Bote

Über das "Ehrenamt – unverzichtbares Element einer lebendigen Bürgergesellschaft" lassen sich viele Redner aus. Aber nur wenige so qualifiziert, fundiert und charmant wie Frank Otfried July beim dritten Bürgerempfang der Stadt Meßstetten.

Meßstetten. 23 von 100 Millionen Ehrenamtlichen in Europa wirkten in Deutschland, sagte Bürgermeister Frank Schroft, als er Frank Otfried July, Landesbischof der evangelischen Kirche Württemberg, beim Bürgerempfang ankündigte – und in Meßstetten sei dies besonders wichtig gewesen, machte July deutlich: Er war, nachdem er vor drei Jahren die Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge (Lea) besucht hatte, gerne wiedergekommen, um seinen Dank an die vielen ehrenamtlichen Helfer in Meß-stetten "nochmals zu unter-streichen" und den Meßstet-tern zu sagen, dass sie stolz darauf sein könnten, was sie gestemmt hätten. Aber auch auf ihr Engagement jenseits und nach der Lea: in der Kirche, in Vereinen, der Kommunalpolitik, der Nachbarschaftshilfe – und so weiter.

"Zeit schenken und sich gut fühlen" – so beschreibe Michael Lehmann vom SWR das, was das Ehrenamt ausmache: "Dass ein Mensch die verschenkten Stunden nicht zählt, sie sich nicht bezahlen lässt und dennoch selbst reicher dadurch wird."

Ohne Ehrenamt funktioniere kein Gemeinwesen, so July: "Es gibt Orientierung, etwas zutiefst Sinnstiftendes. Es ist unbezahlbar und hält die Gesellschaft zusammen." Gerade in Meßstetten sei das mit Händen zu greifen: Die Herausforderung der Lea mit zeitweise 3500, insgesamt mehr als 28 000 Geflüchteten habe nur mit Hilfe freiwilligen Engagements bewältigt werden können.

Weil Ehrenamt Unterstützung brauche, hätten Landeskirche und Diakonisches Werk in jedem Kirchenbezirk Hauptamtliche, die Ehrenamtliche unterstützten und weiterbildeten, kämen auf zwei Millionen Gemeindeglieder doch 140 000 ehrenamtlich Engagierte. Sie setzten als Christen "ein Zeichen der bedingungslosen Liebe Gottes zu uns, indem sie weitergeben".

Die Basis ist Voluntas – die Willensfreiheit

Die Kirche definiere sich von ihrer Entstehung her durch ehrenamtliches Handeln, und das englische "Volunteer" gehe auf das lateinische "Voluntas" zurück: "Willensfreiheit", erklärte der Landesbischof. Als eine der ersten ehrenamtlichen evangelischen Vereinigungen aus Londoner Kaufleuten habe sich die Gesellschaft zur Verbreitung des Evangeliums in Neu-England ab 1649 der Mission unter den Indianern Nordamerikas gewidmet, die geistliche Erneuerung, christliche Bildung und Reform der Sitten ehrenamtlich vorangetrieben, Wohlfahrtsschulen für arme Kinder gegründet und Geld für Arme gesammelt.

Tierschutz – ein Erbteil des Pietismus

Immer wieder hätten Ehrenamtliche den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen und Ideen vorangetrieben, etwa Pietisten in Deutschland und den Niederlanden im 18. Jahrhundert die Einrichtung von Schulen, Bibliotheken, Kranken- und Waisenhäusern. Selbst der Tierschutz gehöre zum Erbe des Pietismus: Der Stuttgarter Pfarrer Albert Knapp habe 1837 den ersten Tierschutzverein Deutschlands gegründet.

Heute wandelten sich Motivation und Gestalt des Ehrenamts. Immer öfter ruhe es auf wenigen Schultern. Daher müsse es heute zwei Kriterien erfüllen: zeitlich begrenzt sein und dem Helfenden auch persönlich etwas bringen. Dass sich dafür niemand schämen müsse, unterstrich July mit Nachdruck.

Die Folge: Ehrenamtliche müssten heute anders angeleitet werden als früher, brächten hohe Kompetenzen und Qualifikationen mit und erwarteten zu Recht Wertschätzung, Information, Einbindung und Unterstützung von Hauptamtlichen, klare Absprachen und Transparenz. Außerdem seien Kostenersatz und Aufwandsentschädigung, versicherungs- und haftungsrechtliche Fragen zu klären.

"Für das Ehrenamt sollte gelten: Lass sein, was du nicht kannst", betonte July: "Ich habe ein Faible für die Feuerwehr. Aber auf der Drehleiter würde mir schwindelig." Vielleicht, so fügt er scherzhaft hinzu, habe die Feuerwehr Meßstetten einen Job als Maschinisten für ihn. Kompetenz, vor allem soziale Kompetenz, lasse sich durch das Ehrenamt aber auch erlernen – das treffe zum Beispiel auf viele Führungskräfte zu.

Dennoch müsse die Gesellschaft lernen, dass ehrenamtlicher Einsatz heute nicht mehr so selbstverständlich sei wie früher. Daher sei eine Ehrenamtskultur wichtig: das feierliche Einsetzen in den Dienst, der öffentliche Dank, Begleitung und Unterstützung bei Konflikten – und der Respekt dafür, "dass ehrenamtliche Tätigkeit auch einmal enden kann".

Ob Frank Schroft schon vor Julys –­ weitgehend frei gehaltener Rede – mit ihm darüber gesprochen hatte? Jedenfalls knüpfte er die Ehrung ehrenamtlicher Stadt- und Ortschaftsräte auf großer Bühne daran an (wir werden noch berichten). Nicht jedoch, ohne dem Landesbischof mit einem Geschenk aus Meßstetten – fair gehandelten Leckereien – zu danken und ihn einzuladen, sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen. Frank Otfried July dankte seinerseits allen, "die ein Ehrenamt innehaben" – und segnete sie für ihr Tun.

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