Hilferuf im Duschraum Foto: Schwarzwälder-Bote

Meßstetter Abiturienten befassen sich im Fach Bildende Kunst mit Thema "Sexueller Missbrauch" / Schrei nach Hilfe

Von Christoph Holbein

Meßstetten. Ein angstvoller Schrei dringt aus dem Duschraum – unter Schock. Da ruft jemand nach Hilfe, will auf sich aufmerksam machen, auf die Gewalt, die ihm widerfährt. Es ist ein heikles Thema, das die Abiturienten aufgreifen: sexueller Missbrauch.

Im Foyer und Untergeschoss des Meßstetter Gymnasiums haben die 60 Schüler der Klassen zwölf und 13 als praktische Abschlussarbeit im Fach Bildende Kunst vier Nischen installiert. An einer didaktischen Info-Wand haben die Schüler die Möglichkeit nachzulesen, worum es geht. "Uns ist es wichtig, ein Problembewusstsein für diesen Tabubereich aufzubauen. Das Ziel ist, dass die Menschen das Thema nicht totschweigen, sondern den Opfern helfen, wenn sie vom sexuellen Missbrauch erfahren", sagt Güven Isbir, der gemeinsam mit einem Mitabiturienten ein Exposé zu der Unterrichtseinheit erstellt hat.

Schockierend: "Warum tust du mir das an?"

Die Präsentation mit begehbaren Installationen, die verschiedene Situationen darstellen, möchte alle Facetten des sexuellen Missbrauchs erfassen: Im Kinderzimmer liegt Spielzeug – mit einfachen Mitteln selbst hergestellt. Der primitivistische Stil ist bewusst gewählt, um die Wirkung eindringlicher zu machen. "Warum tust du mir das an?" steht auf einem Zettel, und im Fernseher läuft eine Sequenz, in der eine Kinderzeichnung verbrennt: Die vertraute, einst heile Welt löst sich auf.

Die Installationskunst der Künstlerin Louise Bourgeois, Schwerpunktthema im Prüfungsfach Bildende Kunst, ist Ausgangspunkt. Einiges deutet darauf hin, dass die zeitgenössische französisch-amerikanische Bildhauerin in ihrer Kindheit selbst sexuell missbraucht wurde. Jeder Schüler war entsprechend seines Geschicks eingebunden: "Sie haben alles alleine gemacht", betont ihr Kunstlehrer Wolfgang Neufang-Fleck. Sie arbeiteten innerhalb eines halben Jahres das Thema auf, sammelten Zeitungs- und Erfahrungsberichte, Fallbeispiele, redeten mit Schulpsychologen und erfuhren dabei, dass vermutlich jedes vierte Kind belastet ist mit negativen Erlebnissen – was die Brisanz des Themas erhöht.

"Wir müssen vorsichtig damit umgehen, weil davon auszugehen ist, dass möglicherweise auch Meßstetter Schüler betroffen sind", verdeutlicht der Kunstlehrer. So dürfen die Schüler die Installationen in den Nischen, die in ihrem Abgeschottetsein die Auswegslosigkeit symbolisieren, nur in Führungen besuchen, gehen klassenweise durch mit ihren Lehrern. Etwa durch den Internats-Schlafraum – der Fall der Odenwaldschule kommt in die Erinnerung – und sehen in Endlosschleife ein Video: Schritte, eine Tür öffnet sich, ein Mann nimmt einen Jungen mit, ein Schrei bricht heraus. Auch darum geht es, aufzuzeigen, wie ein Betroffener richtig in einer solchen Situation reagiert, dass er sich wehrt, Ich-Stärke aufbaut, sich auch als Kind körperlich dagegen stemmt, denn das, so Neufang-Fleck, schrecke viele Täter ab.

Die Ausstellung berührt, flößt auch Angst ein, schockt, macht sensibel mit ihrem multimedialen Einsatz von Bild, Ton, Gegenständen. Auch die Filme haben die Abiturienten selbst aufgenommen, eigens ein Drehbuch dafür geschrieben. "Wir haben alles selbst erarbeitet, das macht stolz", sagt Güven Isbir. Der Betrachter soll Empathie entwickeln für die Opfer, die Präsentation soll ihn aufwühlen, wie das großformatige Bild im Treppenhaus, eine Zeichnung, auf der eine Erwachsenenhand einen Kindermund zuhält, die über die Ausstellung hinaus hängen bleibt, wie der Beichtstuhl am Ende der Treppe, der die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche anprangert.

"Es ist sehr positiv, dass sich die Schüler eines solchen Themas sensibel annehmen", sagt Schulleiter Norbert Kantimm. Die Installationen sind ein pädagogischer, ein wertvoller Ansatz im Kunstunterricht, der zweierlei vereint: sich praktisch mit Kunst auseinanderzusetzen und dabei tiefe Betroffenheit für eine wichtige Thematik zu entwickeln.